Was uns Märchen über Macht, Recht und Demokratie verraten
Politiker:innen
erzählen Märchen

Redakteurin Tabea Hofmann fragt sich angesichts der Neuinterpretation des vielfach umgeschriebenen Märchens Dornröschen, was Märchen eigentlich über eine Gesellschaft verraten: Können sie uns demokratischer machen – und welche Gefahren stecken in den Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen?

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Maraia Jakimov

„Merz erzählt Märchen“ lautet der Titel eines Beitrags im FOCUS-Magazin vom November 2025. Darin heißt es, die Bundesregierung kämpfe mit einem Vertrauensverlust, dem Merz und sein Umfeld mit positiven Erzählungen entgegenzuwirken versuchten. Erzählt Merz denn Märchen?

Wir alle kennen die Worte „Und wenn sie nicht gestorben sind …“. Doch zwischen Königin, Bösewicht und der guten Fee steckt mehr als eine Geschichte zum Einschlafen. Was haben das Rotkäppchen, die Bremer Stadtmusikanten und Friedrich Merz gemeinsam?

Es war einmal …

Lange bevor das erste Märchen aufgeschrieben wurde, erzählten Menschen diese Geschichten mündlich weiter. Dabei veränderten sich die Erzählungen über die Generationen. Erst als Märchen schriftlich festgehalten wurden, bekamen sie eine feste Form.

Wir kennen Märchen als Gute-Nacht-Geschichten aus der Kindheit. Märchen unterscheiden sich von anderen Erzählformen dadurch, dass am Ende fast immer eine klare Botschaft steht: „Gute Menschen werden belohnt“, wie bei Aschenputtel, oder „Fremden sollte man nicht blind vertrauen“, wie bei Rotkäppchen. Ursprünglich sollten Märchen Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleiten. Über die Zeit wurden sie fantastischer und schließlich der Kinderliteratur zugeordnet.
 

Wenn niemand dem Kaiser widerspricht

Kaum ein Märchen zeigt so deutlich, wie Macht und gesellschaftlicher Druck unsere Wahrnehmung beeinflussen können, wie Des Kaisers neue Kleider. Zwei Betrüger überzeugen den Kaiser davon, ihm außergewöhnliche Kleider anfertigen zu können, die für all jene unsichtbar sind, die dumm oder ihres Amtes nicht würdig seien. Obwohl alle sehen, dass er nackt ist, schweigen sie aus Angst, als dumm zu gelten. Erst ein Kind ruft bei einer Parade die Wahrheit in die Menge: „Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an!“ Was alle gesehen hatten, wurde endlich ausgesprochen. Das Märchen erzählt, warum Menschen offensichtliche Widersprüche akzeptieren und welche Macht Erzählungen darüber haben, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen. Nur, was passiert mit einer Gesellschaft, wenn niemand mehr den Mächtigen widerspricht?

Märchen vermitteln Werte und Normen. Normen legen fest, welche Handlungen verboten, geboten oder erlaubt sind. Werte geben Orientierung darüber, was als wünschenswert gilt. Beides hängt eng zusammen: Zum Wert „Ehrlichkeit“ gehört die Norm „Du sollst nicht lügen!“ Die Bremer Stadtmusikanten sind ein Beispiel dafür, wie viele Werte in einem einzelnen Märchen stecken können. Esel, Hund, Katze und Hahn sind einzeln schwach und gemeinsam stark: Kooperation. Sie halten trotz unterschiedlicher Herkunft und Fähigkeiten zusammen: Toleranz. Sie entscheiden gemeinsam und hören zu: Kompromissfähigkeit. Die Tiere geben trotz schwieriger Umstände nicht auf: Geduld und Durchhaltevermögen.

Christopher Warmuth, stellvertretender Chefdramaturg der Staatsoper Hamburg und betreuender Dramaturg der Produktion Dornröschen, sieht die Wirkung von Geschichten allerdings weniger in einer eindeutigen moralischen Belehrung. Ihn interessiere vielmehr „der Moment, in dem diese Gewissheit brüchig wird.“ Geschichten könnten Widersprüche sichtbar machen, ohne sie auflösen zu müssen: „In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten immer häufiger nach eindeutiger Zugehörigkeit verlangen, halte ich diese Fähigkeit für eine zutiefst demokratische“, so Christopher Warmuth. 
 

Politik zwischen den Zeilen

Was zwischen den Zeilen einer Erzählung steckt, kann auch beeinflussen, wie eine Gesellschaft sich selbst versteht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet für Christopher Warmuth dabei nicht, dass am Ende alle dasselbe denken. Im Gegenteil: „Wir müssten lernen, unsere Unterschiede auszuhalten und trotzdem eine gemeinsame Vorstellung davon zu entwickeln, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.“

Diese Frage stellen wir uns schon seit Jahrhunderten in Geschichten. Märchen können sinnstiftende Erzählungen sein, die zu Identität und Zusammenhalt führen. Sie prägen die Sicht auf die Welt oder eine Gruppe und transportieren Werte, die Menschen verbinden. Nicht nur die Bremer Stadtmusikanten kamen zusammen an ihr Ziel. Doch die politischen Ansätze stammen vor allem aus der Deutung der Menschen.
 

Alte Märchen, neue Werte

Christopher Warmuth glaubt nicht, dass Werte einfach verschwinden und durch neue ersetzt werden. Vielmehr würden sie immer wieder neu gewichtet. Entscheidend sei deshalb weniger, welche Werte eine Gesellschaft habe, sondern wie sie diese begründe und welche Konflikte zwischen ihnen entstünden. Wertewandel zeigt sich für Warmuth daher nicht im Austausch alter Überzeugungen gegen neue, sondern in der Auseinandersetzung, welche Werte zukünftig unser Zusammenleben prägen sollen und wie wir mit ihren Widersprüchen umgehen. Geschichten verschwinden jedenfalls nie. Sie tragen nur nicht mehr ein rotes Käppchen, einen Zwergenhut oder einen langen weißen Bart.

Zurück zu Merz: Auch Politiker:innen erzählen Geschichten, arbeiten mit Bildern, Figuren und Narrativen. Politische Erzählungen erklären uns, wer für ein Problem verantwortlich ist, was gerecht oder ungerecht ist und wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Dass dabei wieder schnell von „Märchen“ geredet wird, zeigt eine politische Berichterstattung des FOCUS-Magazins. „Merz erzählt Märchen“. Gemeint ist damit kein Märchen im klassischen Sinne. Der Begriff wird hier zum Vorwurf: Friedrich Merz und seine Regierung erzählen positive Geschichten, um verlorenes Vertrauen nach unerfüllten Versprechungen zurückzugewinnen und die öffentliche Stimmung zu verbessern. In seinen Erzählungen zeichnet Merz ein Bild davon, wie sich Deutschland aus seiner Sicht entwickeln sollte, und bringt politische Ziele in eine verständliche Form.
 

Die Märchen von heute

Wenn Friedrich Merz sich an das Rednerpult stellt und anfangen würde mit: „Es war einmal …“ und er über Königinnen, nicht arbeitende Bürger und einen Zwerg mit Zauberkräften erzählen würde, dann würde ihn wohl niemand ernst nehmen. Politische Geschichten sehen heute anders aus. „Deutschland muss wieder wirtschaftlich stark werden“, das ist ein Reformnarrativ. Ein Narrativ folgt einer einfachen Erzählung: Deutschland war einst wirtschaftlich stark, ist zurückgefallen und braucht nun Reformen, um wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Erzählungen von Politiker:innen und Märchen haben eines gemeinsam: Sie machen eine komplizierte Welt durch Geschichten verständlicher.
 

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Denn was zu den Märchen von früher und den Narrativen von heute gleich bleibt: Menschen brauchen nicht nur Fakten, Regeln und politische Maßnahmen, sondern Geschichten, die uns leiten. Genau wie bei den Märchen vermitteln sie Werte und Normen an die Menschen. Diese Geschichten können die Zukunft gestalten, bevor wir sie erschaffen. Vielleicht ist es also gar nicht die Frage, ob Politiker:innen uns Märchen erzählen, sondern was wir ihnen glauben und welche Vorstellung vom guten Zusammenleben für die Zukunft darin steckt …. Und wenn sie nicht gestorben sind? Dann erzählen sie noch heute.

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