Wessen Geschichte wird erzählt
Kein Platz im Regal?

Redakteurin Olivia Böttcher fragt sich, was es mit Menschen macht, wenn sie nirgends Figuren sehen, die so aussehen wie sie selbst – weder auf der Bühne noch auf den Covern von Kinderbüchern. Ihre Gesprächspartnerin Anh hat einen ganz eigenen Umgang damit gefunden. Doch was braucht es, damit sich möglichst viele Menschen in den Geschichten unserer Gesellschaft wiederfinden?

Ein Mittwochnachmittag Ende der Nullerjahre in der Bibliothek einer Kleinstadt. Anh und ihre Schwester gehen die Regale durch, stapeln Bücher, bis sie sie kaum noch tragen können. Auf den Covern ist nicht so wirklich jemand, der aussieht wie sie. Egal. Die Bücher kommen trotzdem mit nach Hause.

Anh ist in Deutschland aufgewachsen, inzwischen 26 Jahre alt und fängt bald ihr Referendariat an. Sie hat erfolgreich Lehramt studiert, Deutsch und Englisch. Als Kind war sie eine begeisterte Leserin, lieh sich mit ihrer Schwester zusammen im Wochentakt Bücher aus und verschlang, was sie fand. Anh nahm an Lesewettbewerben teil. In ihrer Grundschulklasse war sie das einzige Kind mit familiärer Migrationsgeschichte, an ihrer weiterführenden Schule mit 3.000 Schüler:innen waren ihre Schwester und sie die einzigen asiatisch gelesenen Schüler:innen. Aber in Büchern hat sie sich immer irgendwie wiedergefunden. „Gerade was Literatur betrifft, hatte ich das nie. Weil ich immer so ein bisschen das anpassen konnte, womit ich mich wohlfühle. Selbst wenn das Cover eine große Blondine mit Locken war, war das nie das Bild, das sich extrem stark in meinem Kopf eingeprägt hat.“

Bücher haben ihr einen Freiraum gelassen. Ihre Eltern haben sie sehr zum Lesen ermutigt, Filme und Serien standen weniger im Mittelpunkt. In Bücher konnte sie sich selbst reindenken, weil Figuren oft gar nicht beschrieben werden. Anhs Eltern haben ihr keine vietnamesischen Märchen mitgegeben, zu Hause waren andere Dinge wichtiger als Geschichten. Das hat sie nicht davon abgehalten, sich in der Bibliothek alles zu greifen, was sie kriegen konnte. Wie das Goethe-Institut in seinem Projekt DRIN zu Diversität in Kinderliteratur dokumentiert, beeinflusst das, was Kinder lesen, ihr Selbstbild und die Art ihrer Wahrnehmung der Welt. Was Anh intuitiv gemacht hat, können nicht alle leisten. Und genau da fängt das Problem an.

Dr. Jara Schmidt forscht an der Universität Hamburg zu Antidiskriminierung in der Kinder- und Jugendliteratur, Märchen und Gender sowie postmigrantischer Literatur. Für sie ist es kein Zufall, welche Figuren in Kinderbüchern und Märchen vorkommen und welche nicht. Es seien Entscheidungen, die über Jahrhunderte getroffen wurden und sich bis heute wiederholen. „In Märchen sind es immer zwei Dinge, die als Belohnung am Ende stehen: der soziale Aufstieg, meistens wirklich mit Reichtum verbunden, und die Eheschließung.“ Armut kommt vor, aber für die Held:innen immer nur als Ausgangspunkt oder Übergangsphase. Hänsel und Gretel beginnen in absoluter Not, enden aber mit den Edelsteinen der Hexe. Schneewittchen muss bei den Zwergen Haushaltstätigkeiten erfüllen, die sie als Prinzessin eigentlich gar nicht erfüllen müsste, um sich zu beweisen und heiratsfähig zu werden. Der Umgang mit Armut beweist in diesen Geschichten den guten Charakter; Demut ist ein Mittel zum Aufstieg.

© ×
Maraia Jakimov

Was die Brüder Grimm beispielsweise verändert haben, ist radikaler. Einige frühere Fassungen von Schneewittchen erzählten keine Geschichte von der Eifersucht der Stiefmutter auf die Schönheit des Kindes, sondern von einem Vater, der sich an seiner Tochter vergeht — weshalb die Stiefmutter eifersüchtig wird. „Die Grimms haben ganz stark entsexualisiert. Da ist viel, was ‚glattgebügelt‘ wurde“, erklärt Dr. Schmidt. Menschen behaupten, dass die Geschichten zeitlos sind. Dabei sind es sehr spezifische Entscheidungen darüber, was Kinder wissen dürfen und wessen Geschichte überhaupt erzählt wird. Klassismus, also Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft, ist mit Blick auf Antidiskriminierung laut Dr. Schmidt das am stärksten unterrepräsentierte Thema in der Kinder- und Jugendliteratur. „Armut bleibt gesellschaftlich oft im Verborgenen. Rassismus und Sexismus werden viel stärker öffentlich diskutiert.“ Queere Figuren kommen in klassischen Märchen gar nicht und in Kinderbüchern immer noch kaum vor. Menschen aus armen oder arbeitenden Verhältnissen tauchen meist nur als Nebenfiguren auf. Eine Analyse des Goethe-Instituts zu Kinderbuch-Bestsellern aus den Jahren 2019 und 2020 zeigt: Figuren mit Migrationshintergrund tauchen zwar auf, aber fast immer im Zusammenhang mit Rassismus oder als Verkörperung kultureller Unterschiede. Nie einfach als Hauptfigur, die ihr Leben lebt. Und wenn sie vorkommen, erscheinen sie zum Großteil als gut angepasst. Als hätte ein Zusammenleben nur dann funktioniert, wenn alle gleich sind. Kinderliteratur stärkt so eher die Trennung zwischen einem „Wir“ und den „Anderen“, als dass sie ihr verbindendes Potenzial nutzt. 

Dr. Schmidt sieht das Problem weniger in einzelnen Büchern, sondern weiter oben. „Die Leitungsebenen in Verlagen, in Schulen, in der Kulturpolitik sind nach wie vor sehr weiß. Sobald man das ändern würde, würde sich das automatisch darauf auswirken, was produziert wird: die Bücher, die gedruckt werden, die Lektürelisten, die Produktionen, die gefördert werden.“ Nicht als Quotengedanke, sondern weil Diversität dann selbstverständlich mitgedacht würde: „Nicht bloß die eine Tokenperson im Team“. Der Begriff „token“ kann mit „Zeichen“ oder „Symbol“ übersetzt werden. Er wird in den Geisteswissenschaften verwendet, um zu beschreiben, dass eine Person nur deswegen als Mitarbeiter:in eingestellt oder als Figur in eine Geschichte eingebaut wird, um zu beweisen, dass Diversität gewährleistet ist. Sie wird also nur als Symbol verwendet, nicht als Mensch ernst genommen. Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2024 unterstützen das. Rund 43 Prozent der Schüler:innen an deutschen Schulen haben eine Migrationsgeschichte. Unter den Lehrkräften trifft das nur auf elf Prozent zu. Im Klassenzimmer sitzt also eine sehr diverse Gruppe und schaut auf Bücher, die von einer sehr homogenen Gruppe ausgewählt wurden. Die Hamburgische Staatsoper stellt diesen Herbst mit ihrer Dornröschen-Neuinszenierung die Frage, warum ein Mädchen überhaupt noch auf einen Prinzen warten sollte. Eine Frage, die sich die Grimms vermutlich nie gestellt hätten. 

Anh sieht das heute von der anderen Seite des Klassenzimmers. „Viele setzen sich nicht gerne mit Literatur auseinander, einfach weil sie sich nicht einbezogen fühlen. Da ist kein Aspekt widergespiegelt, der für meinen Alltag relevant ist, und dann geht das Interesse automatisch flöten.“ Wenn Kinder sich hingegen wiedererkennen, auch nicht eins zu eins, lesen sie viel lieber weiter. „Viele schalten automatisch ab, sobald das stereotype Bild da ist und denken: Ich bin nicht gemeint.“ Anh wünscht sich, dass Lehrkräfte den Spielraum nutzen, den sie haben. Lehrpläne geben Rahmen vor, bestimmte Klassiker müssen behandelt werden. Aber daneben gibt es Platz für zeitgemäße Werke. „Lesen gibt Kindern die Möglichkeit, dem Alltag ein bisschen zu entfliehen, zu träumen, den eigenen Space zu finden.“ Wenn Anh selbst ein Buch für Kinder schreiben würde, würde sie die Hauptfigur nicht beschreiben. „Dann hat jedes Kind die Möglichkeit, für sich selbst zu bestimmen: Wen möchte ich da in meinem Kopf haben?“

Alle Veranstaltungen des Festivals OPERA AND ANIMATION