Intendant der Staatsoper Hamburg
Interview mit
Tobias Kratzer

Seit September 2025 ist Tobias Kratzer Intendant der Staatsoper Hamburg. Wer mit ihm spricht, merkt schnell, dass er nicht dem klassischen Bild eines Opernleiters entspricht. „Um die Stadt als Ganzes kennenzulernen“, wohnt Kratzer parallel zur Reeperbahn. Sich in die „Opernblase“ zurückzuziehen, kommt für ihn nicht infrage. Auch im Gespräch bewegt er sich mühelos zwischen unterschiedlichen Welten: von der „normativen Kraft des Faktischen“ zu Menschen, die die Oper bislang noch nicht „auf der Bingo-Karte haben“. Den Weg zur Oper hat Kratzer selbst gefunden: Sein Vater war Mathematiker, seine Mutter kommt aus den Naturwissenschaften. Heute gehört er zu den bekannten Namen der Opernwelt – wobei er seine eigene Prominenz mit einiger Selbstironie betrachtet: In seiner Branche sei er inzwischen ein A-Promi, gesamtgesellschaftlich stehe er aber weiter hinten im Alphabet. Sein erstes Jahr als Intendant fasst Kratzer in drei Worten zusammen: arbeitsintensiv, euphorisierend und verbunden mit einer großen Erwartungshaltung.

FELICIA HOLTKAMP Wir konzipieren dieses Magazin ja für eine junge Zielgruppe. Wie waren Sie als junger Mensch?

TOBIAS KRATZER Ich war schon immer organisiert und wollte sehr viel machen. Meine Tage waren auch schon zu Schulzeiten vollgeladen – von Schülerzeitung bis Schultheater.

FELICIA HOLTKAMP Sie haben mal erzählt, dass Sie schon in jungen Jahren Opernregisseur werden wollten und dass das besonders mit Musikkassetten zu tun hatte.

TOBIAS KRATZER Das lag gar nicht an einem bestimmten Erweckungserlebnis. Meine Eltern waren nicht besonders kulturinteressiert, aber wir waren auch kein formal bildungsferner Haushalt. Sie haben uns Kindern einfach gezeigt, was es im Leben alles für Möglichkeiten gibt. Ich bin dann an den Kassetten hängen geblieben – Mozart für Kinder, Beethoven für Kinder – und habe mir vorgestellt, wie das auf einer Bühne aussehen könnte. Den Wunsch, Opernregie zu machen, hatte ich also schon, bevor ich meine erste Oper gesehen habe.

FELICIA HOLTKAMP Und was war dann Ihre erste Oper?

TOBIAS KRATZER Der Freischütz in meiner Geburtsstadt Landshut. Danach war ich jahrelang nicht mehr in der Oper. Erst später habe ich mir das Musiktheater selbst wieder erschlossen und war viel in München, Salzburg und Stuttgart. Im Rückblick erstaunt mich vor allem, dass ich an diesem frühen Berufswunsch festgehalten habe. Es gibt schließlich viele Berufswünsche, die man als Kind oder Jugendlicher entwickelt und irgendwann unter der normativen Kraft des Faktischen wieder aufgibt.

FELICIA HOLTKAMP Astronaut beispielsweise.

TOBIAS KRATZER Genau. Ich dachte auch, dass Opernregisseur eher ein Berufswunsch wie Astronaut ist. Dass ich trotzdem so konsequent daran festgehalten habe, überrascht mich im Rückblick selbst am meisten.

FELICIA HOLTKAMP Ihre Eltern kommen eher aus einer naturwissenschaftlichen Richtung. Da haben Sie sich dann ja komplett dagegen entschieden. 

TOBIAS KRATZER Ich finde das ganz erleichternd. Dadurch, dass meine Eltern gar keine aktive Haltung zur Oper haben, gibt es keine Erwartungshaltung, die ich bewusst brechen oder bedienen müsste. Ich sage immer, die hatten an dem, was ich auf der Bühne mache, ein wohlwollendes Desinteresse. Es gab Phasen, wo ich das ein bisschen traurig fand, aber im Rückblick muss ich sagen, empfinde ich das als fast erleichternd. 

FELICIA HOLTKAMP Würden Sie sagen, die Intendanz ist Ihr Traumjob?

TOBIAS KRATZER Ich mache diesen Job sehr gerne, gerade weil man über einzelne Inszenierungen hinaus am künstlerischen Profil eines ganzen Hauses und einer Stadt arbeiten kann. Aber die Intendanz stand tatsächlich nie auf meiner Bucketlist. Mein Traumjob war immer Opernregisseur, und diesen Weg habe ich sehr konsequent verfolgt. Die Chance, Intendant zu werden, hat sich dann ergeben – und ich habe sie sehr gerne ergriffen.

FELICIA HOLTKAMP Haben Sie konkrete Beispiele für Veränderungen auch hinsichtlich des Zugangs für junge Menschen?

TOBIAS KRATZER Wir sind ein Haus, das öffentlich finanziert ist, deswegen war es mir total wichtig, auch ein jugendliches Publikum mehr einzubinden. Die haben auch ein Anrecht auf bezahlbare oder sogar kostenlose Weise zu sehen, was wir hier machen. Eine meiner wichtigsten ersten Amtshandlungen war es deswegen, den sogenannten Sneak Klub zu ermöglichen. Junge Menschen, die unter 30 Jahren sind, die in Ausbildung, Studium oder Schule sind, haben die Chance, jede Generalprobe des Hauses kostenlos zu sehen – und damit auch jede Neuproduktion. Schon zu meiner ersten Produktion war das so weit installiert, dass wir ein volles Haus mit jungen Leuten hatten. Die Ticketvergabe läuft über einen WhatsApp-Kanal und wird toll angenommen.

FELICIA HOLTKAMP Damit konnten Sie den Anteil der Unter-30-Jährigen im Publikum um 24 Prozent steigern. 

TOBIAS KRATZER Das ist wirklich eines unserer größten Erfolgserlebnisse und der gelungene Versuch, Menschen, die Oper noch nicht auf ihrer Bingo-Karte haben, einzubinden. Gerade für junge Leute ist Oper auch ein Medium, das niemanden richtig kalt lässt. Es hat ja auch einen sportlichen oder zirzensischen Charakter zu sehen, ob der Ton getroffen wird oder das Orchester entgleist. Da kann man auf so vielen Ebenen mitfiebern. Nicht jede Erstbesucherin oder jeder Erstbesucher muss sofort in die ästhetischen Tiefen jedes Werkes deep diven. Man kann das ja auch einfach mal als Event oder Spektakel der Überwältigung mitnehmen.

FELICIA HOLTKAMP Besonders cool ist auch die neue Policy „Come as you are“. Was steckt dahinter?

TOBIAS KRATZER Die Oper leidet manchmal auch unter den Vorurteilen, die ihr entgegengebracht werden. Es gibt natürlich eine ganz reale Einstiegshürde, und das ist der Preis. Daneben gibt es aber auch eine gefühlte Hürde: den vermeintlichen Habitus, der mit einem Opernbesuch verbunden ist. Dazu gehört zum Beispiel die Vorstellung, es gebe einen bestimmten Dresscode. Manche finden das ganz toll und holen dafür gerne noch einmal das Konfirmationskleid oder den Hochzeitsanzug aus dem Schrank. Andere schreckt genau das ab – obwohl es diesen Dresscode eigentlich gar nicht gibt. Mit „Come as you are“ wollten wir von Beginn an deutlich machen, dass bei uns alle so kommen können, wie sie sind.

FELICIA HOLTKAMP Ich habe intern eine Geschichte gehört, dass Sie in einem Ihrer Outfits auch mal schräg angeguckt wurden.

TOBIAS KRATZER Ja, das stimmt. In der Zeit, als ich noch nicht offiziell im Amt war, sondern meine Intendanz erst vorbereitet habe, kam ich einmal in Sporttrainingsjacke und Tanktop ins Haus. Ein Mitarbeiter, der mich noch nicht kannte, war etwas irritiert und fragte mich, ob das für einen Opernbesuch nicht ein bisschen zu leger sei.

FELICIA HOLTKAMP Wie haben Sie darauf reagiert?

TOBIAS KRATZER Zu diesem Zeitpunkt kannten mich einfach noch nicht alle im Haus. Ich war da fast ein bisschen als Undercover-Boss unterwegs. Aber die Situation hat mir auch gezeigt, dass so eine Öffnung ein Transformationsprozess ist, der nicht nur das Publikum betrifft, sondern natürlich auch uns selbst. Viele Vorstellungen davon, wie man sich in einem Opernhaus verhält oder kleidet, sind über Jahrzehnte gewachsen und wurden lange gar nicht hinterfragt. Das hat nichts mit einzelnen Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern zu tun. Wenn eine neue Generation Verantwortung übernimmt, schaut sie vielleicht noch einmal anders auf manche dieser Selbstverständlichkeiten. Inzwischen sprechen wir deshalb vor Saisonbeginn gemeinsam darüber, wie wir die Willkommenskultur, die wir nach außen vermitteln wollen, auch im Haus selbst leben können.

FELICIA HOLTKAMP Zurück zu der jungen Zielgruppe: Wie wichtig ist sie für die Oper?

TOBIAS KRATZER Ich finde das total wichtig. Aber ich werde niemals sagen, dass wir das Publikum verjüngen müssen, das wäre ein bisschen Altersshaming. Das Publikum sollte idealerweise alle Altersgruppen abdecken. Aber wie es so oft ist, muss man die Gruppen, die unterrepräsentiert sind, besonders fördern, um Equality herzustellen. 

FELICIA HOLTKAMP Und inwiefern sind die politischen Themen unserer Generation auch Teil der Inszenierungen?

TOBIAS KRATZER Die Themen, die im politischen Diskurs sind, wie Genderfragen, identitätspolitische und marginalisierte Themen, das sind alles Themen, auf die junge Menschen mit einem ganz anderen Blick schauen. In vielen Werken begegnen uns natürlich gesellschaftliche Vorstellungen und Zeitmoden ihrer Entstehungszeit. Wenn ein Stück 200 Jahre alt ist, kann es gar nicht anders sein, als dass sich bestimmte Perspektiven inzwischen verändert haben. Genau damit muss sich eine heutige Regie auseinandersetzen: Man zeigt diese Werke nicht einfach unverändert weiter, sondern befragt sie aus der Gegenwart heraus und schaut, was sie uns heute noch zu sagen haben. Ich finde es wichtig, das zu thematisieren. Also ein Stück trotzdem zu zeigen und dann kritisch zu hinterfragen. Weil viele Opern Hunderte von Jahren alt sind, kann man anhand der Interpretation den jeweiligen Zeitgeist ablesen. So schreibt jede Generation die Stücke neu um und stellt ihre Themen in den Vordergrund.

FELICIA HOLTKAMP Wie finden hier im Haus politische Diskurse innerhalb der Stücke statt?

TOBIAS KRATZER Generell empfinde ich die Oper als sehr politisch. Wenn am Abend 1.700 Leute zusammenkommen und etwas gemeinsam wahrnehmen, dann ist das allein schon der politische Vorgang. Man stellt eine Debatte auf die Bühne und kommt über die Geschichte in einen kollektiven Verständigungsprozess. Ich glaube, das ist das Entscheidende. Das Medium der Oper ist eine Chance, in einer Achtsamkeit, in einer Präzision auf Dinge, die im politischen oder alltäglichen Leben zu kurz kommen, einen utopischen Einspruch zu erheben. Das sind die beiden Funktionen, in denen die Oper sehr politisch sein kann: entweder, indem sie Themen und Zeitdiagnostik aufnimmt, oder indem sie Schutzräume schafft für das, was sonst von Tagesmeinungen zermalmt wird, um einen Raum und eine emotionale Ausdrucksmöglichkeit zu geben. Das hängt natürlich auch vom Team und der Regie ab. Aber mein Anspruch ist es schon, dass bei jedem Abend klar ist, wo die gesellschaftspolitische Relevanz liegt.

FELICIA HOLTKAMP Sehen Sie die Oper hinsichtlich politischer Bildung in einer Bringschuld?

TOBIAS KRATZER Das politische und das ästhetische Feld sind nochmal unterschiedliche Aspekte. Kunst ist ein freier, geschützter und gerne auch widerständiger Raum. Wir sind ein Raum, in dem Menschen zusammenkommen und debattieren können. Das ist erstmal demokratiefördernd. Ich finde aber Aufführungen besonders spannend, die eine Reflexion eröffnen. Die Demokratie zu stärken, das sind begrüßenswerte Sekundärphänomene, aber nicht das eigentliche Wesen der Kunst. Deswegen haben wir parallele Ziele zu einer aufgeklärten Gesellschaft, die frei ist und Minderheiten achtet. Aber ich glaube, es gibt dann doch immer noch den Eigenwert und die Eigengesetzlichkeit der Kunst, die mir sehr wichtig ist. 

FELICIA HOLTKAMP Das verbindende Element im Opernsaal über alle Generationen hinweg ist dann die Emotion? 

TOBIAS KRATZER Genau das ist das Spezifische an der Oper. Wenn man gemeinsam lacht oder weint, hat man zumindest irgendeinen gemeinsamen Ausgangspunkt.

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