Innenwelten

Fazıl Say im Gespräch mit Janina Zell

Porträt: Fazıl Say
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Marco Borggreve
Fazıl Say

Wir führen dieses Gespräch während der Sommerpause der Theater. Fazıl Say ist mit seinem Klavierkonzert „Yürüyen Köşk“ (Das verschobene Haus) gerade in Italien auf Tour und wird am Abend des Telefonats in Stresa am Lago Maggiore mit dem Kammerorchester Basel auftreten. Nach der letzten Station der Tour in Basel bleibt eine knappe Woche, bevor er in Hamburg mit seinem Klavierkonzert „Silence of Anatolia“ und dem Philharmonischen Staatsorchester in die neue Saison startet.

 

Herr Say, wie fühlt es sich an, mit „Silence of Anatolia“ ein Werk zu spielen, dass Sie vor 25 Jahren geschrieben haben? Begegnen Sie darin Ihrem jüngeren Ich oder fühlt sich das Stück für Sie inzwischen zeitlos an?

Ich habe dieses Werk 2001 geschrieben und 2002 in Paris unter Kurt Masur uraufgeführt, von dem auch der Auftrag gekommen war. In den Jahren danach habe ich das Klavierkonzert oft gespielt, fast überall auf der Welt. Danach entstanden weitere Klavierkonzerte. Heute spiele ich vor allem „Mother Earth“, das ich vor drei Jahren geschrieben habe. Für Hamburg hat sich Omer mein älteres „Silence of Anatolia“ gewünscht. Als Komponist habe ich mich über die Jahre natürlich entwickelt, von der Orchestrierung über die Form bis zum Erzählen durch Musik. „Silence of Anatolia“ ist ein Frühwerk. Ich sehe mich darin als 30-Jährigen, erinnere mich … und freue mich, dass Omer es ausgewählt hat. 

 

Sie sind in Ankara aufgewachsen, und Anatolien klingt in vielen Ihrer Werke an. Was bedeutet die titelgebende „Stille Anatoliens“ für Sie?

In der Musik ist Stille ebenso wichtig wie Klang: Stille trägt Klang in sich wie der Klang die Stille. Um das zu erkennen, müssen wir tief in uns hineinhorchen. Mein Klavierkonzert hat vier Sätze, es beginnt sehr leise mit anatolischen Klängen. Am Ende des ersten Satzes kommt eine Farbe dazu, die durch das Dämpfen der Saiten mit der linken Hand ein anatolisches Instrument nachahmt – ähnlich wie in meinem Soloklavierstück „Black Earth“, das ich vier Jahre zuvor geschrieben habe. Der zweite Satz des Klavierkonzertes heißt Obstinacy, also Eigensinn oder auch Obsession, der dritte Satz ist eine Kadenz und knüpft ein bisschen an den ersten an, und der vierte Satz ist eine Elegie. 

 

Sie haben einmal gesagt, Ihre Musik solle nie abstrakt sein, sondern etwas erzählen. Welche Geschichte erzählt „Silence of Anatolia“?

In dieser Musik tauchen Erinnerungen aus meiner Kindheit immer wieder in Bildern auf, beispielsweise in folkloristischen Elementen – Rhythmen und Melodien. Man könnte auch sagen: Es gibt viel DNA der anatolischen Kultur in diesem modernen Klavierkonzert.  

 

Den zweiten Satz Obstinacy haben Sie einmal mit Ihrer eigenen Hartnäckigkeit in Verbindung gebracht. Was meint diese Hartnäckigkeit: Widerstand, Beharrlichkeit oder vielleicht sogar Hoffnung?

In diesem Satz wird es laut. Als Interpret und als Komponist habe ich immer die Sehnsucht nach einer Thematik: eine Erinnerung, ein Zukunftswunsch, eine Stadt, eine Person, ein Ereignis, eine Demonstration. All das kann vertont werden, also durch Musik gemalt werden. Wir leben in einer schwierigen Welt, die den Menschen mit Stress und Bösartigkeit konfrontieren kann. Meine größte Obsession ist es, mit meiner Musik eins zu bleiben, ich selbst zu sein und meine Ideologie nicht zu verlieren. Das nicht aus den Augen zu verlieren, dafür muss man kämpfen in dieser obsessiven Welt, die uns zu Obsessiven macht. Für mich gleicht dieser Kampf einer Therapie oder tiefen Meditation. 

 

Ursprünglich sollte das Werk mit einem anderen Finale enden. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entschieden Sie sich für die heutige Elegy. Wie hat dieses Ereignis Ihre Sicht auf das Werk verändert?

Ich bin 1995 von Berlin nach New York gezogen, nachdem ich die Young Concert Artists International Auditions in New York gewonnen hatte. Meine Tochter ist dort geboren. Bei den Ereignissen vom 11. September war sie ein Jahr alt. Ich hatte von meinem Klavierkonzert drei Sätze komponiert und ein furioses Finale im Kopf. Der 11. September hat die ganze Welt erschüttert und mich als in New York lebenden tief bewegt. Viele Wochen haben wir nur im Schock gelebt. Dann kam der elegische Gedanke – zu meinem Werk, aber auch zu mir und meiner Familie – und führte zu einem zerstörten Adagio: Elegy. Ein großes Fragezeichen zu dem, was gerade geschehen war. 

 

Sie gelten als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident. „Silence of Anatolia“ scheint geradezu paradigmatisch für diese Verbindung in Ihrem Leben zu stehen.

Ost und West – wir leben zusammen. Wir sind alle Menschen und wünschen uns ein freies Leben. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede: In Holland lebt man anders als in Pakistan. Daran ist nichts Schlechtes. Wir müssen diese Unterschiede akzeptieren und lernen, freundlicher miteinander umzugehen. Es geht um Empathie.

Ich bin kein Brückenbauer, der einem bestimmten Projekt folgt. Ich bin in Ankara geboren, habe in Deutschland studiert und die Musik meines Heimatlandes mit nach Europa gebracht. Dass ich in Anatolien westliche Musik wie Bach, Beethoven oder auch moderne Musik für Menschen gespielt habe, die sie zum ersten Mal hörten, ergab sich von selbst, ohne Hintergedanken.

Ich könnte jetzt Empathie von der ganzen Welt erwarten, aber ich möchte nicht zu viel hoffen, sonst wird man enttäuscht. Und dennoch: Es ist besser, es zu versuchen, als es nicht zu versuchen. 

 

Ihr Klavierkonzert ist in diesem Programm von Werken umgeben, die um das Thema Schicksal kreisen: Tschaikowskys „Fatum“ und eine neu zusammengesetzte Beethoven-Sinfonie, die zwei Sätze aus der sogenannten „Schicksalssinfonie“ aufgreift. Glauben Sie an Schicksal?

Wir haben es nicht in der Hand, was die Außenwelt mit uns macht. Das könnte man als Schicksal bezeichnen. Aber unsere innere Welt, die liegt in unserer Hand. Wir können mit uns in Therapie gehen, für unsere Gesundheit sorgen. Die Antwort ist also: ja und nein.