Impression Die Walküre
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Monika Rittershaus

Die Walküre

Richard Wagner
Inszenierung von 2008
Hier sind höhere Mächte am Werk! Dieser Hamburger Ring von Regisseur Claus Guth und Bühnen- und Kostümbildner Christian Schmidt ist eine Labor­anordnung – ihr Strippenzieher heißt Wotan. Die politische Fabel um Macht und was sie kostet, wird in der Walküre, die in dieser Spielzeit als autonomes Einzelstück gezeigt wird, bereits auf die entscheidende Essenz gebracht: Nicht das Göttliche steht hier im Zentrum, sondern der Mensch.

„Walhall ist Wotans Atelier, in dem der Welten­lenker im Bühnen­bild­modell […] seine Pläne mit dem freien Helden durchgeht.“
WELT

ERSTER TAG DES BÜHNENFESTSPIELS DER RING DES NIBELUNGEN
Komposition: Richard Wagner
Libretto: Richard Wagner
  • 1870 26. Juni, Uraufführung am Nationaltheater in München
  • 2008 19. Oktober, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
  • 2026 Am 3. Oktober, um 15:15 findet das Gespräch „Künstler-kopf im Fokus: Claus Guth“ zwischen Claus Guth und Christopher Warmuth statt.
    FRAMING Hall im Foyer 2. Rang

    Mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

Das Stück

  • Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
  • Dauer
    300 Min
  • Pause Zwei Pausen von je ca. 30 Minuten nach dem ersten und nach dem zweiten Aufzug
  • Altersempfehlung Ab 16 Jahren / Klasse 11
  • Sprache In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Hier sind höhere Mächte am Werk: Siegmund, Sieglinde und Hunding sind als Figuren auf einer überdimensionalen Leuchtplatte ausgeliefert. Wem? Ihrem Schöpfer. Wotan ist im Ersten Aufzug noch unsichtbar, erst später sieht man ihn als Strippenzieher wie in der Truman Show entscheidend, wann sich welche seiner Marionetten überhaupt bewegen darf. Dann hat er die vormals überdimensionale Leuchtplatte auf seinem Basteltisch in realer Größe vor sich. Alle Charaktere sind seine Miniaturfigürchen. Dieser Ring des Nibelungen, 2008 bis 2010 von Regisseur Claus Guth und seinem Bühnen- und Kostümbildner Christian Schmidt für Hamburg erdacht, ist in ihrem Kern eine Laboranordnung. Die politische Fabel um Macht und was sie kostet, wird in der Walküre, die in dieser Spielzeit als autonomes Einzelstück gezeigt wird, aber bereits auf die entscheidende Essenz gebracht: Nicht das Göttliche steht in diesem Ring im Zentrum, sondern der Mensch. Schmidt und Guth plädieren für die reduzierte Strenge. Hat der Mensch überhaupt einen freien Willen? Und, wenn ja, führt der immer in die Katastrophe?
Rahmenprogramm

Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.

  • GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers

  • Am 3. Oktober, um 15:15 findet das Gespräch „Künstler-kopf im Fokus: Claus Guth“ zwischen Claus Guth und Christopher Warmuth statt.
    FRAMING Hall im Foyer 2. Rang

    Mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

Über die Inszenierung

von Christopher Warmuth

Er dachte groß. Bis heute ist die Wagnersche Größe, teils auch sein Größenwahn, ein Kulminationspunkt des 19. Jahrhunderts – mit allem Licht und auch viel Schatten. Mit Der Ring des Nibelungen schuf Richard Wagner jeden falls nicht einfach einen Opernzyklus, sondern den Entwurf einer eigenen Mythologie: nichts Geringeres als Ursprung und Ende einer ganzen Welt aus Göttern, Nibelungen, Riesen und Menschen. Das RheingoldDie Walküre, Siegfried und Götterdämmerung bilden gemeinsam jenes monumentale Kunstwerk, an dem er über zwei Jahrzehnte arbeitete.

An der Staatsoper Hamburg ist in dieser Spielzeit nicht der ganze Ring zu erleben, wohl aber jener Teil, der die menschliche Essenz der Welterzählung auf den Punkt bringt. Während Das Rheingold in einer archaischen Welt aus Göttern, Nixen, Riesen und Zwergen spielt, rückt die Walküre den Menschen ins Zentrum. Die naturhaften Räume des „Vorabends“ weichen einer Hütte im Wald – dezidiert privat ist der Rahmen dieser Oper. Aus kosmischen Machtverschiebungen wird hier eine familiäre Katastrophe, aus Welt- eine Beziehungsgeschichte.

Nach dem Rheingold, in dem der Nibelung Alberich durch den Raub des Goldes einen Fluch über die Welt bringt und Göttervater Wotan die Grundlagen seiner Herrschaft sichert, beginnt mit der Walküre der eigentliche Ring. Im Zentrum stehen Wotans sterbliche Kinder Siegmund und Sieglinde, beide unwissend, dass sie Geschwister sind. Sie werden sich ineinander verlieben und damit die Ordnung herausfordern. Als Wotan versucht, die Folgen dieser Liebe zu kontrollieren, gerät er in einen Konflikt zwischen Macht und Mitgefühl, Gesetz und Freiheit. Seine Lieblingstochter Brünnhilde widersetzt sich schließlich seinem Willen und wird dafür bestraft. Mit ihrem Ungehorsam setzt sie jene Entwicklung in Gang, die in Siegfried fortgeführt wird: Der aus der Verbindung von Siegmund und Sieglinde hervorgegangene Titelheld wächst heran und erweckt Brünnhilde aus ihrem Zauberschlaf. In der Götterdämmerung führt ihr gemeinsames Schicksal schließlich zum Untergang. Der Ring kurzum: Welt erschaffen, Welt vernichtet.

Im Mittelpunkt der Walküre begegnen sich drei Menschen: Siegmund, Sieglinde und ihr Ehemann Hunding. Kaum hat der flüchtende Fremde die Tür zu Hundings Haus hinter sich geschlossen, beginnt eines der intensivsten Liebesdramen der Operngeschichte. Wagner verdichtet hier sein zentrales Thema – den Konflikt zwischen Liebe und Macht – zu einer Konstellation, die trotz aller mythologischen Verkleidung erstaunlich modern wirkt. Ehe, Begehren, Freiheit, gesellschaftliche Ordnung und individuelle Selbstbestimmung prallen aufeinander. Hier finden sich alle entscheidenden Konflikte des Zyklus: der Gegensatz zwischen Gesetz und Mitgefühl, die Frage nach Freiheit und Schicksal, die Rebellion gegen bestehende Ordnungen und die Möglichkeit, sich gegen die Erwartungen der eigenen Herkunft zu stellen. Die großen Ideen des Rings erscheinen in menschlicher Gestalt.

Gerade deshalb eignet sich Die Walküre für eine Aufführung als eigenständiger Abend. Claus Guths Inszenierung entstand als Teil seiner Hamburger Ring-Erzählung von 2008 bis 2010. Guth zählt zu den bedeutendsten Opernregisseuren der Gegenwart und hat sich insbesondere mit seinen Wagner-Inszenierungen einen Namen gemacht. Er inszenierte unter anderem Der fliegende Holländer 2003 bei den Bayreuther Festspielen, Tristan und Isolde 2008 am Opernhaus Zürich, Die Meistersinger von Nürnberg 2010 an der Semperoper Dresden, Parsifal 2012 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Lohengrin 2012 zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala unter Daniel Barenboim sowie Tannhäuser 2021 an der Wiener Staatsoper.

Gemeinsam mit seinem langjährigen Bühnen- und Kostümbildner Christian Schmidt entwickelte Guth für seinen Hamburger Ring eine Bild- und Gedankenwelt, die den gesamten Zyklus zusammenhält. Ihr Konzept zeigt einen Wotan, der seine Modelle zur Beherrschung der Welt immer ausgeklügelter entwirft und diese in kleinen und großen Tischmodellen durchspielt. Dieser Ring ist eine Laboranordnung. Der Entwurf Walhalls befindet sich auf dem Dachboden seines Hauses, wo sonst nur die Modelleisenbahn steht. Später erscheinen auch Hundings Hütte, Siegmunds Speer und die Herberge der Walküren als Modelle. Doch Die Walküre besitzt innerhalb dieses Konzepts eine bemerkenswerte Eigenständigkeit.

Wir befinden uns in einem Teil des Wotanpuppenhauses Siegmund, Sieglinde und Hunding sind auf einer überdimensionalen Leuchtplatte ihrem Schöpfer ausgeliefert. Wotan bleibt im ersten Aufzug noch unsichtbar; später erscheint er als Strippenzieher, der – fast wie im Film Die Truman Show – darüber entscheidet, wann sich seine Marionetten bewegen dürfen. Die Leuchtplatte liegt dann in kleiner Größe auf seinem Basteltisch, alle Figuren werden zu Miniaturen seiner Planung. Das Menschliche wird durch den symbolistischen Bühnenraum auf seine Essenz reduziert: Schmidt und Guth plädieren für eine strenge Konzentration und verschieben gerade in der Walküre den Blick vom Mythologischen ins Existenzielle. Wie frei ist der Mensch innerhalb der Strukturen, die ihn prägen? Können wir unserem Schicksal entkommen? Oder führt gerade der Versuch, frei zu handeln, unausweichlich in die Katastrophe?

Die Walküre

Richard Wagner

  • Dauer
    300 Min
  • Pause Zwei Pausen von je ca. 30 Minuten nach dem ersten und nach dem zweiten Aufzug
  • Altersempfehlung Ab 16 Jahren / Klasse 11
  • Sprache In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

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