Was ist wahr, wenn eine Geschichte erfunden ist? Ausgehend von der Oper fragt Redakteurin Stella Bruttini, wie Kunst reale Ereignisse in fiktive Geschichten verwandelt. Anhand eines der derzeit meistbesprochenen Romane über eine ungarische Familie in den Wirren des 20. Jahrhunderts geht sie der Frage nach, wo Fakten enden und Fiktion beginnt – und warum gerade das Erfundene uns Geschichte manchmal besonders nahebringen kann.
Paul liest freiwillig Bücher über den Ersten Weltkrieg. Nicht für die Uni und auch nicht, weil er Historiker werden möchte. Der 27-Jährige interessiert sich einfach dafür, wie Menschen in den letzten Jahrhunderten gelebt haben. Sein Lieblingsbuch: Sturz der Titanen. Darin begleitet der Autor mehrere junge Menschen aus miteinander verbundenen Familien durch die Zeit des Ersten Weltkriegs. Diese Zeit interessiert Paul schon seit seiner Schulzeit. „Wenn ich eine Epoche besonders spannend finde, macht es mir Spaß, noch mehr darüber zu erfahren und mich vor allem in die Welt hineinzuversetzen. Ich will mir das Leben zu der Zeit vorstellen können. Und das geht nicht mit einem Geschichtsbuch“, sagt er.
Genau darin liegt die besondere Stärke historischer Romane: Sie erzählen Geschichten, die so nie passiert sind und können uns eine vergangene Welt trotzdem erstaunlich wahr erscheinen lassen. Aber wie funktioniert das?
Das New York Magazine beschreibt Nelio Biedermanns Roman Lázár als Sensation der Literaturwelt. Auch deutsche Kritiker:innen sparen nicht mit Lob und bezeichnen den 22-jährigen Autor in Anlehnung an Thomas Mann als „Zauberer“ oder „Wunderkind“. Ziemlich große Worte und ziemlich großes Lob. Der Roman erzählt die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie über drei Generationen hinweg. Auf rund 300 Seiten spannt Biedermann einen Bogen über mehr als ein halbes Jahrhundert: Er beginnt mit dem ungarischen Baron Sándor von Lázár auf seinem düsteren Waldschloss, erzählt vom Untergang des österreichisch-ungarischen Imperiums und vom Niedergang des Adels nach dem Ersten Weltkrieg und endet mit den Enkel:innen Pista und Eva, die in die Schweiz fliehen. Dabei verbindet er das Schicksal einer fiktiven Familie immer wieder mit historischen Ereignissen, die er in einem langen Prozess gesammelt hat. Spätestens hier fragt man sich: Was ist historisch korrekt und was gehört zur erfundenen Welt der Romanfiguren?
Zwischen Fakten und Fiktion
Biedermanns Großeltern väterlicherseits stammen selbst aus einer ungarischen Adelsfamilie und flohen 1956 vor dem kommunistischen Regime in die Schweiz. Für seinen Roman durchforstete der Autor die Familienchronik, die sich im Besitz seines Großonkels befand. Dabei stellte er fest, dass die Erzählungen seiner Großmutter vieles beschönigt hatten. Die historischen Fakten waren deutlich düsterer: Krankheiten, Suizid und familiäre Tragödien prägten die Geschichte. Dieser Eindruck bestätigte sich, als Biedermann weitere physische und digitale Archive auswertete. Historische Daten und Abläufe überprüfte er sorgfältig, Essgewohnheiten und Lebensumstände erschloss er aus familiären Hinweisen. Im Netz suchte er vor allem nach spezifischen historischen Begriffen. Außerdem las er zahlreiche Texte aus der Zeit um 1900, um ein Gefühl für die Denkweise der Menschen zu entwickeln. Das zeigt: Obwohl die Figuren in Lázár frei erfunden sind, ist die historische Welt, in der sie leben, sorgfältig recherchiert. Gehört also eine Geschichte über Österreich-Ungarn nicht eher ins Geschichtsbuch? Schließlich gelten Geschichtsbücher als objektiv: Sie erklären vergangene Ereignisse, während Romane subjektive Geschichten erzählen, die mit historischen Fakten wenig zu tun haben. Doch der Historiker und Literaturwissenschaftler Hayden White stellte diese einfache Trennung bereits Ende der 1960er-Jahre infrage. Ihn beschäftigte die Frage, wie sehr sich die Arbeit von Historiker:innen und Autor:innen fiktionaler Texte ähnelt. Beide wollen Ereignisse verständlich machen. Beide tun das mit Sprache. Und genau darin liegt für White das Problem: Eine völlig neutrale Sprache gibt es nicht.
Auch Historiker:innen finden in Archiven zunächst nur eine Vielzahl unsortierter Informationen. Um daraus Geschichte zu schreiben, müssen sie auswählen, gewichten und Zusammenhänge herstellen. Erst dadurch entsteht eine Erzählung. Weil diese Entscheidungen immer auch von bestimmten Perspektiven, Argumentationsmustern oder politischen Überzeugungen geprägt sind, gibt es für White keine vollkommen objektive Geschichtsschreibung.
Sobald einzelne Ereignisse miteinander verbunden werden, erzählt man eine Geschichte. Der Literaturprofessor Christoph Bode sagt im Gespräch mit GENZ deshalb: „Wir leben von Erzählungen.“ Das gelte nicht nur für Historiker:innen oder Romanautor:innen. Immer wenn Menschen miteinander sprechen, erzählen sie einander etwas. Werden Informationen oder Ereignisse in eine Geschichte eingebettet, lassen sie sich leichter verstehen und besser behalten. Das liege, so Bode, in der Natur unseres Gehirns. „Kann man nun sagen, dass es keinen Unterschied zwischen einem Historiker und einem Romanschriftsteller gibt, weil beide erzählen? Nein, denn sie verfolgen ein anderes Ziel. Als Geschichtswissenschaftler willst du versuchen, die historischen Ereignisse so zu erzählen, dass sie der historischen Wahrheit entsprechen, während du als Romanautor überhaupt nicht auf dieses Ziel verpflichtet bist.“ Wie stark dieser Perspektivwechsel wirken kann, zeigt auch Markus Zusaks Die Bücherdiebin. Der Roman erzählt keine historische Abhandlung über den Nationalsozialismus, sondern lässt Leser:innen den Alltag im Deutschland dieser Zeit durch die Augen des erfundenen Mädchens Liesel erleben.
Geschichte braucht Gesichter
Und trotzdem wird die große Geschichte durch ihre kleinen, einzelnen und teils erfundenen Geschichten verständlich. Denn: Wir lesen Romane identifikatorisch. „Auch in historischen Romanen hat man eine oder mehrere Hauptfiguren, deren Perspektive man teilt und mit denen man sich identifiziert. Man ist traurig über Niederlagen und freut sich über Siege, aber die subjektive Identifikation ist da das Entscheidende“, sagt Bode. „Wenn es also darum geht, zu verstehen, warum sich Personen in verschiedenen Situationen so und so verhalten haben, brauchen wir historische Romane. Schriftsteller können Gedanken und Gefühle imaginieren, sodass sie dem Leser plausibel und schlüssig erscheinen. Wenn eine Lücke in der historischen Handlung existiert, kann ein Schriftsteller sie füllen.“ Ähnlich sieht das auch Paul: „Durch die Verbindung von Fiktion und realer Geschichte werden historische Ereignisse viel greifbarer. Statt sich nur Jahreszahlen oder Fakten einzuprägen, erlebt man Geschichte aus der Perspektive einzelner Menschen und kann ihre Bedeutung sowie die Auswirkungen auf das Leben der damaligen Zeit besser nachvollziehen. So entsteht ein Verständnis, das über reines Faktenwissen hinausgeht.“ Eines ist ihm aber wichtig: Historische Ereignisse sollten in Romanen nicht verfälscht werden. Literatur darf zwar Lücken füllen, die Ereignisse, die sich erwiesenermaßen zugetragen haben, aber nicht komplett umdichten. Das mache ihn beim Lesen dann eher wütend. Auch Bode sagt, dass Leser:innen manchmal erfundene Details als historische Tatsachen übernehmen. Und den Autor:innen dann sogar Vorwürfe machen. Dabei sei den Schriftsteller:innen natürlich erlaubt, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. „Der Romanautor muss natürlich recherchieren, wenn er historische Tatsachen behauptet, denn das Buch muss am Ende stimmig sein. Wenn deine Geschichte im Mittelalter spielt, kann man die Figuren nicht auf einmal telefonieren lassen. Aber sonst ist er natürlich frei zu schreiben, was er möchte. Das liegt dann beim Publikum, es nicht falsch zu verstehen.“
Vielleicht liegt genau darin die Stärke, wenn Kunst Geschichte erzählt: Sie verbindet Faktisches mit Fiktivem und kann Vergangenheit dadurch nicht nur vermitteln, sondern erfahrbar machen. Historische Romane müssen keine Geschichtsbücher ersetzen, um Geschichte verständlicher zu machen. Sie können dort ansetzen, wo Jahreszahlen und Fakten allein nicht mehr ausreichen, nämlich bei den Menschen, die diese Geschichte erlebt haben könnten, und könnten so Paul und viele andere in ihren Bann ziehen. Er bekommt beim Lesen für einen Moment das Gefühl, der Vergangenheit näher zu kommen. Und vielleicht ist das manchmal der beste Ausgangspunkt, um danach doch noch zum Geschichtsbuch zu greifen oder sich eine Doku anzuschauen.