Omer Meir Wellber
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Hilde van Mas

1. Philharmo­nisches Konzert

ZEITENLOS⁷⁴⁵⁵
In dieser Saison heben wir die Grenzen der Zeit auf und hören Beethoven neu: als Kraftfeld, als Gefühl, als universelle Sprache. In den Philharmonischen Konzerten kombiniert Omer Meir Wellber eine Auswahl der 37 Sätze Beethovens neun berühmter Sinfonien zu neuen Klangräumen – frei von Chronologie, voll von Leben, Stimmungen und inneren Beziehungen, Ideen und Inspirationen. Eine Reise zwischen Ewigkeit und Augenblick. ZeitenLos.

Programm

PETER TSCHAIKOWSKY

  • „Fatum“ Sinfonische Fantasie c-Moll op. posth. 77

FAZIL SAY

  • „Silence of Anatolia“ Klavierkonzert Nr. 3 op. 11

ZEITENLOS ⁷⁴⁵⁵
LUDWIG VAN BEETHOVEN

  • I. Poco sostenuto – Vivace
    aus Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
    II. Adagio
    aus Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
    III. Allegro
    aus Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67
    IV. Allegro
    aus Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

Das Konzert

  • Altersempfehlung Ab 10 Jahre
In der Saison 2026/27 steht die Reihe der Philharmonischen Konzerte ganz im Zeichen Ludwig van Beethovens, dessen Todestag sich 2027 zum 200. Mal jährt. Anlass, die Grenzen der Zeit aufzuheben und Beethoven neu zu hören: als Kraftfeld, als Gefühl, als universelle Sprache. Unter dem Motto ZeitenLos kombiniert Omer Meir Wellber die 37 Sätze der neun Sinfonien zu neuen Klangräumen – voll von Leben, Stimmungen und inneren Beziehungen, Ideen und Inspirationen. Eine Reise zwischen Ewigkeit und Augenblick.

Dabei ist wohl kein Motiv einer Sinfonie so bekannt wie das „Schicksalsmotiv“ aus Beethovens Fünfter, welches das gesamte Werk durchzieht. In Kombination mit Sätzen der siebten und vierten Sinfonie eröffnet sich ein harmonisches und rhythmisches Spannungsfeld, das Beethovens Musik in einen neuen Kontext jenseits aller Hörgewohnheiten versetzt. Das Schicksal steht auch im Mittelpunkt von Tschaikowskys sinfonischer Dichtung „Fatum“, die den Beginn des Programms markiert, und das Klavierkonzert „Silence of Anatolia“ von Fazıl Say umrahmt, das dieser selbst als Solist darbieten wird.

Glauben Sie an Schicksal?
Pressestimmen

„Wellbers zweite Saison in Hamburg steht unter dem Motto „Zeitenlos“ und beschäftigt sich mit Beethoven. 2027 jährt sich dessen Todestag zum 200. Mal. Statt das Naheliegende zu tun und einfach die Sinfonien aufzuführen, hat Wellber sie in Einzelsätze zerzupft und neu zusammengesetzt. Die Idee dahinter: Verabschieden wir uns davon, sie vor einer biografischen Folie zu betrachten, kontrastieren wir Sätze aus unterschiedlichen Lebensphasen und mit unterschiedlichem Gehalt. ... Das Publikum jubelt entfesselt."

 

Hamburger Abendblatt

Konzertimpression 1. Philharmonisches Konzert 26/27
Auftakt mit Ansage: ZeitenLos ist gestartet

PETER TSCHAIKOWSKY

„FATUM“ SINFONISCHE FANTASIE C-MOLL OP. POSTH. 77

ENTSTEHUNG 
1868

 

URAUFFÜHRUNG 
27. Februar 1869 in Moskau

 

ORCHESTERBESETZUNG
Piccolo, zwei Flöten, zwei Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagwerk, Harfe, Streicher

 

DAUER
ca. 17 Minuten

SCHICKSALSFRAGEN

von Janina Zell

Ein Schicksalswerk?
Gedanken und Impulse beim Hören.

 

Berufung

Peter Tschaikowskys Weg zum Komponisten war keineswegs vorgezeichnet. Zunächst studierte er Jura und trat in den Staatsdienst ein. Erst mit Anfang zwanzig entschied er sich, seine sichere Anstellung aufzugeben und sich ganz der Musik zu widmen – ein Schritt ins Ungewisse. 

Wann haben Sie zuletzt eine Entscheidung getroffen, ohne zu wissen, wohin diese Sie führen würde?

 

Schicksal

Jahre später beschrieb Tschaikowsky das Schicksal als eine „verhängnisvolle Macht“, die verhindert, dass das Streben des Menschen nach Glück sein Ziel erreicht. Ob dieses Schicksalsverständnis bereits seiner frühen Fantasie „Fatum“ zugrunde liegt, bleibt bis heute offen. 

Gibt es Ereignisse in Ihrem Leben, deren Bedeutung Sie erst im Rückblick erkannt haben?

 

Vorherbestimmt?

Zur Uraufführung wurde „Fatum“ ein Motto aus einem Gedicht Konstantin Batjuschkows vorangestellt:

„… Als Knecht wird der Mensch geboren,
als Knecht legt er sich ins Grab.
Und der Tod wird ihm wohl kaum verraten,
warum er durch das Tal der Tränen ging,
litt, weinte, duldete – und verging.“

Ob Tschaikowsky der Verwendung dieser Verse zustimmte oder sie ohne sein Wissen ausgewählt wurden, ist bis heute ungeklärt. 

Glauben Sie, dass manches im Leben vorher­bestimmt ist?
 

Scheitern

Nach der Moskauer Uraufführung schrieb Tschaikowsky begeistert an seinen Bruder: „Das scheint das Beste zu sein, was ich bisher geschrieben habe – wenigstens sagen das die anderen. Ein bedeutender Erfolg.“ Wenige Wochen später wurde ­„Fatum“ in St. Petersburg deutlich kritischer aufgenommen. Die Einwände seines Förderers Mili Balakirew trafen ihn tief. Jahre später vernichtete Tschaikowsky die Partitur. 

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um? Würden Sie manches im Nachhinein lieber ungeschehen machen?

 

Neuanfang

Balakirews Kritik erwies sich rückblickend als Wendepunkt. Aus dem intensiven Austausch mit seinem Förderer entstand wenig später die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ – für viele Tschaikowskys erstes großes Meisterwerk. Manchmal verändert eine kritische Rückmeldung nicht nur ein Werk, sondern den weiteren Weg eines Menschen. 

Wann hat sich Kritik für Sie zuletzt als wertvoll erwiesen?

 

Schicksal

Jahre später beschrieb Tschaikowsky das Schicksal als eine „verhängnisvolle Macht“, die verhindert, dass das Streben des Menschen nach Glück sein Ziel erreicht. Ob dieses Schicksalsverständnis bereits seiner frühen Fantasie „Fatum“ zugrunde liegt, bleibt bis heute offen. 

Gibt es Ereignisse in Ihrem Leben, deren Bedeutung Sie erst im Rückblick erkannt haben?

FAZIL SAY

„SILENCE OF ANATOLIA“ KLAVIERKONZERT NR. 3 OP. 11

ENTSTEHUNG 
2001

 

URAUFFÜHRUNG 
13. Januar 2002 in Paris

 

BESETZUNG 
Piccolo, zwei Flöten, drei Oboen, drei Klarinetten, drei Fagotte,  vier Hörner, drei Trompeten, zwei Posaunen, Pauken, Schlagwerk, Streicher

 

DAUER 
ca. 18 Minuten

Porträt: Fazıl Say
Innenwelten

Fazıl Say im Gespräch mit Janina Zell

Mehr

LUDWIG VAN BEETHOVEN

ZEITENLOS⁷⁴⁵⁵

I. POCO SOSTENUTO – VIVACE
AUS SINFONIE NR. 7 A-DUR OP. 92
II. ADAGIO
AUS SINFONIE NR. 4 B-DUR OP. 60
III. ALLEGRO
AUS SINFONIE NR. 5 C-MOLL OP. 67
IV. ALLEGRO
AUS SINFONIE NR. 5 C-MOLL OP. 67

 

ENTSTEHUNG 
1804–1812  
Sinfonie Nr. 7: 1811–1812  
Sinfonie Nr. 4: 1806  
Sinfonie Nr. 5: 1804–1808

 

URAUFFÜHRUNG 
Sinfonie Nr. 7: 8. Dezember 1813, Wien
Sinfonie Nr. 4: März 1807, Wien
Sinfonie Nr. 5: 22. Dezember 1808, Wien

 

BESETZUNG 
Piccolo, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte,  Kontrafagott, zwei Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen,  Pauken, Streicher 

 

DAUER 
ca. 35 Minuten

ZeitenLos

von Omer Meir Wellber

„Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.“

Arthur Schopenhauer

Für mich ist das Beethoven-Jahr 2027 weit mehr als nur eine Feierlichkeit für eine absolute Größe der Musik. Es ist etwas sehr Persönliches.

Schon als Kind war es Beethoven, durch den ich einen geheimnisvollen, leidenschaftlichen Weg in die Musik fand. Im Laufe der Jahre durfte ich den größten Teil seiner Musik spielen und dirigieren, habe sie von allen Seiten betrachtet – von der tiefsten bis zur zartesten. Für ein Orchester ist Beethoven das wichtigste Instrument der Ausbildung. Jedes Mal, wenn wir eine seiner Sinfonien erarbeiten – selbst wenn wir sie hundertmal gespielt haben –, fühlt es sich an, als wäre es das erste Mal.

In dieser Saison möchte ich zwei Dinge miteinander verbinden: meine Liebe zu Beethoven und meine Liebe zum Experiment. Was geschieht, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt? Dann können wir Beethoven als Ganzes betrachten – als Wesen, als Energie, als ein einziges künstlerisches Universum. Es ist völlig unwichtig, ob er ein Werk mit 18, 25 oder 51 Jahren schrieb. Seine Musik ist eine einzige große Schöpfung, die sich über die Grenzen der Zeit hinweg entfaltet. Wir können sie stattdessen über andere Dimensionen wahrnehmen: Farbe, Emotion, Harmonie, Inspiration.

Alles ist Beethoven – und doch ganz neu. In diesen Verbindungen zeigt sich seine Musik in einem anderen Licht: Wir spüren Reife und Jugend zugleich, Drama und Frieden, Sturm und Stille. Ich bin selbst voller Freude und Neugier, denn obwohl ich diese Musik mein Leben lang kenne, entdecke ich plötzlich unzählige neue Facetten. Manchmal genügt es, nur den Rahmen zu verändern – und schon beginnt ein neuer Dialog.

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von Janina Zell

I. POCO SOSTENUTO – VIVACE

Ein Tutti-Schlag. Zurück bleibt ein Oboenton. Es folgt die längste lang same Einleitung aller Beethoven-Sinfonien. Das Vivace daraufhin entsteht aus einer kleinen rhythmischen Keimzelle und erzeugt einen unaufhalt samen Fluss. Richard Wagner sprach später von einer „Apotheose des Tanzes“. In seinen Skizzen hält Beethoven fest: „Baumwolle in den Ohren am Klavier benimmt meinem Gehör das unangenehm Rauschende“. Das Werk entsteht in einer Situation wachsender Distanz zum eigenen Hören und zu den Menschen um ihn herum. In das Jahr der Vollendung seiner Sinfonie, 1812, fällt wohl auch das Ende der Beziehung zu seiner „Unsterblichen Geliebten“. 

 

Vom A-Dur der Siebten führt der Übergang überraschend ins Es-Dur des Adagio der vierten Sinfonie – ein Abstand, der als besonders spannungsvoll gilt, manchen gar als teuflisch: der Tritonus. 

II. ADAGIO

Dieser Satz entstammt einer wahrhaft lyrischen Sinfonie. George Grove beschrieb das Adagio aus Beethovens Vierter als „das hohe Lied seiner Liebe“. Beethoven bewegte damals die erwiderte, doch unerfüllte Liebe zur Gräfin Josephine Deym (ebenjene, die der Forschung nach wohl Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ war). Die Tonart Es-Dur erscheint bei Beethoven als vieldeutiger Klangraum: Während das Hauptthema des Adagio einem Liebesgesang gleicht, geht ihm ein markantes Quartenmotiv voraus, das gerne als Sinnbild des Schicksals oder Ausdruck einer Pflicht, die der Liebe entgegensteht, gedeutet wird. Verstärkt von Trompeten und Pauken wirkt das Motiv mächtig, in Hörnern und Pauken pianissimo dagegen wie eine ferne Vorahnung. 

 

Was im Adagio der Vierten als schicksalhafter Gegensatz zwischen Liebe und Pflicht noch recht sanft anklingt, tritt mit dem folgenden Allegro der fünften Sinfonie unüberhörbar in den Mittelpunkt:

III. ALLEGRO

Das berühmte Anfangsmotiv ta ta ta taaa, das später als „Schicksalsmotiv“ gedeutet wurde, begleitet die Fünfte weit über ihren Beginn hinaus. Im Allegro des dritten Satzes bildet sein markanter Rhythmus kurz-kurz-kurz- lang die Grundlage des zweiten Themas. Zwei Hörner tragen es unisono vor und unterstreichen das Gewicht dieses Gedankens. Beethoven verzichtet auf die Bezeichnung Scherzo. Er nahm die Satzbezeichnungen genau und empfand dieses Allegro wohl kaum als spielerisch oder scherzhaft. Tragische Empfindungen prägen den Satz. Nach und nach verlieren die Themen ihre Konturen, bis nur noch Schatten zurückbleiben – eine musikalische Annäherung an das allmähliche Verschwinden im Nichts.

 

Der Übergang ins Finale wird zum Wendepunkt der Sinfonie. Aus dem Ringen von c-Moll und C-Dur, von Finsternis und Licht, erwächst eine neue Perspektive: 

IV. ALLEGRO

Im Finale wird c-Moll nicht einfach in C-Dur überführt, sondern besiegt es geradezu – gleich einem Sieg des Lichts über die Finsternis. Hymnische Melodik, marschartige Rhythmik und eine neue Klangfülle verleihen dem Finale seinen triumphalen Charakter. Die revolutionäre Erweiterung des sinfonischen Instrumentariums um Piccoloflöte, Posaunen und Kontrafagott scheint zu verkünden: Diese Sinfonie, ja diese Gattung gehört nicht länger der Aristokratie; nein, sie gehört der Öffentlichkeit, den Konzertsälen, den Menschen! 

Beethovenjahr 2027

„Im Himmel werde ich hören“

2027 jährt sich Ludwig van Beethovens Todestag zum 200. Mal. Dewegen heben wir in dieser Saison die Grenzen der Zeit auf und hören Beethoven neu: als Kraftfeld, als Gefühl, als universelle Sprache. Omer Meir Wellber verbindet seine Sinfonien zu neuen Klangräumen – frei von Chronologie, voll von Leben. ZeitenLos.