Work-Life-Balance vs. Wirtschaftskrise?

Redakteurin Lucy Hammann muss bei den Kämpfen des gefangen gehaltenen Clowns Petruschka an die Kämpfe der Gen Z denken: für ein gutes Leben und gegen die Versuche, die Errungenschaften des Sozialstaats zurückzuschrauben.

Petruschka ist ein freiheitsliebender Clown. Er wünscht sich Unabhängigkeit, Liebe und Spaß am Leben. Doch der Gaukler, der Petruschka als Puppe in einen Schaukasten gesperrt hat, bestimmt über ihn und lässt ihm keinen Raum für Selbstbestimmung. Petruschka jedoch gibt nicht auf und kämpft für das, was er sich schon sein Leben lang wünscht: Freiheit.

Die Aufführung der beiden Stücke Petruschka & L’Enfant et les Sortilèges (Komponisten: Igor Strawinsky & Maurice Ravel), die am 7. November in der Staatsoper Hamburg Premiere feiern, entführt in eine fiktionale und wunderliche Welt. Das zugrundeliegende Thema könnte aktueller nicht sein: Überträgt man dieses Machtverhältnis auf unsere heutige Arbeitswelt, kann Petruschkas Situation teilweise an die von Arbeitnehmer:innen erinnern, deren Handlungsspielraum von ihren Arbeitgeber:innen bestimmt wird. Viele junge Menschen wünschen sich mehr Freiheiten und Stabilität im Job, gute Bezahlung, Sicherheit, ein erfülltes Leben außerhalb der Arbeit. Die jetzige Wirtschaftssituation und die damit verbundenen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt stehen einer solchen Work-Life-Balance im Weg. Diese Erfahrungen haben viele junge Menschen bereits selbst machen müssen: Janice hat Sozialökonomie mit dem Schwerpunkt BWL und Marketing im Bachelor studiert. Während dieser Zeit sammelte die 26-Jährige außerdem zwei Jahre Erfahrung als Werkstudentin im Marketingbereich. Trotzdem fand sie im Anschluss keinen Job und bewarb sich schließlich auch auf Praktika. Von diesen absolvierte Janice drei, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Dies tat sie nach eigenen Aussagen unfreiwillig und aus der Not heraus – die Stellen waren nicht gut bezahlt. Knapp eineinhalb Jahre später fand sie dann eine unbefristete Stelle, jedoch nur durch persönliche Kontakte. Es handelte sich um dasselbe Unternehmen, bei dem sie bereits als Werkstudentin gearbeitet hatte.

Auch die Zahlen zum Arbeitsmarkt sprechen für sich: Die Arbeitslosenquote in Deutschland liegt bei 6,2 Prozent, das entspricht fast vier Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter. Bei den unter 25-Jährigen beträgt die Quote 5,7 Prozent. In Hamburg liegt sie über dem Bundesdurchschnitt. Hier kommen im Juni 2026 auf 14.325 offene Arbeitsstellen 93.963 Arbeitssuchende. Die Bundesagentur für Arbeit schaut sich auch spezifisch junge Menschen an. Sie stellt fest, dass 2025 mehr junge Menschen arbeitslos waren als im Vorjahr und kommt zu dem Schluss: „Die Entwicklung weist darauf hin, dass der Übergang von Schule, Ausbildung und Studium in den Arbeitsmarkt schwieriger geworden ist.“ Auch der Wirtschaftswissenschaftler Maurice Höfgen erklärt auf YouTube, dass Studienabsolvent:innen es heute schwieriger haben als noch vor ein paar Jahren: Seit 2022 steigt die Anzahl arbeitsloser Akademiker:innen unter 30 Jahren konstant. Außerdem müssen immer mehr dieser jungen Menschen 50 bis 150 Bewerbungen schreiben, bekommen kaum Rückmeldungen oder ihnen werden Jobs angeboten, für die sie überqualifiziert sind.

Warum die Wirtschaft in Deutschland seit ein paar Jahren schwächelt, hat verschiedene Gründe, erklärt Prof. Dr. Arne Heise, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, im Interview mit GENZ. Er unterscheidet zwischen temporären und strukturellen bzw. langfristigen Gründen. Die Energiepreisentwicklungen durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die Konflikte zwischen USA/Israel und dem Iran treffen Deutschland als Industriestaat besonders stark. Hinzu kommt die Unsicherheit im internationalen Handel, ausgelöst durch die USA, die Deutschland als Exportnation ebenso trifft. Die Binnenwirtschaft von innen heraus anzukurbeln, durch Geldpolitik oder Investitionen, gestaltet sich aufgrund von Inflation und Schuldenbremse als ebenfalls schwierig. Außerdem beeinflusst die ökologische Krise die Wirtschaft. Prof. Heise erklärt: „Den Klimawandel zu stoppen, geht nicht mit ungebremstem Wachstum […]. Wenn wir die Umweltproblematik so ernst nehmen würden, wie wir sie nehmen müssten, dann werden wir zur Vollbeschäftigungssituation bei einer 35- bis 40-Stunden-Woche nicht mehr zurückkommen können“. 

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Maraia Jakimov

Auf die Frage „Arbeiten wir zu wenig?“, die in Talkshows diskutiert wird, lässt sich also sagen: So einfach ist das nicht. Hinzu kommt, dass die Anzahl der Arbeitsstunden allein wenig über die Wirtschaftsleistung aussagt: Mehr Arbeitsstunden bedeuten nicht automatisch mehr Produktivität. Dafür sind auch Investitionen und Innovationen notwendig. Außerdem wollen viele Menschen arbeiten, können es jedoch aus verschiedensten Gründen nicht. Auch viele Studierende aus dem Ausland, die ihr Studium in Deutschland absolviert haben, kämpfen mit großen Schwierigkeiten auf dem Jobmarkt. Der 29-jährige Malik* hat einen Master in Sustainable Renewable Energy Technologies und hat in den letzten acht Monaten über 300 Bewerbungen geschrieben. Die Bewerbungsprozesse dauern manchmal mehrere Monate und am Ende kommt dennoch eine Absage. Daneben gibt es ein weiteres Problem: Obwohl Firmen oft international aufgestellt und fast alle Programme auf Englisch sind, werden häufig fließende Deutschkenntnisse vorausgesetzt. Mit diesem Hindernis hat auch Iván aus Mexiko zu kämpfen. Der 29-Jährige steht am Ende desselben Studiengangs wie Malik*; er hat verschiedene Berufserfahrungen gesammelt und bereits über 20 Bewerbungen geschrieben. Bisher gab es nur negative Rückmeldungen.

Eine andere Frage, die sich junge Menschen stellen, ist, zu welchen Bedingungen sie arbeiten möchten. Gewerkschaften haben über viele Jahre Arbeitnehmer:innenrechte erkämpft: z. B. den gesetzlichen Mindestlohn, den 8-Stunden-Tag bzw. die 40-Stunden-Woche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz und Beschäftigungssicherung. Trotzdem sind immer weniger junge Menschen in Gewerkschaften aktiv und viele dieser Rechte stehen in der Politik damals wie heute zur Diskussion. Anpassungen bei den Krankschreibungen könnten der Wirtschaft und den Arbeitnehmer:innen jedoch schaden. Dies zeigt ein Reformpaket aus dem Jahr 1996. Das führte laut der Studie „A natural experiment on sick pay cuts, sickness absence, and labor costs“ (Journal of Public Economics) zu 30 Prozent weniger krankheitsbedingter Abwesenheit (Absentismus), jedoch gingen stattdessen mehr Menschen mit ansteckenden Krankheiten zur Arbeit (Präsentismus). Diese Art von Präsentismus kostet deutsche Unternehmen doppelt so viel wie Absentismus, wie eine Studie der Felix Burda Stiftung zeigt. Außerdem erhöht sich das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko sowie die Gefahr, chronisch zu erkranken. Auch Einschränkungen beispielsweise bei der Beschäftigungssicherung hätten reale Folgen: Kredite werden seltener genehmigt, wenn Menschen in einem befristeten Arbeitsverhältnis stehen und auch die Wohnungssuche wird schwieriger, weil Mietverträge oft einen unbefristeten Arbeitsvertrag voraussetzen.

Ein Modell, in dem Prof. Heise Potenzial sieht, ist die 4-Tage-Woche, insbesondere mit Blick auf die ökologische Krise, in der wir uns befinden: Wenn solche Arbeitszeitmodelle gerecht und solidarisch aufgestellt sind, dann würden sie die Arbeitszufriedenheit und die Produktivität erhöhen. Und um auch bei jungen Menschen mehr Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu schaffen, sollte ökonomische Bildung bereits in der Oberstufe fest verankert im Lehrplan sein: „Schüler:innen sollten kritisch an ökonomische Prozesse herangeführt werden. Kapitalistische, neoliberale Indoktrinationen“ seien dabei jedoch wenig sinnvoll. Prof. Heise sieht außerdem in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz eine der größten Herausforderungen für junge Menschen. Es bleibt unsicher, welche Qualifikationen am Ende die richtigen sind und welche Arbeitsplätze in der Zukunft wegfallen werden.

Zurück zum Anfang, zum freiheitsliebenden Clown Petruschka: Er kämpft weiter gegen den Platz, den andere für ihn vorgesehen haben. Er will selbst entscheiden, wie er arbeitet, wen er liebt und wofür er seine Zeit verwendet. Vielleicht wirkt seine Geschichte gerade deshalb so gegenwärtig: Hinter all den Zahlen, Debatten und Forderungen steht am Ende eine ziemlich einfache Frage – wie viel Freiheit brauchen wir, um unser eigenes Leben führen zu können? Auf der Bühne versucht Petruschka jedenfalls, eine Antwort darauf zu finden. Und nimmt dafür den Kampf mit seinem Gaukler auf.

* Name von der Redaktion geändert 

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