Zeiten
Los

von Omer Meir Wellber

Für mich ist das Beethoven-Jahr 2027 weit mehr als nur eine Feierlichkeit für eine absolute Größe der Musik. Es ist etwas sehr Persönliches.

Schon als Kind war es Beethoven, durch den ich einen geheimnisvollen, leidenschaftlichen Weg in die Musik fand. Ich erinnere mich lebhaft an einen Besuch mit meinen Eltern im Beethoven-Haus in Bonn. Ich war etwa zehn oder elf Jahre alt, und der Eindruck war überwältigend. Eine kleine Beethoven-Figur, die ich damals kaufte, begleitet mich seit über dreißig Jahren – auf allen Reisen, durch alle Abenteuer.

Eines meiner liebsten Kindheitsspiele war es, mein Zimmer in Beethovens Arbeitszimmer zu verwandeln. Ich zündete Kerzen an, legte überall Notenblätter aus, nahm Feder und Tinte und schrieb – im Kerzenschein – seine Musik ab. Meine unleserliche Kinderschrift tat dabei so, als wäre sie die seine. Ich habe noch heute ganze Stapel „Beethoven-Manuskripte“ aus jener Zeit – chaotisch, aber voller Hingabe.

Im Laufe der Jahre durfte ich den größten Teil seiner Musik ­spielen und dirigieren, habe sie von allen Seiten betrachtet – von der tiefsten bis zur zartesten. Für ein Orchester ist Beethoven das wichtigste Instrument der Ausbildung. Jedes Mal, wenn wir eine seiner Sinfonien erarbeiten – selbst wenn wir sie hundertmal gespielt haben –, fühlt es sich an, als wäre es das erste Mal. ­Beethovens Musik fordert uns heraus. Alles wird sichtbar, nichts bleibt verborgen. Und doch liegt in dieser Anstrengung eine fast heilige Freude. Kein anderer Komponist hat für mich eine so überwältigende, fast göttliche Wirkung auf ein Orchester.

In dieser Saison möchte ich zwei Dinge miteinander verbinden: meine Liebe zu Beethoven und meine Liebe zum Experiment. In der vergangenen Spielzeit haben wir mit den ZeitSpielen Vergangen­heit und Gegenwart musikalisch in Dialog gesetzt und die Zeit als bewegliches Element erlebt. Jetzt aber wollen wir die Zeit selbst aus den Angeln heben.

Was geschieht, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt? Dann können wir Beethoven als Ganzes betrachten – als Wesen, als Energie, als ein einziges künstlerisches Universum. Es ist völlig unwichtig, ob er ein Werk mit 18, 25 oder 51 Jahren schrieb. Seine Musik ist eine einzige große Schöpfung, die sich über die Grenzen der Zeit hinweg entfaltet. Wir können sie stattdessen über andere Dimensionen wahrnehmen: Farbe, Emotion, Harmonie, Inspiration.

Omer Meir Wellber, Generalmusikdirektor
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Hilde van Mas
Omer Meir Wellber
„Was geschieht, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt? Dann können wir Beethoven als Ganzes betrachten – als Wesen, als Energie, als ein einziges künstlerisches Universum.“

Omer Meir Wellber

Beethoven hat neun Sinfonien geschrieben, zusammen 37 Sätze. Ohne die Chronologie sind all diese Sätze gleichwertig – zeitlos im wahrsten Sinne. Ich habe sie genommen und daraus neue Kombi­nationen gebildet: neue Sinfonien aus Beethovens Musik, ver­bunden nicht durch ihre Entstehungszeit, sondern durch Ideen, Stimmun­gen und innere Beziehungen. Eine solche zeitlose Ver­bindung sieht dann zum Beispiel so aus:

ZeitenLos⁷⁴⁵⁵

Ludwig van Beethoven

I. Poco sostenuto – Vivace aus Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92
II. Adagio aus Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
III. Allegro aus Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67
IV. Allegro aus Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

Alles ist Beethoven – und doch ganz neu. In diesen Verbindungen zeigt sich seine Musik in einem anderen Licht: Wir spüren Reife und Jugend zugleich, Drama und Frieden, Sturm und Stille. Ich bin selbst voller Freude und Neugier, denn obwohl ich diese Musik mein Leben lang kenne, entdecke ich plötzlich unzählige neue Facetten. Manchmal genügt es, nur den Rahmen zu verändern – und schon beginnt ein neuer Dialog. Ich lade Sie herzlich ein, diese zeitlosen Kombinationen mit uns zu erleben. Leidenschaft und Neugierde garantiert!

Natürlich bietet unsere Saison noch viele weitere Höhepunkte: Am 26. März, dem Tag von Beethovens Tod, gestalten wir in der Elbphilharmonie ein ganz besonderes Konzert, inszeniert von Johannes Erath mit Schauspieler Nicholas Ofczarek. Unser Musikfest-Konzert widmen wir Sofia Gubaidulinas Meisterwerk „Über Liebe und Hass“, einem monumentalen Oratorium für ­Solist:innen, Chor und Orchester.

Gemeinsam mit dem Schmidts Tivoli gestalten wir ein Familien­projekt für alle Generationen – mit Beethoven selbst als unserem Lehrer des Zuhörens. Neben unserem Festival DIE BLAUE WOCHE, das in die zweite Saison geht, erwarten Sie neue Formate mit Konzerten wie Sinneswandeln, bei dem Sie ganz Ihrem Hören und Fühlen vertrauen dürfen, sowie einem Preisträger:innenkonzert mit den Erstplatzierten internationaler Wettbewerbe. Auch unsere Kammermusikreihe kreist um den Geist Beethovens – mal vertraut, mal überraschend, mal nur zu erahnen … immer inspirierend.

Ich freue mich auf eine Saison voller Entdeckungen – zeitlos, ­unkonventionell, menschlich und ganz Beethoven.

Omer Meir Wellber