Wer inspiriert die Gen Z?
Neue Zeit,
neue Held:innen

Redakteurin Franziska Schwarz untersucht eine uralte Frage, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Warum brauchen wir Held:innen – und warum findet jede Zeit ihre eigenen? In einer Umfrage unter der Generation Z fragt sie: Wer sind unsere Held:innen heute – und was macht sie dazu?

Ein Kuss. Dornröschen wacht auf, der Prinz hat sie gerettet. Und dann? Hochzeit, Schloss, Ende der Geschichte. So werden Held:innengeschichten seit Jahrhunderten erzählt. Der Held – oft ein Prinz – bricht auf, überwindet Hindernisse und rettet am Ende die Geschichte. Doch würden wir ihn heute noch genauso zum Helden machen?

Dass sich alte Figuren verändern können, zeigt beispielsweise Barbie. Im Sommer 2023 trägt plötzlich jede:r Pink. Barbie wird nicht mehr nur als Schönheitsideal gesehen, sondern als Projektionsfläche für feministische, gesellschaftliche und politische Fragen. Die Vorstellung davon, wen wir bewundern und was Held:innen ausmacht, verändert sich. Doch warum eigentlich? Warum brauchen wir Held:innen? Und was erzählen sie über die Gesellschaft, in der wir leben?

Mit diesen Fragen hat sich Prof. Dr. Ralf von den Hoff beschäftigt. Der klassische Archäologe und Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat von 2012 bis 2024 den Sonderforschungsbereich „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ geleitet. Eine Erkenntnis aus der Forschung: Held:innen werden nicht nur allein durch ihre Taten zu Held:innen: „Held:innen macht aus, dass sie von einer größeren Gruppe zu Held:innen gemacht, ihre Taten weitererzählt werden“, sagt Prof. von den Hoff. Es reicht also nicht aus, etwas Außergewöhnliches zu tun, die Anerkennung dahinter spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch der Prinz aus Dornröschen wird also nicht allein durch seine Taten zum Helden. Erst, weil wir seine Rettung als heldenhaft erzählen. Aber wer entscheidet, was als bewundernswert gilt?
 

Held:innen sind Kinder ihrer Zeit

Was eine Gesellschaft als held:innenhaft empfindet, verändert sich. „Im Mittelalter waren religiöse Figuren prägend, Kriegshelden sind jedoch durchlaufend über alle Jahrhunderte hinweg von Bedeutung“, so Prof. von den Hoff. Welche Figuren besonders verehrt werden, hängt dabei immer auch davon ab, welche Werte einer Gesellschaft gerade wichtig sind. „Wenn ich weiß, welche Held:innen Gesellschaften haben, dann weiß ich, was das für Gesellschaften sind“, erzählt der Archäologe. Held:innen sind also auch immer Indikatoren dafür, was die Menschen bewegt.
 

Auch Held:innen haben Probleme

Aber damit alte Figuren trotzdem noch gut ankommen, muss man sie so gestalten, dass sie zur heutigen Gesellschaft passen. Moderne Held:innen dürfen zunehmend Fehler haben. Prof. von den Hoff beobachtet seit den 2000er-Jahren eine stärkere „Problematisierung“ von Held:innen. Sie müssen nicht mehr unfehlbar sein, um bewundert zu werden. Sie dürfen Schwächen haben, scheitern oder an sich zweifeln. Als Beispiel nennt Prof. von den Hoff Odysseus: In Christopher Nolans neuer Verfilmung wird die Figur stärker als gebrochener, verletzlicher Mensch erzählt. Das macht sie sympathisch. „Die Held:innen werden nahbarer, weil sie schwierig werden, echte Probleme haben, auch mit sich selbst kämpfen müssen“, so Prof. von den Hoff.
 

Dieselbe Figur, eine andere Geschichte

Doch nicht nur die Eigenschaften von Held:innen verändern sich. Auch ihre Geschichten werden neu erzählt. Wie das auf der Opernbühne funktioniert, zeigt die Regisseurin Anna Bergmann, unter anderem in ihrer neuen Inszenierung des Klassikers Dornröschen. Sie erzählt das Märchen aus einer anderen Perspektive: „Das Märchen zeigt, wie Dornröschen 100 Jahre in der Zukunft wäre: als 80-jährige Frau, die auf ihr Leben zurückschaut“, so Bergmann. Dornröschen wird dadurch selbst zur Erzählerin ihrer Geschichte.

Der Prinz hat dabei trotzdem eine wichtige Rolle: Er macht sich auf die Suche nach den Ringen und erlebt dabei Abenteuer. Doch dass er Dornröschen am Ende küsst und sie automatisch heiratet, ist nicht mehr gesetzt. Bergmann lässt offen, ob Dornröschen den Prinzen überhaupt heiraten möchte. „Wir deuten das in eine freiere Richtung, dass man als Frau besser selbst entscheiden sollte, wen man am Ende heiratet.“ Trotz der neuen Perspektive ist es am Ende dennoch der Prinz, von dem das Überleben von Dornröschen abhängt. Denn ohne die Ringe würde Dornröschen sterben.

Klassische Held:innen sind also nicht verschwunden. Superheld:innen retten noch immer die Welt, kämpfen gegen das Böse und verfügen über Fähigkeiten, die über das Menschliche hinausgehen. „Es gibt eine Begeisterung dafür. Diese Arten von Held:innengeschichten faszinieren Menschen auch sehr stark: als Geschichten“, erzählt Prof. von den Hoff. Vielleicht wollen wir heute beides: Held:innen, die etwas können, was wir selbst nicht können. Und Held:innen, in denen wir uns trotzdem wiedererkennen.

Der Widerspruch zwischen Held:innentum und der Demokratie

Aber warum halten wir überhaupt so sehr an ihnen fest? Prof. von den Hoff sieht eine wichtige Funktion darin, dass Held:innen Orientierung geben können. Gerade wenn Menschen nicht wissen, wie sie selbst handeln sollen, können sie zeigen: So könnte man es tun. Held:innen können außerdem Gruppen verbinden, Identität stiften und Menschen motivieren.

Doch genau darin liegt auch die problematische Seite des Held:innentums. Prof. von den Hoff betont, Heroisierung sei auch immer gefährlich. Denn wer eine Person oder Figur stark heroisiere, mache sie gleichzeitig schwerer hinterfragbar. Prof. von den Hoff warnt daher davor, Held:innen einfach zu überhöhen. Auf der Opernbühne darf heroisiert werden, weil Held:innen dort Teil einer erzählten Geschichte sind. Das Publikum weiß, dass eine Figur überhöht und bestimmte Eigenschaften besonders hervorgehoben werden. Im Politischen muss man dagegen immer hinterfragen, was hinter der Verehrung einer Person steckt. Und gerade in demokratischen Gesellschaften kann die Vorstellung einer einzelnen Person, die alles lösen kann, problematisch sein. Demokratie und Held:innentum stehen deshalb in einem gewissen Widerspruch: Demokratie lebt davon, dass nicht eine einzelne Person alles entscheidet. Gleichzeitig braucht auch sie Menschen, die sich für ihre Werte einsetzen und andere dafür gewinnen.
 

Vorbilder > Held:innen

Wir brauchen also weiterhin Menschen, zu denen wir aufschauen. Nur müssen die Menschen nicht mehr unbedingt Held:innen sein. „Vorbilder sind wichtiger als Held:innen. Und das ist eine gute Entwicklung, weil das die Konkurrenz zum Demokratischen nicht markiert“, stellt Prof. von den Hoff fest. „Held:innen verlieren an Wert in unserer Gesellschaft. Identifikationsfiguren braucht man weiter. Aber dass man sie über alles erhebt als Held:in, das lässt nach“. Ein Vorbild kann jemand sein, an dem wir uns orientieren: die Eltern, Freund:innen oder Kolleg:innen. Diese Person muss keinen Kampf gewinnen oder eine außergewöhnliche Tat vollbringen.

Held:innen dahingegen brauchen Distanz. Sie müssen aus der Masse herausragen. Gerade deshalb werden bei einer Heroisierung bestimmte Eigenschaften hervorgehoben, während andere weggelassen werden. „Wenn man Held:innen beim Alltäglichen beobachtet, dann werden sie plötzlich ganz unheroisch“, meint Prof. von den Hoff.


Mama als Heldin

Wen bewundern junge Leute heute? Eine Umfrage zeigt: Held:innen müssen für die Gen Z nicht unbedingt auf der großen Bühne stehen. Viele nennen ihre Eltern, Geschwister oder Freund:innen. Gleichzeitig tauchen auffällig viele starke Frauen, Aktivist:innen, Journalist:innen und Künstler:innen auf. Was sie verbindet, sind weniger übermenschliche Fähigkeiten, sondern Mut, Empathie, Authentizität und Durchhaltevermögen. Für Anna (23) gehören ihre Eltern und Freund:innen ebenso zu ihren Held:innen wie Ikkimel oder Jan Böhmermann. Sie bewundert an ihnen „Mut, Authentizität, Humor, Charisma, Leidenschaft“. Sarah (24) nennt ihre Mutter als Heldin. Sie bewundert ihre Stärke und dass sie „nie aufgibt“. 
 

Held:innentum immer noch männlich dominiert

Die Held:innen aus der Gen Z sind also nicht mehr nur die unnahbaren Figuren aus alten Geschichten. Und: ihre Held:innen sind häufig weiblich. Held:innentum ist jedoch nach wie vor männlich gedacht. „Zwar gibt es schon lange auch viele weibliche Heldinnen, doch häufig werden ihnen noch immer Eigenschaften zugeschrieben, die traditionell als männlich gelten“, erzählt Prof. von den Hoff. Etwa Mut, Durchsetzungsvermögen oder Kampfbereitschaft. Andere Qualitäten wie Aushalten, Durchhalten und Beständigkeit wurden dagegen bereits im frühen 20. Jahrhundert mit Frauen verbunden. Welche Eigenschaften als „männlich“ oder „weiblich“ gelten, verändert sich allerdings auch mit der Gesellschaft. Und weil Held:innen auch etwas mit Identität zu tun haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Frauen eher Frauen als Held:innen wählen. Für die Regisseurin Anna Bergmann ist es wichtig, weibliche Held:innen mehr ins Rampenlicht zu rücken: „Ich habe ganze Stücke umgeschrieben, sodass sie aus weiblicher Perspektive erzählt werden und eine weibliche Hauptfigur haben. Das ist auch ganz wichtig, weil zwei Drittel der Zuschauer:innen im Theater weiblich sind“, erzählt Bergmann. In ihrer neuen Inszenierung von Dornröschen möchte sie ein breites Spektrum an Held:innen abdecken: „Die Idee ist, dass Zuschauer:innen im Stück eigene Held:innen finden können. Für die eine Person ist es vielleicht Dornröschen, für die andere der Prinz.“ Heute kann Dornröschen selbst entscheiden, wie ihre Geschichte endet. Welche Version wir erzählen, hängt davon ab, was wir selbst für held:innenhaft halten.

Lucy, 26

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?

Pippi Langstrumpf
 

Wer sind heute deine Held:innen? 

Frauen
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Wie sie im patriarchalen System trotz allem leben, so wie sie es sich wünschen.
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Held:innen sind Menschen, die ihre Menschlichkeit trotz allem nicht verlieren, besonders und gerade in alltäglichen Momenten, die nicht weggucken, sondern helfen, auch wenn‘s unangenehm ist.

ANNA, 23

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?

Eltern, Peter Pan, Winnie Puuh, American Dragon, Harry Potter
 

Wer sind heute deine Held:innen?     

Eltern, Schwester, meine Girls, Jan Böhmermann, Ikkimel, Raye, Pitbull
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Mut, Authentizität, Humor, Charisma, Leidenschaft
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Mut    

JULI, 23

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?

In echt: meine Mutter, aus Büchern: Michel aus Lönneberga
 

Wer sind heute deine Held:innen?     

Luisa Neubauer
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Neubauer ist mutig, geduldig und sehr klug. Sie steht für das ein, was für die Menschheit wichtig ist. Michel fand 
ich als Kind sehr lustig und er hat immer sein eigenes Ding gemacht, ohne auf die Erwachsenen zu hören. Meine Mutter ist klug und lustig. Sie würde alles für die Menschen tun, die sie liebt.
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

(Soziale) Intelligenz, Empathie, Mut

CARO, 23

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?

Die wilden Hühner
 

Wer sind heute deine Held:innen?    

Heidi Reichinnek
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Dass sie Frauen sind, die keine Angst davor haben, ihre Meinung und ihre Standpunkte zu vertreten. Sie stehen für sich ein und möchten Dinge ändern. 
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Mut, kommunikatives Auftreten

SARAH, 24

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?

Hexe Lilli
 

Wer sind heute deine Held:innen? 

Mama
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Hexe Lilli war meine Heldin, weil sie mutig und neugierig war. Sie hat sich immer in irgendwelche Abenteuer gestürzt und dabei ihren eigenen Kopf gehabt. Ich glaube, als Kind fand ich es einfach cool, dass sie selbst entscheiden konnte, was sie macht und sich von niemandem sagen ließ, dass etwas unmöglich ist. Meine Mutter ist meine Heldin, weil sie immer für andere da ist, auch wenn es ihr selbst nicht gut geht. Ich bewundere ihre Stärke und dass sie nie aufgibt.
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Mut, Durchhaltevermögen, Entschlossenheit, Empathie, Selbstlosigkeit, Zivilcourage, Authentizität

BENJAMIN, 29

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?    

Benjamin Blümchen
 

Wer sind heute deine Held:innen? 

Sam Laidlow
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Kampfgeist und Willensstärke 
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Durchhaltevermögen

ERIK, 25

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?

Deutsche Fußballnationalmannschaft 2014, Charaktere aus Büchern und Filmen (Frodo Beutlin)
 

Wer sind heute deine Held:innen? 

Aktivist:innen (Menschenrechtler:innen, Journalist:innen, Ärzt:innen, Tierrechtler:innen), Ehrenamtliche
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Den Einsatz für eine andere, meist übergeordnete Sache, die sie selbst und/oder eine Gruppe an Menschen oder Lebewesen betrifft (bspw. Erlangung von mehr Rechten), außerdem ihr Durchhalte­vermögen und ihre Hartnäckigkeit, Unbeirrtheit
  

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Mut, Ehrgeiz, Sinn für Gerechtigkeit, Durchhaltevermögen

CARLOTTA, 26

Wer waren deine Held:innen in deiner Kindheit?    

Hermine Granger aus Harry Potter 
 

Wer sind heute deine Held:innen?     

Meine Mama
 

Warum sind diese Personen Held:innen für dich? Was bewunderst du an ihnen?

Meine Mama war eine starke alleinerziehende Frau, die immer stark und selbstständig war.
 

Welche Eigenschaft braucht ein:e Held:in unbedingt?

Gutes Herz

Alle Veranstaltungen des Festivals OPERA AND ANIMATION