an der Macht
Redakteurin Sophia Schweizer interessiert sich für Kleidung als Verkleidung und als Ausdruck von Macht – auf der Bühne wie im Publikum. Was erzählen Menschen durch das, was sie tragen? Und warum kann ein und dasselbe Kleidungsstück je nach Person und Kontext ganz unterschiedlich gelesen werden?
Seit es Mode gibt, bewundern, tragen und bewerten wir sie. Umgeben von verschiedenen Stilen, Phasen und Geschmäckern versuchen wir, uns über sie auszudrücken und uns Gleichgesinnten zugehörig zu fühlen. Mode umhüllt uns. Kein Wunder also, dass auch Politiker:innen sie sich zu eigen machen.
September 2021, New York: Auf der Met Gala, der jährlichen Benefizveranstaltung für das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art, findet sich, wer Rang und Namen hat. Neben Schauspieler:innen, Musiker:innen und Models, laufen auch Persönlichkeiten aus der Politik über den roten Teppich. Und eine von ihnen sticht dabei ganz besonders hervor: Alexandria Ocasio-Cortez. Die demokratisch-sozialistische New Yorker Kongressabgeordnete trägt ein langes weißes Kleid. Auf ihrem Rücken ein riesiger Slogan in roter Schrift – „Tax the Rich“. „Manchmal ist es bloße Ästhetik und manchmal steckt hinter dieser Ästhetik auch eine Botschaft“, erklärt Modejournalist Daniel Kalt. Eine Botschaft, die eindeutiger nicht sein könnte.
In der Vogue wird Mode als eine Form der Kunst gehandelt. In Klatschblättern dient sie noch häufiger als Grundlage für Urteile. Dabei lässt sich Mode wunderbar interpretieren. Während Statements wie „Besteuert die Reichen“ recht klar erscheinen, wirken andere Stilentscheidungen etwas subtiler. So scheint der Vollbart des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder erstmal nichts Besonderes zu sein. Wirft man aber einen Blick auf die Bedeutung von Behaarung, zeigt sich, dass dahinter auch mehr stecken kann, als „sich einfach mal gehen zu lassen“. Während Bärte früher teils verpönt waren, lassen sie Männer heute älter, statushöher und verwegener wirken. Ein Vollbart wird dabei als besonders männlich gelesen und im beruflichen Kontext wirkt er vor allem dort, wo es um Fachwissen geht.
Oder ist das Amt selbst der Grund dafür, dass Söders Vollbart eine so hohe Relevanz erlangt hat? Als Intendant der Staatsoper Hamburg erlebt Tobias Kratzer am eigenen Beispiel, wie oft persönliche Stilentscheidungen wahrgenommen und mit Bedeutung aufgeladen werden. „Durch den Wechsel zur öffentlichen Person wird Stil plötzlich viel stärker semantisiert, als das vorher der Fall war“, erklärt Kratzer. Aussehen wird also plötzlich mehr Bedeutung zugeschrieben.
Aber ab wann wird Mode dann zum kalkulierbaren Instrument und wann ist sie einfach nur persönlicher Ausdruck? Kratzer bezieht sich hier auf den amerikanischen Drag Künstler und Schauspieler RuPaul, der sagt: „We’re all born naked and the rest is drag.“ „Das Zitat verdeutlicht, dass wir das, was Drag-Artists tun, im Grunde genommen eigentlich alle unbewusst auch tun. Die Art, wie wir uns kleiden und ausdrücken, kann unser Wesen betonen, es kann uns aber auch als Verkleidung dienen.“
Wie so oft in Bereichen, die das persönliche Aussehen betreffen, ist die Grenze fließend und die Entschlüsselung der Botschaft liegt auch ein Stück weit im Auge des Betrachtenden. Und trotzdem erklärt der Modejournalist Kalt, dass sich Berufspolitiker:innen dessen bewusst sein sollten. „Wenn Sie oder ich uns auf eine bestimmte Art und Weise anziehen, ist das zunächst unser persönlicher Stil. Manchmal hat man vielleicht Lust, mit Mode etwas Konkretes auszudrücken, manchmal nicht. Man muss sich nur bewusst sein, dass man sich mit dem, was man anzieht, immer in einen ästhetischen Diskurs einschreibt.“ Mode ist also nie „einfach nur neutral“. „Wenn ich Politikerin oder Politiker bin, sollte ich zumindest kurz überprüfen, ob die Ästhetik, für die ich mich entscheide, mit einer bestimmten Botschaft verbunden ist, oder damit in Verbindung gebracht werden kann. Wenn dem so ist, kann ich entscheiden, ob ich mir das zunutze machen möchte oder nicht.“
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Und tatsächlich lässt sich anhand einiger Beispiele zeigen, wie Kleidung in der Politik eingesetzt wird. Jan van Aken bleibt sich seit Jahren treu. Der Parteivorsitzende der Linken trägt immer Jeans und Sweatshirt, selten Anzugshose und nur manchmal Hemd. Was früher noch als ungeschriebenes Gesetz galt, wurde spätestens nach dem skandalösen Auftritt des hessischen Ministers Joschka Fischer 1985 in Jeans und Sneakern alltäglicher und normaler. Sein Auftreten wurde damals als bewusster Bruch der Etikette und auch als Affront gegenüber der Institution verstanden. Erwartet wurde Ehrfurcht – auch von jemandem, der aus einer neuen politischen Generation kommt. „In den 2010er- oder 2020er- Jahren haben sich diese Codes aber vollkommen verschoben. Es wäre töricht zu glauben, dass Politik von gesamtgesellschaftlicher Mode und gesellschaftlichen Veränderungen abgekoppelt wäre. Ein Kleidungsstück oder ein Accessoire kann 40 Jahre später etwas vollkommen anderes bedeuten. Man muss immer den jeweiligen Kontext berücksichtigen. Deshalb fällt es beispielsweise auf, wenn bei einem G7-Treffen plötzlich niemand mehr eine Krawatte trägt.“
Ebenso merkwürdig ist der Moment, in dem der Hosenanzug zum ersten Mal seinen Weg in den Bundestag fand. Getragen 1970 von Lenelotte von Bothmer, die damit nicht nur einen Skandal auslöste, sondern den Hosenanzug ab dato auch zu ihrem Markenzeichen machte und damit für den Kampf um neue gesellschaftliche Normen stand.
Hosenanzüge findet man auch in den Sammlungen von Hillary Clinton. Besonders einer ist dem Autor des Buches Staat tragen. Über das Verhältnis von Politik und Mode im Gedächtnis geblieben: „Ich fand den weißen Hosenanzug bei Frauen immer extrem interessant. Hillary Clinton trug einen solchen zur dritten und letzten Präsidentschaftsdebatte.“ Ein vollständig weißer Look wird in den USA mit dem Weiß der Suffragetten in Verbindung gebracht, die sich vor über 100 Jahren für das Wahlrecht der Frauen in den USA und in Großbritannien einsetzten. „Das kann als klar politisch konnotierter Look verstanden werden. Wenn eine andere Frau in den USA bei bestimmten Gelegenheiten nun ebenfalls weiß trägt, lässt sich das sowohl mit Clinton in Verbindung bringen als auch auf die Suffragetten zurückführen. Wenn wiederum eine Politikerin in Europa etwas Ähnliches trägt, kann das schon wieder einen ganz anderen Kontext haben. Wenn die italienische Premierministerin Giorgia Meloni, die aus einem ganz anderen politischen Lager kommt, in einem cremeweißen Hosenanzug erscheint, weiß man nicht unbedingt: Bezieht sie sich auf denselben Diskurs oder handelt es sich tatsächlich nur um eine ästhetische Entscheidung.“
Obwohl es also Muster gibt, die sich identifizieren lassen und wie Schablonen genutzt werden können, kann dasselbe Element bei der einen Person etwas völlig anderes bedeuten als bei der anderen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Kleidungsstücke im Laufe der Zeit ihre Bedeutung und Konnotation ändern können. Auch der persönliche Background spielt eine wichtige Rolle. Etwas, was für Beobachter:innen im ersten Moment nicht sichtbar ist. So erntete die SPD-Politikerin Sawsan Chebli einen Shitstorm, nachdem sie auf einem Porträtfoto eine Rolex im Wert von 7.300 Euro trug. Während böse Zungen gegen Chebli und die SPD wetterten, beschrieb sie, das Tragen der Uhr sei eine Form von Empowerment. Sie selbst komme aus Verhältnissen, in denen es keineswegs selbstverständlich gewesen sei, sich irgendwann eine Rolex leisten zu können. Sie habe sie sich erarbeitet und trage sie deshalb mit Stolz.
Die Frage, die sich also eigentlich stellt, lautet: Macht die politische Färbung vielleicht den Unterschied? „Bei einer linken Politikerin oder einem linken Politiker kann eine Luxusuhr oder eine Marke, die als besonders luxuriös wahrgenommen wird, schneller zum Problem werden. Dann entsteht möglicherweise der Eindruck: Die Person hat die Verbindung zum ‚normalen‘ Volk verloren. Wenn ich Politiker:in bin, muss ich deshalb abwägen: Verzichte ich auf eine persönliche Vorliebe, solange ich beispielsweise für die Sozialdemokraten im Parlament sitze, oder tue ich das nicht? Wenn ich es nicht tue, muss ich aber darauf gefasst sein, dass es jemandem auffällt und ich mich mit entsprechenden Kommentaren auseinandersetzen muss.“
Auf Social Media sind die Politiker:innen 24/7 den Augen der Wähler:innen ausgesetzt. Deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie man sich selbst inszenieren möchte. Denn es gibt die Person und es gibt die Persona: „Politiker:innen sind gut beraten, in der Öffentlichkeit eine Person darzustellen, die sie auch wieder ablegen können, wenn sie zu Hause durch ihre Haustüre gehen.“ Im Grunde sprechen wir also über eine Art Berufsuniform, die in anderen Berufsfeldern, völlig normal ist.
In Mode lässt sich also viel hineininterpretieren – Macht, Mut, Souveränität, Volksnähe. Aber auch wenn nicht so viel dahintersteckt, wie wir annehmen; „Selbst das Anziehen von ‚Irgendetwas‘ ist eine Entscheidung. Und wenn ich vor ein Publikum trete, von dem ich mir erhoffe, dass es mich eines Tages wählt, habe ich eine Entscheidung zu treffen: Wähle ich eine Botschaft, die bei meinem Publikum ankommt, noch bevor ich einen Satz gesagt habe, oder nicht?“
Ob Fauxpas, skurril, skandalös oder on point – Kleidung ist vielseitig und hat mal mehr und mal weniger Bedeutung. Und ob gewollt oder ungewollt, sie wird vom Gegenüber wohl immer in einer Schublade landen. Um es in Tobias Kratzers Worten zu sagen: „Come as you are – so wie man sich fühlt, so wie man möchte“.