von Katinka Deecke
© ×
Luisa Miller
„Andreas Homoki […] zaubert mit Musik, Stimmen und Bühneneinfällen.“ DER SPIEGEL
Composer: Giuseppe Verdi
Libretto: Salvatore Cammarano after Friedrich Schiller's bourgeois tragedy Intrigue and Love
- 1849 8 December, premiere at the Teatro Lirico in Milan
- 2014 16 November, premiere of this production at the Hamburg State Opera
-
2026
Vor der letzten Vorstellung findet das Gespräch „Vergegenwärtigt: Liebe & Feminismus“ zwischen Dr. Emilia Roig und Katinka Deecke statt.
5. Juni, 18:15 · Foyer 2. Rang
Cast
-
Musikalische Leitung
-
Inszenierung
-
Bühne
-
Kostüme
-
Licht
-
Chor
-
Il Conte di Walter
-
Rodolfo
-
Miller
-
Luisa
-
Wurm
-
Federica
-
Laura
-
Un Contadino
-
The Production
- Venue Main Stage
-
Duration
180 m
- Intermission A break of ca. 25 minutes after the first act (after about 60 minutes)
- Age recommendation Ab 14 Jahren / Klasse 9
- Language In Italian with German surtitles
-
Vor der letzten Vorstellung findet das Gespräch „Vergegenwärtigt: Liebe & Feminismus“ zwischen Dr. Emilia Roig und Katinka Deecke statt.
5. Juni, 18:15 · Foyer 2. Rang
Übrig bleiben zwei Väter. Zusammengesunken über den toten Körpern ihrer Kinder, sind sie verdammt zu einem Leben ohne Zukunft und Zuspruch: Zwei alte Männer vereint in den Tränen um den Tod ihres Sohnes beziehungsweise ihrer Tochter, für die sie so viel erhofft, so viel geopfert haben. Das Ende von Giuseppe Verdis Oper Luisa Miller, die auf Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel Kabale und Liebe beruht, ist definitiv – auf die beiden Väter, mit denen die Oper endet, warten nur Finsternis und Leere. Wie viel Schuld die beiden dabei selbst auf sich geladen haben, wie viel Verantwortung sie für den Tod ihrer Kinder Luisa und Rodolfo tragen, lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Je nach Positionierung hatten die Taten und Worte der Väter mehr oder weniger Gewicht in der Ereignisfolge, die schließlich zum Tod der beiden sich liebenden Kinder führte. Zweifellos aber gibt es jenseits der individuellen Handlungen der beiden Vaterfiguren Walter und Miller auch systemische Verantwortung. Ohne den einzelnen von seiner Schuld freizusprechen, gibt es etwas Größeres, das diese beiden Figuren ebenso durchdringt wie ihre beiden Kinder und dem sie sich nicht entziehen können. Dieses nicht personifizierte Denksystem, das um so vieles mächtiger als jede:r einzelne ist, macht die beiden Väter in Verdis Geschichte zu seinen Handlangern. Der eine von beiden, Miller, wird von Verdi als ein in der Liebe zu seiner Tochter aufgehender und nur um ihr Wohl und ihre Jungfräulichkeit (!) sich sorgender Vater gezeichnet. Den anderen, Walter, charakterisiert Verdi als ehrgeizigen und gewalttätigen Grobian, aber auch Walter begeht seine rücksichtslosen Taten einzig und allein im (vermeintlichen) Interesse seines Sohnes Rodolfo. Walter und Miller gemeinsam ist die Unfähigkeit, über die Grenzen der hyperpatriarchalen Ordnung, über die Mauern des rigiden Wertesystems hinauszublicken. Stattdessen haben sie die strenge Ethik dieser Ordnung tief verinnerlicht: Stärke, Ehre und Erfolg sind ihnen die Tugenden, nach denen Männer beurteilt werden; Bescheidenheit, Empfindsamkeit und Fürsorglichkeit gelten ihnen als Maßstab für ein gelungenes weibliches Leben (ergänzt noch um die entscheidende „Tugend“ der Jungfräulichkeit bei unverheirateten Frauen). Darüber hinaus teilen beide Väter – der eine adelig, der andere bürgerlich – ein sensibles Klassenbewusstsein und die Ahnung, dass klassenübergreifende Beziehungen außerhalb des gesellschaftlich Üblichen gefährlich sind.
Fast 250 Jahre nach Schiller und über 150 Jahre nach Verdi hat sich die Ordnung, innerhalb derer in der heutigen Gegenwart das bürgerliche Leben verläuft, verändert, genauso wie das Rollenverständnis bürgerlicher Väter. Die Inszenierung, die Andreas Homoki 2014 erarbeitet hat, macht diesen Abstand deutlich, indem sie das Geschehen in der historischen Zeit von Schillers bürgerlichem Trauerspiel Kabale und Liebe situiert, im ausgehenden 18. Jahrhundert. Dadurch wird der Abstand zwischen uns heute und dem Drama von damals um so intensiver erlebbar: Viele der Tugenden, die Verdis Figuren in dieser Oper ins Unglück stürzen, spielen im 21. Jahrhundert nur eine untergeordnete Rolle, zum Beispiel berufen sich in bürgerlichen Sphären heute kaum noch Menschen je auf ihr Ehrgefühl, um Handlungen zu legitimieren. Auch sind Werte, die im 18. und 19. Jahrhundert stark den einzelnen Geschlechtern zugeordnet waren, inzwischen weniger klar gegendert, so dass es zum Beispiel starke feministische Stimmen gibt, die die einst weiblich konnotierte Fürsorglichkeit als männliche Eigenschaft betonen; andere machen beruflichen Erfolg, der damals Männern vorbehalten war, zum Maßstab eines gelungenen Frauenlebens. Und doch ist es erstaunlich einfach, dieser fast 250 Jahre alten Geschichte in der Inszenierung von Andreas Homoki zu folgen und sich mit ihren Figuren zu identifizieren. Wenn die Werte sich wirklich verändert haben – wieso löst eine vermeintlich so altmodische Geschichte diese starken Gefühle aus?