Redakteurin Alena Lamprecht fragt sich, was es mit Menschen macht, wenn ihre Freizeitbeschäftigungen – ob Opernbesuch oder Videospiel – ständig auf- oder abgewertet werden. Wäre es nicht an der Zeit, weniger zu bewerten und stattdessen die Vielfalt unserer Interessen und Ausdrucksformen zu feiern?
Ich stehe vor einer Pinnwand mit vielen bunten Kärtchen, vielleicht 40 Stück. Eine halbe Stunde zuvor haben wir die Aufgabe bekommen, Medien- und Kulturangebote aufzuschreiben, die wir intuitiv der „High Culture“ zuordnen. Meine Gruppe war sich schnell einig, Sahra schrieb erst auf ein rotes Kärtchen „Theater“, auf ein blaues „Arthouse“, dann „Oper“, „klassische Literatur wie Brecht, Goethe, Hesse“, „Ballett“ und „Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle“ auf lila. Vor zwanzig Minuten bekamen wir die zweite Aufgabe, die Dinge aufzuschreiben, die wir intuitiv der „Low Culture“ zuordnen. TikTok-Videos, Groschenromane, Dating-Shows, Pornohefte, Fandom, Ego-Shooter-Spiele. Zehn Minuten später schrieben wir auf die übrigen Kärtchen all die Angebote auf, die wir ohne lange Diskussion keiner der Kategorien zuordnen konnten. Tierdokus, Biografien von B-Promis, Laber-Podcasts, Konzerte, bei denen man nicht ruhig in der Reihe sitzt, sondern sich schwitzend in Moshpits wiederfindet oder Animationen im Status unser aller Tanten und Onkels.
Jetzt stehen wir hier zu zwanzigst vor einem Meer aus Kulturprodukten und wissen nicht weiter. Warum werden bestimmte Werke als Kunst betrachtet, während andere vor allem als Unterhaltung gelten? Wer entscheidet darüber, wie viel Wert Kultur hat? Gibt es objektive Maßstäbe für gute Kunst, oder entsteht ihr Wert erst durch gesellschaftliche Vorstellungen und Machtverhältnisse?
[SCHUND UND KULT ODER WIE DANGER SAGEN WÜRDE: „FACK JU GÖTHE“]
Die Begriffe „high“ und „low“ beziehen sich zunächst auf eine räumliche Einordnung und beschreiben die Position von Dingen zueinander. Überträgt man diese Ausdrücke jedoch auf andere Bereiche, wie die Kultur, schwingt automatisch eine Wertung mit. Von „High Culture” spricht man im Fall von Institutionen und Medienprodukten, die aufgrund ihrer künstlerischen Tiefe, ihres intellektuellen Anspruchs oder ihres historischen Wertes als wichtiger Bestandteil der heutigen Gesellschaft und des Fortschritts angesehen werden. Diese sind häufig durch eine begrenzte Zugänglichkeit durch Preis, Platzzahl oder Exemplare gekennzeichnet. Mit „Low Culture“ meinen Menschen oft das Gegenteil: oberflächlich, kommerziell, massentauglich, einfach. Populärkultur und Mainstream werden häufig dort eingeordnet. „Hochkultur und Populärkultur ist eine Differenz, die in kulturellen Diskursen selbst gemacht wird“, sagt der Medienwissenschaftler Stephan Packard. Sie sei nicht naturgegeben, sondern verändere sich je nach historischem, sozialem und kulturellem Kontext und bilde Machtverhältnisse ab, die sich in ästhetischen und inhaltlichen Urteilen spiegeln.
[DAS UPTOWN GIRL TRIFFT AUF DEN BACKSTREET BOY]
Die Kategorisierung von Kultur ist auch eine Form der sozialen Abgrenzung. Das betont Francis Seeck, Professor:in für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Demokratie- und Menschenrechtsbildung. „Was als wertvolle Kultur gilt, ist nicht neutral.“ Institutionen wie Schulen, Universitäten, Museen, Theater oder Förderinstitutionen tragen dazu bei, kulturelle Formen einzuordnen. Was gefördert, ausgestellt, gelehrt oder auf großen Bühnen gezeigt wird, hängt mit Hierarchien zusammen. Kultur verändert sich mit den Menschen, die sie schaffen, und damit auch die Grenze zwischen dem, was als „high“ und „low“ gilt. Packard sieht in der Aufteilung nur einen begrenzten Mehrwert, da kulturelle Hierarchien nicht einfach verschwinden, sondern sich verändern, verschieben oder durch neue Formate der Distinktion ersetzt werden. Die Auflösung einer bestehenden Hierarchie bedeutet demnach nicht automatisch das Ende kultureller Abgrenzung.
[ERST DREI GROSCHEN, DANN DIE OPER]
Die Auf- oder Abwertung bleibt oftmals nicht nur auf das Kulturprodukt beschränkt, sondern kann auch zu einer sozialen Bewertung werden. „Problematisch wird es, wenn aus einem Urteil über Kultur ein Urteil über Menschen wird“, so Seeck. Kulturelle Auf- und Abwertung gehen Hand in Hand mit Klassismus und sozialer Ungleichheit. „Klassismus betrifft nicht nur Einkommen und Beruf, sondern auch Sprache, Kleidung, Geschmack und kulturelle Praktiken.“ Ein Besuch in der Oper, im Theater oder in einem Museum kostet Zeit und Geld und setzt oft auch ein bestimmtes Vorwissen voraus, um sich in diesen Räumen sicher zu fühlen. Kulturelle Codes sind nicht selbstverständlich.
Unter diesen Institutionen ist die Oper mit ihrem eindrucksvollen Gebäude und ihrer Historie als Teil der deutschen Theaterkultur ein besonders aufschlussreiches Beispiel. Selten liegen der Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz und die tatsächliche Zugangshürde so nah beieinander. Um einen Opernbesuch in Hamburg zugänglicher zu machen, bietet die Hamburgische Staatsoper vielfältige Rahmenprogramme und Sonderveranstaltungen an: Im Sneak Klub erhalten Studierende, Auszubildende und Schüler:innen kostenlose Generalprobentickets vor Premieren, vergünstigte Getränke vor Ort und ein Rahmenprogramm zur Vorstellung. Seit der letzten Saison schätzt die Staatsoper, dadurch um die 3.000 Erstbesucher:innen erreicht zu haben. Anja Fürstenberg ist in der Dramaturgie für das CLICK-in-Programm und die Zusammenarbeit mit Schulen zuständig und erzählt, dass es im Sneak Klub nicht nur um den Opernbesuch geht: „Wir rahmen es als Veranstaltung, die Spaß macht und neugierig, was in unserem Haus passiert. Dabei ist uns wichtig, dass tatsächlich jede:r kommen kann. Es kostet nichts, man kann sich kurzfristig ein Ticket buchen, Freund:innen mitnehmen und sich auch im Anschluss an die Vorstellung einen schönen Abend machen.“
Aus ihrer Position heraus trägt die Oper als Institution Verantwortung, die gesamte Gesellschaft anzusprechen und teilhaben zu lassen. Dr. Judith Wiemers, Dramaturgin an der Staatsoper, betont das: „Wir können es uns gar nicht leisten, Kultur nur für einzelne gesellschaftliche Gruppen anzubieten. Damit hätten wir unseren Auftrag verfehlt. Wir sind öffentlich gefördert, und somit sind wir für alle da und zugänglich. Das ist und bleibt unser Ziel.“
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[LOVE ISLAND, NOT GUILTY ISLAND]
Wenn in Freundesgruppen, in Kommentarspalten oder in der Mittagspause über Groschenromane, Romcoms, Boyband-Musik oder trashige Horrorfilme geredet wird, fällt auch schnell der Satz: „Das ist ja mein guilty pleasure.“ Die Lust und das Interesse an bestimmten Medienprodukten werden mit einer Rechtfertigung der Scham verbunden. Die Abstempelung als „guilty pleasure“ ist gleichzeitig der Versuch, ein abgewertetes Produkt aufzuwerten. Es ist der Versuch, sich selbst abzugrenzen. Wenn Max mir von seinem neuen „guilty pleasure“ erzählt, grenzt er sich nicht zwingend vom Produkt, sondern von der Gruppe ab, die es unironisch konsumiert. Die Abgrenzung verläuft also nicht nur zwischen Kulturprodukten, sondern auch zwischen Menschen, die sich einen ironischen Abstand zu ihrem Vergnügen leisten können, und jenen, die einfach nur mögen, was sie mögen. So wird Geschmack zu einem Mittel, mit dem ständig neu ausgehandelt wird, wer zu welcher Gruppe gehört. Vorstellungen von „gutem“ Geschmack entstehen nicht unabhängig von gesellschaftlichen Strukturen. Packard führt weiter aus: „Der Begriff des Geschmacks zeigt schon, wie mit der Metapher von einer unmittelbaren, sinnlichen Wahrnehmung als kulturellem Urteil – man soll ‚schmecken‘ können, ob etwas ästhetisch oder inhaltlich wertvoll ist – eine Naturalisierungsbemühung verbunden ist, wonach es eine natürliche, sinnliche Begabung ist, die kulturellen Vorlieben der eigenen sozialen Schicht zu kennen und vorzuziehen.“
Kultur entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern immer aus der Zeit und den Menschen heraus, die sie schaffen und konsumieren. Auch die Kärtchen, die wir an diesem Nachmittag sortiert haben, wären in einer anderen Generation oder in einem anderen Raum vermutlich anders verteilt worden. Kultur darf unterschiedliche Funktionen für alle haben. Sie kann bilden, provozieren und zum Nachdenken anregen, aber sie darf auch Freude bereiten, entspannen und Menschen zusammenbringen. Die Trennung der Kultur schafft nur eine gesellschaftliche Grenze zwischen den Menschen selbst. Und diese Lücke muss geschlossen werden. Bis aus „guilty pleasures“ einfach „pleasures“ werden.