von Dr. Laura Schmidt
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Lohengrin
„Längst ist die Inszenierung ein moderner Klassiker.“ Hamburger Abendblatt
Komposition: Richard Wagner
Libretto: Richard Wagner
- 1850 28. August, Uraufführung am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar
- 1998 18. Januar, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
- 2026 Vortrag: Am 11. April 2026, 17:15 findet im Vorderhaus der Hamburgischen Staatsoper der Vortrag „Richards Erbe(n): Klassenzimmer Konwitschny“ von Prof. Jutta Toelle statt.
Besetzung
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Musikalische Leitung
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InszenierungPeter Konwitschny
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BühneHelmut Brade
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Mitarbeit KostümInga von Bredow
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LichtManfred Voss
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Chor
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DramaturgieWerner Hintze
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König Heinrich
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Lohengrin
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Elsa
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Friedrich von Telramund
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Ortrud
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HeerruferSzymon Mechliński
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1. Brabantischer Edler
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2. Brabantischer Edler
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3. Brabantischer Edler
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4. Brabantischer Edler
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Das Stück
- Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
- Dauer 270 Min
- Pause Zwei Pausen von je ca. 25 Minuten nach dem ersten (nach ca. 60 Minuten) und nach dem zweiten Aufzug (nach ca. 2 Stunden und 50 Minuten)
- Altersempfehlung Ab 14 Jahren / Klasse 9
- Sprache In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Uraufgeführt wurde die Romantische Oper am 28. August 1850 am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar. Die Hamburger Inszenierung feierte am 18. Januar 1998 Premiere.
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Vortrag: Am 11. April 2026, 17:15 findet im Vorderhaus der Hamburgischen Staatsoper der Vortrag „Richards Erbe(n): Klassenzimmer Konwitschny“ von Prof. Jutta Toelle statt.
Der Regisseur Peter Konwitschny hat um die Jahrtausendwende häufig an der Hamburgischen Staatsoper Regie geführt. 1998 inszenierte er hier Richard Wagners Lohengrin, 1999 Carl Maria von Webers Der Freischütz, 2001 Giuseppe Verdis Don Carlos, 2002 Wagners Die Meistersinger von Nürnberg, 2003 Alban Bergs Lulu, 2004 Arnolds Schönbergs Moses und Aaron. Es entstanden wegweisende Deutungen, die die Rezeptionsgeschichte der Werke maßgeblich beeinflusst haben.
Seine Interpretation von Wagners Lohengrin ist nach wie vor im Repertoire des Hauses und wird in der Spielzeit 2025/26 wiederaufgenommen. Konwitschny situiert die Oper in einem überdimensionierten Klassenzimmer aus wilhelminischer Zeit, mit alten Schulbänken, Schiefertafel und Katheder. Das Publikum erlebt Pennäler, Jugendliche, die sich nach Orientierung und Antworten sehnen, offen sind für eine charismatische Erlösergestalt, die sie im erwachsenen Lohengrin zu finden glauben. Doch die Utopie einer besseren Welt erfüllt sich nicht. Die Zeichen stehen auf Krieg. Erlösung wird ausbleiben.
Konwitschnys Deutung markiert ein zentrales Moment neuer Wege in der Wagner-Rezeption der letzten Jahrzehnte, indem sie sowohl Ideen- und Zeitgeschichtliches thematisiert als auch die Handlung spannungsreich umsetzt. Humorvoll, spielerisch, gleichzeitig scharf in der Analyse von Wagners 1850 uraufgeführter Partitur spürt die Produktion präfaschistischen Tendenzen nach, webt gleichsam die spätere deutsche Geschichte mit zwei Weltkriegen und zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur in die Inszenierung ein. Denn, so Konwitschny, man könne Lohengrin nicht ohne diese historischen Erfahrungen zur Kenntnis nehmen, wolle man heute noch seine Botschaften greifbar machen. Und so wird Chauvinistisches, das dem Werk inhärent ist, entweder offengelegt oder partiell sogar gestrichen, wie etwa Lohengrins Worte, dass „nach Deutschland noch in fernen Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehen“.
Konwitschnys Arbeiten beziehen Stellung zur Welt. Die Illustration von Werken ist für ihn keine Option. Er strebt Umsetzungen an, die durchaus subjektiv sind und das Verhältnis von ihm zum Werk offenlegen, da ohne Interpretation „das Theater zum Museum“ werde. Aus dem sich hier artikulierenden politischen Impetus und Glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft von Kunst leitet er jedoch nicht den Versuch ab, gegenwärtige Realitäten auf der Bühne abzubilden, vielmehr arbeitet er stets mit poetischer Überhöhung und dem Aufzeigen dialektischer Spannungen und verschiedener Zeitebenen. Denn, so Konwitschny, „der politische Sinn von Theater besteht darin, nicht etwa den Leuten eine bestimmte Sicht auf Lohengrin zu vermitteln, sondern den Zuschauer instand zu setzen, nach der Vorstellung leichter mit seinen Möglichkeiten, selbst zu reflektieren, umgehen zu können.“ Und so kann seine Inszenierung Kopf und Herz anknipsen, ein Publikum bestärken auch 2026, fast 30 Jahre nach der Premiere, über Vergangenheit und Gegenwart zu reflektieren. Eine Gegenwart, in der Nationalkonservatives weltweit erstarkt.
1998 hingegen erschien die Welt im Westen noch in Ordnung, die Zeichen standen auf Einigung. Die Berliner Mauer war vor wenigen Jahren erst gefallen, Europa näher zusammengerückt und der Euro stand kurz vor seiner Einführung, Gerhard Schröder wurde zum Kanzler gewählt. Doch wenngleich man glaubte, die Demokratie habe gewonnen, lauerten
faschistische Tendenzen durchaus in den Ecken. 1999 wurde Wladimir Putin erstmals Ministerpräsident,
2001 passierte 9/11, die Weltordnung verschob sich grundlegend. Heute ist der Nationalismus in Gesellschaft und Politik wieder salonfähig. Ein Glück also, nach wie vor Konwitschnys visionären Lohengrin betrachten und darüber nachsinnen zu können, auf welchem Humus autoritäre Systeme gedeihen.