Redakteurin Vivien Lloyd fragt sich, worin der Reiz eines analogen Spektakels wie der Oper in zunehmend digitalisierten Zeiten liegt: Warum begeistern sich weltweit noch immer Menschen für Werke, die schon vor mehreren hundert Jahren auf den Spielplänen standen?
Das Licht im Zuschauer:innenraum wird dunkler, aus dem Orchestergraben sind die letzten Stimmtöne zu hören. Dann hebt sich der Vorhang – und plötzlich geht es um Liebe, Macht, Eifersucht, Gewalt oder den Wunsch nach Freiheit. Themen, die Hunderte Jahre alt sind und trotzdem vertraut wirken.
Neben mir im Publikum sitzt Marius, der noch nie in einer Oper war. Schon vor Beginn hat er Respekt vor den drei Stunden und sagt, er könne sich wahrscheinlich nicht konzentrieren. Zu sehr sei er an kurze TikTok-Videos gewöhnt. Trotzdem lässt er sich auf den Abend ein. Als es schließlich mucksmäuschenstill wird, stelle ich mir die Frage: Wie zeitgemäß kann eine Kunstform sein, deren Geschichten 300 oder 400 Jahre alt sind?
Was heißt eigentlich „zeitgemäß“?
Wochen später spreche ich mit Kulturwissenschaftler Livio Marcaletti. Er gibt zu bedenken, dass schon die Frage nach der zeitgemäßen Ausrichtung schwierig ist. Die Oper entstand um 1600 selbst als Experiment und wurde im Laufe ihrer Geschichte immer wieder als veraltet empfunden.
Auch Christopher Warmuth, stellvertretender Chefdramaturg der Staatsoper Hamburg, unterscheidet zwischen dem Werk und seiner heutigen Aufführung: „Wie eine Oper heute aussieht, entscheiden Regieteams und Theater. Was im Werk selbst steckt, ist eine andere Frage. Und in diesen alten Werken steckt erstaunlich viel, das kaum zu altern scheint.“
Irgendwann merke ich, dass Marius nicht mehr auf die Uhr schaut. Zu Beginn hatte er noch davon gesprochen, wie lang drei Stunden seien. Jetzt sitzt er nach vorne gelehnt auf seinem Sitz und verfolgt, was auf der Bühne passiert. Die Oper hat ihn länger festgehalten, als er selbst erwartet hatte.
Genau darin könnte eine Stärke der Oper liegen, sagt Warmuth. Sie zwinge uns nämlich, bei etwas zu bleiben, das sich nicht sofort auflöst. In einer Welt, in der vieles schnell verständlich und „clickable“ sei, könne gerade dieses Nichtverstehen interessant werden.
Dramaturg Warmuth nutzt selbst TikTok und Instagram und kann 15-Sekunden-Videos viel abgewinnen und gleichzeitig sitzt auch er sechs Stunden in einer Wagner-Oper. Für ihn ist das kein Widerspruch: „Ich möchte auf keines von beiden verzichten. Ich möchte überhaupt nicht, dass alles dieselbe Geschwindigkeit, dieselbe Länge und dieselbe Logik hat. Und wenn ‚zeitgemäß‘ bedeutet, dass alles immer schneller, kürzer und sofort verständlich werden muss“, sagt Warmuth, „dann finde ich es ehrlich gesagt ziemlich gut, wenn Oper manchmal nicht zeitgemäß ist.“
Was tun mit den problematischen Seiten?
In der Pause stehen Marius und ich im Foyer. Wir sprechen über das, was gerade auf der Bühne passiert ist. Über die Frauenfiguren, über Macht, über Gewalt. Als wir über den deutschen Komponist Richard Wagner sprechen, erwähnt Marius dessen umstrittene politische Einstellung. „Können Opern wirklich noch als zeitgemäß bezeichnet werden?“, fragt Marius. Die Frage bringt uns zurück zu dem Punkt, an dem unser Abend begonnen hat.
Christopher Warmuth spricht in diesem Zusammenhang von Ambiguitätstoleranz, also der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Auch sein eigenes Verhältnis zu Wagner ist widersprüchlich. Seine Musik kann ihn geradezu hypnotisch anziehen, gleichzeitig stößt er sich an Wagners Antisemitismus, patriarchalen Vorstellungen und bestimmten Menschenbildern.
„Ich muss ein Werk nicht nur geil finden. Ich muss es auch nicht nur scheiße finden. Beides kann gleichzeitig wahr sein.“
Auch Kulturwissenschaftler Livio Marcaletti findet nicht, dass problematische Werke deshalb verschwinden müssen. Entscheidend sei, sie historisch einzuordnen und sich mit dem auseinanderzusetzen, was auf der Bühne passiert. Eine Darstellung von Gewalt sei schließlich nicht automatisch eine Zustimmung dazu. Eine Inszenierung könne vielmehr Distanz schaffen und das Publikum dazu bringen, über Macht, Gewalt oder Geschlechterrollen nachzudenken.
Marius und ich gehen zurück in den Saal. Die Frage ist nun nicht mehr nur, ob wir alte Werke noch aufführen sollten, sondern auch, wie wir sie heute erzählen.
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Eine Oper ist nicht modern, nur weil jemand Jeans trägt
Eine Oper ist für Warmuth nicht deshalb modern, weil auf der Bühne Jeans getragen werden. Entscheidend sei das Konzept dahinter: „Was entdeckt ein Regieteam in einem Werk? Welche Perspektive wählt es?“ Manchmal bedeute dies, Musik zu streichen, etwas hinzuzufügen oder eine Geschichte völlig neu zu betrachten.
Wie das aussehen kann, zeigt sich an der Staatsoper Hamburg bei Dornröschen. Musiknummern werden gestrichen, andere Musik kommt hinzu, neben Musik des 19. Jahrhunderts erklingen plötzlich Cher und Madonna. Auch die Geschichte selbst wird neu betrachtet. Eine frühe Fassung des Dornröschen-Stoffs erzählt von der Vergewaltigung der schlafenden Frau – die romantische Vorstellung vom Prinzen, der sie erlöst, ist also keineswegs die einzige Version.
Das überrascht mich. Denn je länger wir über die Oper sprechen, desto weniger erscheint sie mir als feststehendes Kunstwerk, das nur möglichst originalgetreu bewahrt werden muss. Marcaletti erklärt, dass Opern schon früher verändert wurden: Texte wurden umgeschrieben, Szenen und Figuren ergänzt oder gestrichen und politische Anspielungen an das jeweilige Publikum angepasst. Heute übernehmen vor allem Regisseur:innen diese Art der Übersetzung. Problematisch werde es für ihn erst, wenn sie über ihre eigenen Ideen Libretto und Musik aus dem Blick verlieren.
„Geschichten verändern sich, weil Gesellschaften sich verändern“, sagt Warmuth. In der Hamburger Fassung begegnet deshalb ein älteres Dornröschen seinem jüngeren Ich. Vielleicht liegt die Zeitgemäßheit der Oper gerade darin, dass sie sich verändern lässt.
Oper für junge Menschen – aber nicht vereinfacht
Damit stellt sich für mich die nächste Frage: Wie kann Oper ein neues Publikum erreichen, ohne sich dafür selbst zu vereinfachen? Genau dieser Frage widmet sich die Junge Oper am Rhein. Sie möchte jungen Menschen einen Zugang zur Oper ermöglichen und das Haus für ein Publikum öffnen, das bisher wenig Berührung mit dem Genre hatte. Dramaturgin Zoe Köppen beschreibt das Ziel so: „das Haus zu öffnen“. Oper müsse für alle zugänglich sein, schließlich sei sie eine öffentliche kulturelle Institution.
Warmuth sieht das ähnlich. Mit dem Image der elitären, verstaubten Kunstform hat er ein Problem – gleichzeitig möchte er jungen Menschen nicht einfach eine hippe Version der Oper vorsetzen. „Junge Menschen sind doch nicht weniger komplex als ältere.“ Warum sollte Kunst für sie also einfacher sein?
Vielleicht brauchen wir die Oper gerade deshalb
Auf dem Heimweg frage ich Marius, was er von dem Abend hält. Seine anfängliche Sorge, drei Stunden lang nicht konzentriert bleiben zu können, scheint jedenfalls vergessen. Am Anfang hatte er noch auf die Länge des Abends geschaut und jetzt reden wir darüber, was wir gerade gesehen haben.
Uns wird klar, dass die Oper gar nicht versuchen muss, so zu werden wie unsere Gegenwart. Sie muss nicht kürzer oder einfacher werden, nur weil wir an kurze Videos und schnelle Antworten gewöhnt sind. Sie darf widersprechen und überfordern. Während vieles immer schneller gehen muss, nimmt sich die Oper Zeit und gibt dem Publikum Raum, einer Geschichte zu folgen, etwas nicht sofort zu verstehen, die eigene Meinung zu ändern oder gleichzeitig etwas schön und problematisch zu finden. Und wahrscheinlich liegt ihre Zeitgemäßheit genau darin – nicht, unsere Gegenwart möglichst perfekt abzubilden, sondern uns Zeit zu geben, über sie nachzudenken.
Marius jedenfalls hat die drei Stunden ausgehalten und sich darauf eingelassen, Widersprüche auszuhalten. Dies deckt sich mit Warmuths Schlusswort: „Die Welt ist nicht simpel. Menschen sind nicht simpel. Warum sollte Kunst es sein?“