Warum wir ständig alles teilen und was das mit uns macht
Pics Or It Didn’t Happen

Redakteurin Anna Günther fragt sich, was es mit uns macht, wenn wir alles fotografisch festhalten wollen. Vielleicht liegt das Besondere einer Erfahrung gerade im Wechselspiel zwischen dem, was bleibt, und dem, was flüchtig ist, – eine Kulturtechnik, über die es nachzudenken lohnt, auch an Orten wie der Oper, an denen Fotos für eine Zeit bewusst außen vor bleiben müssen.

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Maraia Jakimov/Unsplash

Selfie beim Sonnenuntergang im Spanien-Urlaub – Klick. Bunte Avocadobowl zum Mittag – Klick! Abends mit Freund:innen auf der Couch – Klick! Kameras begleiten unsere Generation ständig und fangen unsere Alltagsmomente ein. Alles muss dokumentiert werden, es gilt das Motto: „Pics or it didn’t happen“. Oder kurz: POIDH. Doch wozu machen wir das eigentlich? Und was passiert mit unserem Leben, während wir es fotografieren?

Eine mögliche Antwort liefert der Kommunikationswissenschaftler und Pädagoge Adam Schrag. Er beschreibt Social-Media-Posts als eine Art Beweis unserer eigenen Existenz in den sozialen Medien. Es geht dann manchmal weniger um den Inhalt als um die bloße Existenz der Beiträge. Denn nur die Behauptung, etwas erlebt zu haben, reicht nicht mehr aus. Es braucht den Foto-Beweis: „Pics or it didn’t happen“! In der digitalisierten Welt, in der wir leben, ist das nicht überraschend. Auf der Suche nach einer Identität in dieser Welt wird auch der digitale Raum zu einem Ort der Selbstfindung und Selbstinszenierung.

Dass wir uns mitteilen wollen, ist allerdings kein Phänomen des digitalen Zeitalters. Die Medienpsychologin Prof. Dr. Trepte erklärt das Teilen persönlicher Fotos mit dem Konzept der Selbstoffenbarung. Sich anderen mitzuteilen und zu zeigen, wer wir sind, sei ein tief verankertes Bedürfnis von uns Menschen. Es schafft und erhält soziale Bindungen und kann soziale Unterstützung ermöglichen, auf die wir angewiesen sind. Nur wer kommuniziert, dass er krank ist und es deshalb nicht zum Supermarkt schafft, kann auf die Hilfe einer Freundin hoffen.

Neu ist die Reichweite, die uns dafür durch die sozialen Medien zur Verfügung steht. Was früher im Gespräch mit wenigen Menschen blieb, kann heute mit einem einzigen Post ein ganzes Netzwerk erreichen. Die Selbstverständlichkeit des Teilens persönlicher Inhalte zeigt eine repräsentative Bitkom-Umfrage: 57 Prozent der Nutzer:innen posten selbst Beiträge in sozialen Netzwerken; davon 53 Prozent aus dem persönlichen Leben. Wie diese Selbstoffenbarung im Alltag aussehen kann, zeigt Malina. Seit zwei Jahren nutzt die 16-Jährige das Posten von Fotos, Reels und Storys aus ihrem Leben auf Instagram als eine Art digitales Tagebuch. Besonders gerne swipt sie mit ihrem Freund durch ihren Feed und erinnert sich an vergangene Erlebnisse. Sie vergleicht das mit den „Marmeladenglasmomenten“, inspiriert von der Buchreihe Die Wilden Hühner: An schlechten Tagen schaut sie sich die Glücksmomente an und schöpft so Zuversicht, dass es auch wieder schöne Zeiten geben wird.

Doch so persönlich ihr digitales Tagebuch auch ist, Malina führt es nicht allein für sich. Den Follower:innen-Kreis von rund 40 Menschen hält sie bewusst klein und sortiert regelmäßig aus, auch weil ihre geteilten, teils peinlichen Momente schon einmal als cringe bezeichnet wurden. Vielleicht lässt sie auch daher manche Dinge lieber analog: weinen, Streit und generell negative Dinge. Ihr Content soll zwar schön, aber gleichzeitig authentisch wirken – ein Balanceakt. Ob ihre Posts eine Abbildung ihres Lebens sind? „Ja, aber eben kein Rundumblick. Es ist eine beschönigte Version vom Leben, die eine Version von mir zeigt, die ich gerne zeige und auf die ich auch irgendwie stolz bin.“

Doch die Kamera verändert manchmal den Moment: Mit der Kamera in der Hand wird Malina manchmal zur passiven Beobachterin im analogen Leben. So fühlt sie sich manchmal außen vor oder lacht bei Witzen nicht laut mit, damit auf dem Video nicht nur ihr Lachen zu hören ist. Das nimmt sie in Kauf, schließlich entscheidet sie selbst, wann sie die Kamera ausmacht. Ihre Freund:innen sind inzwischen daran gewöhnt. Manchmal sind sie genervt, gerade in intimen Situationen. Gleichzeitig unterstützen sie Malina bei ihrem Hobby und die Beiträge können sogar mehr Verbundenheit schaffen. Eine 22-jährige Studentin erzählt, dass ihr das Gegenteil passierte: Sie verlor einen Freund auch deshalb, weil er ihren eher authentischen Instagram-Kanal zu „unästhetisch“ fand. Was für die einen Nähe und Verbundenheit schafft, kann für andere zum Grund für Distanz werden.

Nicht nur unsere Beziehungen, sondern auch unsere eigene Psyche kann durch das Posten beeinflusst werden. Eine aktuelle Studie des Brand Science Institute zeigt: Sobald wir ein Foto mit dem Gedanken an einen späteren Post aufnehmen, wird es Teil unserer Selbstrepräsentation. Spätere Likes und Kommentare können dann kurzfristig unser Wohlbefinden steigern oder senken, insbesondere, wenn wir uns zuvor bestimmte Reaktionen erhofft haben. Gleichzeitig laden soziale Medien zur strategischen Selbstinszenierung ein. Die Suche nach Anerkennung und der Vergleich mit anderen kann dabei belastend sein.

Die niederländische Medienwissenschaftlerin José van Dijck beschrieb schon 2008 einen grundlegenden Wandel der Rolle und Funktion digitaler Fotografie. Fotos dienen nun nicht nur als zuverlässige Quelle, sich an das das Leben, wie es war, zu erinnern und es zu verifizieren, sondern zunehmend auch der Identitätsbildung und Kommunikation.

Seit 2008 hat sich einiges verändert. Durch Filter, Greenscreens und spätestens durch KI-Modelle und Deepfakes hat das Foto als zuverlässiger Beweis weiter an Bedeutung verloren. Ist das POIDH-Motto also schon längst wieder überholt? Nicht unbedingt. Denn wenn der Instagram-Feed – wie Malina es beschreibt – als „Glücksmomenteglas“ genutzt wird, geht es nicht darum, anderen zu beweisen, wie toll das eigene Leben ist, sondern sich selbst daran zu erinnern. So wird der Feed zum modernen Fotoalbum.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob wir soziale Medien nutzen, sondern wie und warum. Prof. Trepte rät insbesondere von passivem Konsum ab, bei dem man sich stundenlang berieseln lässt und neidvoll mit anderen vergleicht. Aktiver Austausch kann hingegen soziale Bindungen stärken, ohne dabei Face-to-Face-Kontakte zu ersetzen. Denn eine Krankenhausbegleitung oder eine  tröstende Umarmung sind online nicht zu kompensieren. Außerdem warnt sie vor der Nutzung sozialer Medien, wenn es einem psychisch ohnehin nicht gut geht, da sie negative Gefühle wie Einsamkeit oder Wertlosigkeit verstärken können. In solchen Fällen sei es besser, den Kontakt im analogen Leben zu suchen.
Jannis zeigt, dass ein Leben auch ohne Instagram & Co. möglich ist. Vor ein paar Jahren deinstallierte der 22-Jährige den „Zeitverbrenner“, wie er Instagram nennt. Die Idee, mitzubekommen, was im Leben anderer passiert, findet er zwar eigentlich schön. Nur habe er den Eindruck, dass es vielen mehr darum gehe, sich selbst zu präsentieren. „Anscheinend gibt es super viele Sachen, die an mir vorbei gehen, aber so what?“ FOMO (Fear of missing out) – weil er kein Instagram, TikTok oder Snapchat nutzt – kennt er deshalb nicht. Wenn ihn das Leben seines Umfelds interessiert, fragt er persönlich über WhatsApp, am Telefon oder beim nächsten Treffen nach. Fotos als Erinnerung kann er schließlich auch knipsen, ohne sie später zu posten. 

Doch vielleicht verändert die Kamera nicht erst dann unseren Alltag, wenn wir das Foto posten, sondern schon in dem Moment, in dem wir sie in die Hand nehmen. In einer Studie hat das Brand Science Institute dazu den sogenannten „Photo-Taking Impairment Effekt“ untersucht. Demnach wird zwar unsere visuelle Erinnerung durch das Fotografieren gestärkt, aber gleichzeitig nimmt die Erinnerungsleistung an den Moment und seinen Kontext ab. Wer einen Augenblick durch die Kamera betrachtet, erlebt ihn möglicherweise weniger intensiv oder zumindest anders.  

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Unsplash

Wer sich nach mehr echter Begegnung und unmittelbarem Erleben sehnt, muss nicht gleich wie Jannis soziale Medien verbannen. Schon ein bewusster Digital Detox kann helfen. Studien weisen unter anderem auf positive Auswirkungen wie weniger Stress und depressive Symptome hin. Wie wäre es also mal wieder mit einem Wochenende am See ohne Handy oder einem Besuch in der Oper? Dort sind Fotos und Videos während der Vorstellung sowieso verboten. Das Fotografierverbot schützt damit nicht nur die Kunst und andere Zuschauer:innen vor Ablenkung, sondern auch das Publikum vor dem Drang, das eigene Erleben ständig dokumentieren zu müssen. Sobald der Vorhang aufgeht, muss man sich nicht fragen, aus welchem Winkel das Foto am besten aussähe oder welche Szene wohl die meisten Likes brächte. Statt festzuhalten, zu speichern und zu beweisen, geht es ums Präsentsein. Die Oper ist damit einer der Orte, an denen das POIDH-Motto kurz außer Kraft gesetzt wird. Dort zeigt sich, dass nicht jedes Erlebnis zum Foto werden muss, sondern einfach erlebt werden darf und gerade durch die flüchtige Einmaligkeit besonders wird. 

Während für Malina Instagram zugleich Erinnerungsalbum, Hobby und Verbindung zu Menschen ist, führt Jannis sein Leben lieber analog. Beides kann funktionieren und manchmal tut auch eine Auszeit gut. Vielleicht geht es also nicht darum, Fotos für soziale Medien zu verteufeln, sondern sich hin und wieder zu fragen: Fotografiere ich diesen Moment, weil ich ihn festhalten und teilen möchte oder verpasse ich ihn gerade, weil ich ihn unbedingt festhalten muss? Denn am Ende ist nicht entscheidend, ob wir ein Foto machen, sondern ob wir den Moment dahinter noch erleben.

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