Redakteurin Vera Menge fragt sich, warum Geschichten eigentlich nie auserzählt sind: Warum erzählen wir Dido and Aeneas, die Odyssee oder Dornröschen über Jahrhunderte hinweg immer wieder neu? Und was verändert sich, wenn jede Zeit dieselben Geschichten noch einmal anders erzählt?*
Zu den Must-Watch-Filmen des Jahres zählt wohl definitiv Die Odyssee von Christopher Nolan. IMAX-Technologie, Hollywood-Starbesetzung, imposanter Soundtrack, über vier Millionen Kinobesucher:innen in Deutschland im September 2026. Und doch ist es, wenn man es ganz simpel herunterbricht, die uralte Heldengeschichte über die Irrfahrten des Odysseus.
Aber das ist nicht die einzige Geschichte, die immer wieder neu erzählt wird. Wuthering Heights, ebenfalls ein Kinohighlight im Jahr 2026, basiert auf Emily Brontës Roman Sturmhöhe von 1847 – und wurde seitdem mehr als 30-mal neu verfilmt. Shakespeare-Geschichten tauchen immer und immer wieder auf, selbst Der König der Löwen zeigt Parallelen zu Hamlet. Und Spider-Man? Die Comicfigur aus 1962 wurde inzwischen bereits in drei verschiedenen Kinofranchises neu interpretiert. Auch die aktuellen Inszenierungen der Staatsoper Hamburg basieren auf jahrhundertealten Geschichten: Dornröschen gab es schon lange vor den Gebrüdern Grimm und Dido und Aeneas hat seinen Ursprung – ähnlich wie Die Odyssee – in der Antike. 100, 300, 2.000 Jahre später – da könnte man meinen, irgendwann müssten diese Geschichten auserzählt sein. Und doch können wir nicht genug davon bekommen, egal ob in Oper, Theater, Filmen oder Serien. Warum?
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Geschichtenerzählen ist eine sehr alte menschliche Kulturtechnik, die bis in die prähistorische Zeit zurückreicht. Durch Geschichten kommunizieren wir, teilen soziale Normen und Werte und verleihen den Dingen einen Sinn. Erzählungen verraten damit viel über die Menschen sowie die Gesellschaften und Systeme, in denen sie leben. Und sie können viel mehr als nur unterhalten: Geschichten können informieren, neue Perspektiven eröffnen und sogar Einstellungen und Verhalten beeinflussen.
Im Gespräch mit GENZ beschreibt Dr. Wolfram Domke, Tiefenpsychologe und ehemaliger Professor für Markt- und Medienforschung, das Geschichtenerzählen als seelische Leistung: „Solange wir handeln, sind wir blind. Durch das Geschichtenerzählen verstehen wir erst, warum wir handeln.“ Er erklärt es am Beispiel von Tausendundeine Nacht: Nachdem ein Sultan betrogen wurde, lässt er aus Rache jede Nacht eine Frau töten. Erst die junge Frau Scheherazade kann ihn aufhalten, indem sie ihm Geschichten erzählt und immer beim Morgengrauen an der spannendsten Stelle stoppt. Der Sultan will wissen, wie es weitergeht – und verschont sie deshalb für die nächste Nacht. Geschichten schaffen somit Abstand zum unmittelbaren Handeln – und eröffnen einen Raum für Reflexion.
Vor allem sind Märchen für Dr. Domke aus psychologischer Sicht interessant: „Die Menschen haben sich damals Märchen nicht als Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Dafür sind sie viel zu schaurig. Vielmehr steckt in ihnen etwas Wichtiges über uns alle: eine Geschichte über das Seelische.“ Er erläutert es am Beispiel von Dornröschen. Wir erinnern uns: Die böse Fee verflucht Dornröschen, sie sticht sich an ihrem Geburtstag an einer Spindel und fällt gemeinsam mit dem gesamten Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf. Erst ein Prinz kann sie erlösen. So weit, so gut. Oder eben nicht. Denn die böse Fee ist nicht einfach nur „böse“. Sie wurde nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen und laut Dr. Domke steckt dahinter ein viel tieferes, menschliches Motiv: das Gefühl, ausgeschlossen oder nicht gewollt zu sein. Aus einem Märchen wird so plötzlich eine Geschichte über etwas, das wir alle kennen können.
Was bei Dornröschen funktioniert, gilt für viele Geschichten: Sie erzählen von Themen und Konflikten, die uns bis heute beschäftigen. Liebe, Freiheit, Verlust, Verrat, Selbstbestimmung, Ehrgeiz und Krieg tauchen seit Jahrhunderten immer wieder auf. Sie sind universell – und deshalb immer wieder erzählbar.
Auch in Die Odyssee lassen sich – trotz ihres Ursprungs in der Antike – Erfahrungen wiederfinden, die erstaunlich nah an unserer Gegenwart liegen. Dr. Domke beschreibt gegenüber GENZ, dass in aktuellen Zeiten, in denen Unsicherheiten und Krisen herrschen, viele Menschen Angst haben und sich fragen: Kommen wir überhaupt noch irgendwo an auf dieser Reise? In Geschichten wie der von Odysseus könnten sie deshalb Halt finden.
Geschichten können also Lektionen sein, eine Moral vermitteln und als Wegweiser dienen. Aber reicht es dann nicht, eine Geschichte einmal zu erzählen, wenn die Themen ohnehin immer wieder dieselben sind? Und muss jetzt wirklich immer der Prinz kommen, um uns zu retten?
Genau darin liegt die Chance von Neuerzählungen. Moderne Neuinterpretationen von Mythen und Legenden können Perspektiven sichtbar machen, die in früheren Erzählungen keinen Platz hatten. Sie können Machtverhältnisse hinterfragen und moralische Grauzonen neu ausleuchten.
Wie so ein Perspektivwechsel konkret aussehen kann, zeigt der Regisseur Nils Voges. Er inszeniert für die Hamburger Staatsoper Dido und Aeneas und hat genug von den Klischees „immer wiederkehrender toxischer Heldengeschichten“ – wie auch in Die Odyssee.
„Es wird kein Bruce Willis kommen und einen Meteoriten sprengen, der die Erde rettet. Es braucht dazu viele kleine Akteur:innen“, erklärt Voges im Gespräch mit GENZ und zieht dazu die Carrier Bag Theory of Fiction der Schriftstellerin Ursula K. Le Guin heran. Sie stellt die Frage: Was wäre gewesen, wenn wir Geschichten nicht vor allem über Helden, Jagd, Kampf und Krieg erzählt hätten, sondern über diejenigen, die sammelten, versorgten und Gemeinschaft organisierten? Vielleicht würden wir dann heute auch Konflikte anders erzählen – also konstruktiver, über Zusammenarbeit und Problemlösung.
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„Wir müssen uns trauen, andere Geschichten zu erzählen“, ist deswegen Voges‘ Credo. In seiner neuen Inszenierung von Dido und Aeneas möchte er die Perspektive der weiblichen Hauptfigur Dido deutlich stärken.
Kurz zum Hintergrund: Aeneas findet nach dem Untergang Trojas bei Dido Zuflucht. Doch er erhält von den Göttern den Auftrag, nach Italien zu reisen, um den Grundstein für Rom zu legen. Er verlässt Dido – obwohl beide sich ineinander verliebt haben. Dido bleibt zurück und nimmt sich schließlich das Leben.
„Bei Adaptionen schaue ich auf Stellschrauben, um ein Thema differenzierter zu beleuchten: Wie kriegen wir einen modernen Blick?“, erklärt Voges. Statt allein den Liebeskummer von Dido als Hauptmotiv für ihren Suizid zu nehmen, sei ihm wichtig, die Bedrängnis herauszustellen, die sie erlebt hat. „Es ist eine Frau als Herrscherin einer antiken Stadt, die sich das Land durch List erkauft, Bündnisse mit Partnerländern ablehnt und für die es generell schwierig ist, sich als Herrscherin zu verlieben und sich damit tödlich verwundbar zu machen.“
Nils Voges möchte mit der Inszenierung auch weitere Gedankenspiele eröffnen: Was wäre, wenn Dido eine andere Entscheidung getroffen hätte? Oder: Wie sähe Europa heute aus, wenn Rom nicht gegründet worden wäre? Das sind natürlich Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Sie können aber dabei helfen, eine bekannte Geschichte aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Die Geschichte bleibt die gleiche, sie wird dadurch auch nicht neu erfunden. Aber andere Aspekte rücken in den Vordergrund – und mit ihnen verändert sich auch unser Blick auf die Figuren und vielleicht auch ein bisschen auf die Welt.
* Hinweis: Dieser Text behandelt in Teilen das Thema Suizid. Wenn dich das Thema belastet, kannst du den Artikel überspringen. Wenn du direkt mit jemandem reden möchtest – hier findest du Hilfe: Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern lauten 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.