„Die Vokale müssen vibrieren“
Seit der Spielzeit 2025/26 leitet Alice Meregaglia den Chor der Hamburgischen Staatsoper. Während unseres Interviews läuft eine Vorstellung der letzten Opernpremiere der Saison: Rossinis Il barbiere di Siviglia. Mit Einsatz des Chores dreht Alice die Mithörlautsprecher auf und verfolgt konzentriert „ihre Herren“. Bei jedem Auftritt macht sie sich Notizen: zu Artikulation, Phrasierungen, Timing, Klang, Lebendigkeit, Aufmerksamkeit. „Damit wir an den Produktionen dranbleiben“, erklärt sie. „So verfallen wir nicht in Routine.“ Ein Gespräch über Dynamik, Vertrauen und Imagination, über die Kunst der Begleitung und das Talent, 72 Menschen gleichzeitig zu umarmen.
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Du bist mit der neuen Intendanz an die Hamburgische Staatsoper gekommen – als erste weibliche Chordirektorin. Was hat dich an dieser Aufgabe gereizt?
Es war einfach eine Phase, in der ich einen neuen Impuls brauchte, eine neue Energie, musikalisch und in meinem Leben überhaupt. Ich wollte lernen, dass ich loslassen und dennoch Verbindung spüren kann. Zu den Chören in Bremen und Darmstadt habe ich immer noch Kontakt und wenn sich eine Gelegenheit bietet, machen wir gemeinsame Konzerte. Es geht mir nicht darum, wie groß ein Theater ist, denn das Theater sind die Menschen. Die Möglichkeit, hierher, an die Hamburgische Staatsoper zu kommen, war daher eine professionelle und eine „spirituelle“.
„Ich denke, im Chor zu singen ist einer der schönsten Berufe, den jemand haben kann.“
Heißt das, du wechselst den Ort auch, um dich selbst, nicht nur in deinem Beruf, ein Stück neu zu entdecken?
Das stimmt, es ist auch eine innere Reise. Es gibt da diese Zen-Frage – als ich nach acht Jahren aus Bremen wegging, lautete sie: Was bin ich ohne Bremen, welchen Wert habe ich als Mensch? Oft passiert es, dass wir uns nur dadurch repräsentieren, was wir machen oder was wir bekommen. Wir müssen nicht Nihilisten sein und alles loslassen, um dahin zu gelangen, wer wir sind. Aber durch diese Bewegungen kann ich mich verändern und mich neu spüren – sie haben mich sehr bereichert. Hamburg ist eine neue, wunderschöne Aufgabe, das spüre ich jetzt, nach einem Jahr, noch deutlicher. Denn es ist uns im Chor gelungen, eine richtige Verbindung zu haben, obwohl es viele Menschen sind und die Strukturen des Hauses sehr groß. Genau wie ich 40 Menschen umarmen kann, möchte ich auch 72 umarmen!
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Die 72 Chorsänger:innen der Hamburgischen Staatsoper.
Ja, und niemand ist mir „egal“. Wenn jemand zwei Wochen nicht da sein kann, vermisse ich ihn sehr, musikalisch und menschlich. Ich warte auf ihn. Denn es ändert etwas in der Dynamik der Gruppe. Und diese Dynamik hat einen großen Einfluss auf die Schönheit der Musik. In einer großen Gruppe braucht das einfach ein bisschen mehr Zeit.
Wie baust du diese Dynamik? Wie gestaltet sich deine Arbeit?
Durch Vertrauen, Leidenschaft, Flexibilität, Leichtigkeit, Präzision: Mit diesen Zutaten fühle ich mich authentisch in der Kommunikation mit meinen wertvollen Sänger:innen. Dass wir uns durch die Musik und das Spiel, die Interpretationen der Oper, durch unsere Verbindungen ausdrücken können, ist sehr besonders, und es ist schön, das gemeinsam zu erleben. Das Herz unserer Arbeit bilden die Proben. Jede Probe hat etwas Besonderes, in jeder Probe vertiefen wir unsere Einstudierung durch Präzision und Imagination. Jedesmal frage ich mich: Wie kann ich meine Sänger:innen davon überzeugen, dass es sich lohnt?
„Eins sein und mehrere, mit unendlich vielen verschiedenen Farben.“
Denn ihr habt einen gemeinsamen Auftrag – ein Mikrokosmos im Makrokosmos Oper. So ein Chor ist ja ein ganz besonderes Phänomen: Er muss als Ganzes funktionieren, auf der anderen Seite sagst du, du siehst jede:n Einzelne:n, der oder die etwas Individuelles einbringt, der oder die fehlt, der oder die etwas zur Gesamtheit addiert.
Sì, ja. Ein Wort, das oft im Zusammenhang mit einem Chor genutzt wird, ist Homogenität. Aber ich nenne es lieber Harmonisierung. Denn ich möchte meinen Chor nicht homogenisieren. Wenn ich sie aber mit einem Inhalt, einer musikalischen Idee, einer besonderen Interpretation eines Momentes überzeuge, erreichen alle dasselbe Ziel in ihrer individuellen Persönlichkeit. Eine Harmonisierung wird diese Diversität unterstützen: Ich versuche eine große Vielseitigkeit zu haben, viele Farben von vielen Menschen. Aber sie sollen einander zuhören, sie sollen nicht isoliert, sondern offen sein. So habe ich solistische Persönlichkeiten, die harmonieren – und das ist für mich ein Chor: eins sein und mehrere, mit unendlich vielen verschiedenen Farben.
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Ein:e gute:r Chor-Sänger:in muss also sehr viel mitbringen, nicht zuletzt dieses besondere Gespür für die Gruppe. Was noch? Eine große Stimmbreite und Wandlungsfähigkeit?
Sì. Ich sage immer, damit wir dem Publikum ein wirklich gutes musikalisches Erlebnis schenken können, müssen wir drei Ohren haben: ein Ohr für uns selbst, ein Ohr für die Kollegen und ein Ohr für das Publikum. Wenn wir diese drei Dimensionen beherzigen, haben wir alles geschafft. Denn wir können uns selbst treu sein und einem Inhalt, einer Situation die wir zusammen aufgebaut, studiert, geprobt oder gedacht haben, und schließlich treu auch gegenüber dem, was das Publikum bekommen kann. Ich denke, im Chor zu singen ist einer der schönsten Berufe, den jemand haben kann. Denn ein Chorsänger muss natürlich eine wunderschöne Stimme haben, muss sehr gut spielen, eine sehr gute Sozialkompetenz besitzen, um in so einem großen Kollektiv täglich wachsen zu können, sehr sensitiv und empathisch sein. Sie singen in allen möglichen Sprachen und Stilen, auswendig – es steckt eine unglaubliche Vielseitigkeit in dieser Leidenschaft.
„Das Instrument des Sängers ist die Seele selbst.“
Welche Rollen nimmt der Chor gegenüber den Solist:innen ein?
Ein Solosänger hat eine Arie, um sein großes Talent zu präsentieren. Im Ensemble geht es auch darum, dieses Talent zu unterstützen. Als ich begann, Korrepetition zu studieren, spielte ich die vierte Ballade von Chopin. Und ich erinnere mich, dass mein Maestro sagte: Ja, gut, aber du könntest es besser machen. Du könntest es spielen wie eine begleitende Pianistin. Und damit meinte er: Eine begleitende Pianistin ist viel mehr als eine solistische Pianistin. Denn das ist die große Kunst von Begleitung: zu unterstützen, ohne zu überdecken, präsent da zu sein, ohne einen Raum zu überfüllen, eine Atmosphäre zu malen, in der jemand anders aufblühen kann. Auch der Chor kann in der ersten Reihe stehen, Protagonist sein. Diese unterstützende Rolle aber ist eine wunderschöne Arbeit, die sehr viel Talent und Kompetenz benötigt, in der man plötzlich eine neue symbolische und musikalische Position empfinden, sich entdecken und bereichern kann, Tag für Tag – sie wie ich.
Gleich zum Auftakt deiner ersten Hamburger Spielzeit standest du vor einer schwierigen Aufgabe: Das Paradies und die Peri, Schumanns Oratorium, in dem der Chor – 72 Menschen, die dir damals noch nicht sehr vertraut waren – eine tragende Rolle spielt. Wie hast du das geschafft?
Ich denke, das ist eine tägliche Entdeckung – und durch unsere Erfahrungen wächst auch unser Vertrauen. Das Instrument des Sängers ist die Seele selbst. Und das ist so innerlich, dass sich zu verlassen natürlich auch vulnerabel macht – das braucht ein großes Vertrauen.
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Auf der anderen Seite musst auch du dem Chor Vertrauen entgegenbringen können …
Stimmt. Und das ist vielleicht das Schönste. Denn eigentlich brauchen wir das gleiche: Sie brauchen Vertrauen, damit sie loslassen, sich entspannen und mir folgen können – damit ich sie führen kann, in die musikalische Richtung, die ich in mir deutlich spüre. Und ich brauche natürlich auch das Vertrauen darin, dass es sich lohnt, dass diese Menschen Lust haben, in meine Richtung zu gehen. Wir kommunizieren also, lernen uns kennen und verstehen, dass wir uns nicht voreinander schützen müssen.
In seinen Anfängen, in der Antike und Renaissance, spielte der Chor eine erzählende und kommentierende, auch schon mal: moralische Rolle. Wie hat sich diese bis heute weiterentwickelt?
Alle diese Rollen sind noch präsent. Aber wir haben weniger „griechische“ Situationen, in denen wir statisch kommentieren. Natürlich hat sich das Spiel vor allem in den letzten 40 Jahren extrem entwickelt. Die Regie hat viel mehr Wichtigkeit bekommen, manchmal sogar mehr als die Musikalische Leitung. Dennoch sollten wir den Respekt vor den musikalischen Aspekten behalten: Ich freue mich immer sehr, wenn meine Sänger:innen Richtung Publikum singen. [Lacht.] Und ja, der Chor kann viele unterschiedliche Rollen haben: Das kann eine kommentierende sein oder die Stimme einer Gruppe von Menschen, Bauern, Soldaten, Blumenmädchen, das Volk oder die Gesellschaft, die Edlen, die Hausfrauen, die Hexen. Wenn die Regie unsere Rolle und Haltung deutlich aufbaut, können wir sehr stark sein.
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Das heißt, du arbeitest sehr eng mit der Regie zusammen?
Ja, weil ich die musikalischen Ideen im szenischen Konzept noch mehr verstärken möchte – da können wir uns gegenseitig unterstützen. Manchmal passt nicht zusammen, was wir singen und wie es inszeniert wird. Deswegen ist meine Aufgabe, immer wach zu sein und zu fragen: Was bedeutet es, warum singen wir diese Worte in dieser Richtung? Ich möchte nicht kritisieren, sondern verstehen … Zum Beispiel haben die Herren heute, in der Probe zu Verdis Luisa Miller, einen Satz vergessen – „Du hast Zorn und Wut in deinen Augen“ –, weil sie nicht wussten, an wen sie ihn adressieren sollten. Sie haben in die Luft geguckt. Da war ich sofort bei der Regie und habe nachgefragt, ob sie es zu Rodolfo sagen, der in diesem Moment außer sich ist vor Wut. Weil sie nun wissen, warum sie ihn sagen, werden sie sich besser an den Satz erinnern können und dann viel präziser agieren.
„Wenn ein Chor inspiriert ist, antwortet er.“
Der Chor macht also ein Angebot, und du hinterfragst diese Intuition?
Ich möchte verstehen, was passiert. Ein Kollektiv hat physiologische Automatismen. Ich möchte natürlich nicht stören, aber eine Komfortzone kann manchmal gefährlich sein. Denn wenn sich etwas automatisch wiederholt, ist es weniger lebendig. Manchmal schließe ich auch die Augen und frage mich: Entspricht die Situation dem Klang, den ich höre? Am Anfang der Luisa Miller zum Beispiel heißt es „Ti desta, o Luisa, regina de'cori“ – „Wach auf, oh liebe Luisa, Königin des Herzens“. Das ist sehr früh am Tag, im Morgentau, die Sonne ist noch nicht warm, vielleicht lauwarm … dieser coro muss also absolut mezza voce sein. Würden wir mezzoforte singen, wäre das wie drei Uhr nachmittags in sengender Hitze! [Lacht.] Wir sollen Luisa aber nicht aufwecken, „ti desta“ ist wie eine schöne, nette Einladung: Mach dich auf, der Tag ist gerade geboren. Nicht: Jetzt musst du aufwachen, weil es zu spät ist! Deswegen schließe ich die Augen und sage dem Chor: Das ist wie eine weiche Umarmung. Würde ich einfach sagen: Leise!, würden sie es nicht machen.
Denn: Warum?
Genau, warum. Für einen Chor ist das nicht genug. Ein Chor arbeitet mit Ideen und Imagination. Und das ist das Schönste. Wenn ein Chor inspiriert ist, antwortet er. Bietet er keine Farbe an, bedeutet das: Wir waren nicht inspirierend genug. Dann liegt es in meiner Verantwortung, das zu ändern.
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Gerade bei Verdi wird der Chor zum dramatischen Hauptdarsteller – auch in seinem Melodramma Tragico Luisa Miller, das gerade im Großen Haus zu sehen ist.
Verdis Chöre sind unglaublich! Als Chor sind wir immer verantwortlich für den Kern des Inhalts und der Atmosphäre. Bei Verdi ist la parola – das Wort – das Wichtigste. Nicht nur was die Worte bedeuten, sondern auch wie lautmalerisch sie sind und wie wir diese Worte sagen können. Es ist eine wunderschöne, dramaturgische, starke Musik. Ich sage immer zu meinen Sänger:innen: Bei Verdi müssen die Vokale vibrieren, der Atem muss immer flexibel fließen, wir dürfen nie aufhören, den Klang zu begleiten. Die Phrasierungen haben Einfluss darauf, wie wir die Worte sprechen, mit welchem Charakter, welchem Inhalt. Auf Italienisch sagen wir: porgere. Das heißt: die Worte anbieten mit einer besonderen Aufmerksamkeit.
„In jeder Oper und in jedem Stil haben wir unglaubliche Ausdrucksmöglichkeiten.“
Inhaltlich spiegelt der Chor hier die gesellschaftlichen Konflikte zwischen Adel und Bürgertum, Rodolfo und Luisa. So wird er auch zum Sympathieträger für das Publikum.
Das stimmt. Jedes Mal, wenn wir reinkommen, vertiefen wir die Emotionen. Und durch den Chor hat das Publikum die Möglichkeit, einen einfacheren Zugang zu finden. Und wenn wir rauskommen, ist alles reicher! [Lacht.]
Du unterrichtest auch Italienisch. Weil die Aussprache der Sänger:innen falsch ist?
Die italienische Aussprache der Sänger:innen ist oft sehr gut. Meine Arbeit konzentriert sich auf den Stil und der hat für mich viel mit der Prosodie der Sprache zu tun. Wenn wir mit der richtigen Prosodie sprechen können, kommt die Melodie hinzu, wir führen beides zusammen und es ist wunderschön. Dann führt die Sprache die Melodie, nicht umgekehrt, und wir werden viel mehr berühren und überzeugen. Verlassen wir uns hingegen allein auf die Melodie, ist das auch nicht weiter schlimm – aber die Musik wird nur deswegen schön sein, weil sie schön komponiert wurde.
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Gibt es eine Oper, die für dich aus Sicht eines Chores das Non plus ultra darstellt?
Ich denke, in jeder Oper und in jedem Stil haben wir unglaubliche Ausdrucksmöglichkeiten. Auch wenn wir nur eine sehr kleine Rolle singen, so wie jetzt im Barbiere. Aber sì, bezogen auf diese und die kommende Spielzeit an der Staatsoper Hamburg könnte ich sagen, Cavalleria rusticana hat wunderschöne Chöre, aber auch L’elisir d’amore oder Eugen Onegin. Die Spielzeit 2026/27 startet mit Macbeth – immer, wenn wir „Patria oppressa“ probieren, bekomme ich Gänsehaut. Wagners Lohengrin hatte eine außergewöhnliche, heilige Kraft, und auch das französische Repertoire ist sehr farbenreich: Carmen in der nächsten Saison. Die berühmte und beliebte Traviata, die in jeder Spielzeit auf dem Programm steht, besitzt für mich eine sehr feine und besondere musikalische Eleganz.
Wird es eine Gelegenheit geben, den Chor einmal näher kennenzulernen?
2027 werden wir einen kleinen Konzertzyklus machen: Dalle due alle tre – benannt nach einer Textzeile aus Verdis Falstaff. Wir wählen einen Freitag pro Monat, und von 14:00 bis 15:00 vertiefen wir im Foyer der Staatsoper ein Land. Weil wir so viele Nationalitäten sind, machen wir Konzerte mit deutscher, österreichischer, italienischer, französischer, amerikanischer Musik … Die Sänger:innen werden im Ensemble oder alleine auftreten und ich werde sie am Klavier begleiten. Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir zusammen musizieren werden.
Das Gespräch mit Alice Meregaglia führte Teresa Grenzmann am 19. Mai 2026.