von Katinka Deecke
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Maria Stuarda
„Beide Königinnen sind Influencerinnen ihrer eigenen Story – da wird das Drama aktuell, ohne platt aktualisiert zu werden.“
NDR kultur
Komposition: Gaetano Donizetti
Libretto: Giuseppe Bardari nach der gleichnamigen Tragödie von Friedrich Schiller
- 1835 30. Dezember, Uraufführung am Teatro alla Scala in Mailand
- 2025 16. März, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
- 2026 In der Pause der letzten Vorstellung findet die künstlerische Intervention „Schiller: Maria und Elisabeth warten auf den Bus“ statt. 14. März, in der Pause · Foyer 2. Rang
Besetzung
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Musikalische Leitung
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Inszenierung
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Bühne
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Kostüme
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Licht
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Video
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Chor
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Dramaturgie
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Elisabetta
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Maria Stuarda
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Anna Kennedy
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Roberto, Graf von Leicester
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Giorgio Talbot, Graf von Shrewsbury
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Lord Guglielmo Cecil
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Das Stück
- Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
- Dauer 180 Min
- Pause Eine Pause von 25 Minuten nach dem ersten Teil
- Altersempfehlung Ab 15 Jahren / Klasse 10
- Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Uraufgeführt wurde die Tragedica lirica am 30. Dezember 1835 am Teatro alla Scala in Mailand. Die Hamburger Inszenierung feierte am 16. März 2025 Premiere.
Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.
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GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers
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In der Pause der letzten Vorstellung findet die künstlerische Intervention „Schiller: Maria und Elisabeth warten auf den Bus“ statt.
14. März, in der Pause · Foyer 2. Rang
„Female leadership“ ist ein großer Wirtschaftszweig. Als vor einigen Jahrzehnten allmählich klar wurde, dass Frauen eben jene Spitzenpositionen anpeilen würden, auf die bis dahin nur Männer Zugriff hatten, tat sich ein neuer Markt auf, der mit Ratgebern, Workshops, Netzwerken und Coachings Frauen den Weg zu männlicher Macht bereiten sollte. Mit diesem Markt und seinen globalisierten Waren- und Finanzströmen wurden auch einige der klassischen feministischen Forderungen nach Selbstbestimmung in Arbeit, Sexualität und Familie von eben jenem Kapitalismus einverleibt, den der Feminismus eigentlich bekämpfte. Auf einmal ging es nicht mehr um die Veränderung ungerechter Strukturen, sondern um das „Mindset“ der einzelnen Frau. Statt strukturelle Ursachen fehlender Gleichberechtigung zu beheben, sollten Frauen ihre angelernten weiblichen Eigenschaften abtrainieren und männlich konnotierte Verhaltensweisen an den Tag legen: Machtbewusstsein, Ehrgeiz, Eigennutz. Als Unternehmerinnen ihrer selbst sollen sie ihr Verhalten optimieren und ihren zielgerichteten Verstand trainieren, um in den Chefetagen ihren Mann zu stehen.
Einige Jahrzehnte bevor die allererste Welle des Feminismus im 19. Jahrhundert in Schwung kam, machte Gaetano Donizetti 1835 mit Elisabeth I., Königin von England und Irland, eine Frau zur Protagonistin seiner Oper Maria Stuarda, die eben jene Eigenschaften zur Perfektion gebracht hatte, die kennzeichnend für den „neoliberal feminism“ von heute sind. Die eiserne Hand, mit der die historische Elisabeth I. ihre männlichen Konkurrenten in Schach hielt, war ein frühes Beispiel für weibliche Macht, wie sie im heutigen Finanzkapitalismus zu finden ist. Anders aber als ihr geschichtliches Vorbild würde Donizettis Elisabetta den heutigen Erwartungen kaum genügen. Statt Ehrgeiz und Machthunger zu folgen, überlässt Donizettis Elisabetta sich in großen lyrischen Arien der Leidenschaft für einen Höfling. Und riskiert dadurch ihre Krone.
Um Fragen nach den besonderen Formen weiblicher Macht auf der Bühne zu formulieren, könnte kaum jemand geeigneter sein als die Regisseurin Karin Beier, die als Intendantin des größten deutschen Sprechtheaters, des Hamburger Schauspielhauses, die Frage nach Frauen und Macht aus eigener Erfahrung kennt. Das hochdramatische Aufeinandertreffen der beiden Königinnen Maria und Elisabetta entwickelt Karin Beier in ihrer 2025 entstandenen Inszenierung zu einer komplexen Studie über die persönlichen Kosten politischen Handelns. Elisabetta und Maria werden nicht von einer einzigen Sängerin verkörpert; beiden sind je eine Schauspielerin und weitere Darsteller:innen zur Seite gestellt, die das verzweigte innere Gefüge von Elisabetta und Maria sichtbar machen. Mit großer Musikalität bringt Beier den psychischen Raum der beiden Königinnen auf die Bühne und macht ihren inneren Kampf erleb- und nachvollziehbar.
Anderen, heutigen Frauen, die dem harten Konkurrenzkampf ebenso abgeneigt sind wie dem Verzicht auf gesellschaftlichen Einfluss, bleibt die solidarische Verschwesterung mit anderen Frauen und Verbündeten. Und die beharrliche und gemeinsame Suche nach Alternativen.