Die Selbstermächtigung im Sprechen über Gewalt
„Was passiert ist, gehört zu meiner Geschichte“*

Die Geschichte von Dornröschen kennen wir als Märchen vom hundertjährigen Schlaf und vom erlösenden Kuss eines Prinzen. Doch in einer ihrer frühen Fassungen ist die Geschichte sehr viel brutaler: Eine schlafende junge Frau wird zum Opfer sexualisierter Gewalt. Redakteurin Nele Britt Lübke fragt angesichts des gesellschaftlichen Defizits im Schutz von Frauen danach, was es bedeutet, wenn Betroffene selbst zu Erzählerinnen ihrer eigenen Geschichte werden – und wie viel Mut es braucht, über erfahrene Gewalt zu sprechen.

Jeder dritte Mann toleriert laut einer repräsentativen Umfrage der Organisation Plan International aus dem Jahr 2023 Gewalt an Frauen. Nicht nur diese Umfrage, sondern auch die Datenerhebung der europäischen Grundrechteagentur schockiert, denn ungefähr jede dritte Frau ist mindestens einmal im Leben von psychischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Da vor allem Frauen betroffen sind, spricht man in diesem Kontext auch von geschlechtsspezifischer Gewalt. Und wie diese Zahlen zeigen, ist dies kein Einzelfall.

Luisa** ist eine junge Frau, die sich zurück ins Leben kämpft. Gegenüber GENZ erzählt sie von der Stigmatisierung, die auf ihre Erfahrung mit sexualisierter Gewalt folgte. Als sie gerade 18 Jahre alt ist, werden ihr in einem Club K.-o.-Tropfen verabreicht und sie kommt erst wieder in einem fremden Auto mit drei Männern zu Bewusstsein. Am nächsten Morgen wacht Luisa auf, ihre Kleidung, die sie am Abend trug, ist verschwunden und sie kann sich an kaum etwas erinnern. In den darauffolgenden Tagen kann sie zunächst nicht realisieren, was passiert ist. Intuitiv habe Luisa sich zunächst zurückgezogen und sei weder rausgegangen noch habe sie mit anderen über das Geschehene sprechen können. Auch berichtet sie offen über ihre anfänglichen Scham- und Schuldgefühle. Im Gespräch mit ihr kristallisiert sich besonders stark heraus, dass sie weder als Opfer gesehen, noch bemitleidet werden möchte. Bis heute hat Luisa deshalb nur mit wenigen Menschen aus ihrem Umfeld über das, was ihr passiert ist, gesprochen. Klar wird vor allem, wie viel Mut es braucht, sobald man sich anderen Menschen anvertraut. Luisa spricht mit der Polizei über die Tat, aber die Ermittlungen werden eingestellt und es kommt nicht zu einem Verfahren.

Fälle, mit denen Frauen an die Öffentlichkeit gehen, zeigen, dass es für sie negative Konsequenzen haben kann, darüber zu sprechen. Es folgt, anders als man es erwarten könnte, nicht immer ein sensibler Umgang und Verständnis.

Ein aktuelles Beispiel ist der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes. Über Jahre hinweg sei gegen ihren Willen, aber unter ihrem Namen, pornografisches Bildmaterial an männliche Kollegen der Branche verbreitet worden. Der mutmaßliche Täter ist ihr eigener Ehemann, der Schauspieler Christian Ulmen. Erschreckend ist dabei nicht nur, dass der mutmaßliche Täter aus Fernandes engstem Umfeld stammt, sondern auch die Reaktion vieler Männer auf den öffentlichen Diskurs. Google-Trends-Daten belegen , dass auf die Veröffentlichung des Interviews im SPIEGEL, in dem Fernandes über die mutmaßliche Tat spricht, vermehrte Suchanfragen mit dem Namen der Schauspielerin in Kombination mit der Suche nach pornografischen Bildern gestellt wurden. Auf die bereits erfahrene digitale Gewalt erfolgt damit eine erneute Sexualisierung.

Im Fall Fernandes hat die Betroffene viel gesellschaftlichen Zuspruch erfahren können. Doch bei weniger prominenten Fällen wie Luisa sieht es oft schwieriger aus. Trans, behinderte, lesbische, BIPoC bzw. migrantische Frauen sind darüber hinaus besonders gefährdet , von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen zu sein. Weniger privilegierte Frauen können auf Unterstützungsangebote wie Frauenhäuser und auch Hilfsorganisationen zugreifen, wie beispielsweise den Weißen Ring, die sich dem Schutz Betroffener widmen. Die Nachfrage nach diesen Angeboten ist allerdings weit größer als deren Kapazitäten. Einen Therapieplatz findet Luisa ebenfalls nicht.

Die Daten sowie die persönliche Erfahrung zeigen klare Defizite im Schutz von Frauen auf. Dieses Defizit ergibt sich aus juristischen Herausforderungen und einem Mangel an gesellschaftlichem Augenmerk auf das Thema. Und gleichzeitig erzählt es eine Geschichte von Mut, dem Mut, trotz der bisher schlechten Erfahrungen weiterhin über das Erlebte zu sprechen, in der Hoffnung, es anderen Frauen leichter zu machen und damit etwas verändern zu können.
„Ich möchte anderen Betroffenen mitgeben, dass sie die Schuld niemals bei sich selbst suchen sollten. Ich habe das am Anfang selbst getan, aber die Schuld liegt nicht bei einem selbst“, betont Luisa. „Außerdem möchte ich Mut machen, darüber zu sprechen, wenn man sich danach fühlt, selbst dazu bereit ist und eine Person hat, bei der man sich sicher fühlt. Ich habe vieles lange mit mir selbst ausgemacht und gemerkt, dass es guttun kann, darüber zu sprechen.“

Durch das, was passiert ist, hat sich auch Luisas ursprünglicher Berufswunsch verändert. Heute ist sie im ersten Ausbildungsjahr zur Erzieherin und hat damit einen Beruf gefunden, den sie mit vollem Herzen ausübt. „Gerade die Kinder zeigen mir jeden Tag auf ihre ganz eigene Art, dass auch nach schwierigen Erfahrungen wieder Schönes möglich ist. Was passiert ist, gehört zu meiner Geschichte. Aber es bestimmt nicht, wer ich bin oder wie ich mein Leben führen werde.“

* Hinweis: Dieser Text behandelt in Teilen das Thema sexualisierte Gewalt. Wenn dich das Thema belastet, kannst du den Artikel überspringen.

** Name von der Redaktion geändert 

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