von Christopher Warmuth
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Der Freischütz
„Ein unheimlich guter Opernabend.“ NDR kultur
Komposition: Carl Maria von Weber
Libretto: Friedrich Kind nach der gleichnamigen Erzählung von August Apel
- 1821 18. Januar, Uraufführung am Schauspielhaus am Gendarmenmarkt Berlin
- 2024 28. November, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
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2026
Vor der letzten Vorstellung findet das Gespräch „Vergegenwärtigt: Deutschwerden durch Kunst“ zwischen Dr. Max Czollek und Christopher Warmuth statt.
3. Mai, 18:15 · Foyer 2. Rang
Besetzung
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Musikalische Leitung
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Inszenierung
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Bühne
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Kostüme
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Licht
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Chor
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Dramaturgie
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Ottokar
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Kuno
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Agathe
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Ännchen
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Caspar
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Max
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Samiel
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Ein Eremit
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Kilian
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Das Stück
- Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
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Dauer
190 Min
- Pause Eine Pause von 30 Minuten nach dem ersten Teil (nach 110 Minuten)
- Altersempfehlung Ab 13 Jahren / Klasse 8
- Sprache In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Uraufgeführt wurde die Romantische Oper am 18. Juni 1821 am Schauspielhaus am Gendarmenmarkt Berlin. Die Hamburger Inszenierung feierte am 28. November 2024 Premiere.
Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.
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GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers
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Vor der letzten Vorstellung findet das Gespräch „Vergegenwärtigt: Deutschwerden durch Kunst“ zwischen Dr. Max Czollek und Christopher Warmuth statt.
3. Mai, 18:15 · Foyer 2. Rang
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Gefördert von der
Tritt ein Einzelner aus der Masse heraus, sanktioniert das Kollektiv diesen Individualismus meist. So ergeht es auch Max: Als Jäger muss er seine Treffsicherheit beweisen, um Agathe heiraten zu dürfen. Ausgerechnet dann verlässt ihn sein Talent – und mit jedem Fehlschuss rückt nicht nur die Anerkennung von Agathe, sondern auch die der Gemeinschaft in die Ferne. In tiefster Verzweiflung lässt er sich auf ein diabolisches Versprechen ein. In der Wolfsschlucht schließt er einen Pakt mit dem mysteriösen Samiel. Der Druck der normierten Gesellschaft ist hoch. So hoch, dass er bereit ist, seine Seele aufs Spiel zu setzen. Das vermeintliche Happy End verspricht Erlösung – doch die Frage bleibt: Wie reagiert der Einzelne auf den Druck der Mehrheitsgesellschaft? Und wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Regisseur Andreas Kriegenburg, gleichermaßen im Schauspiel wie in der Oper arbeitend, bleibt der deutschen Sage treu. Er folgt der märchenhaften Logik des Stücks, indem er die Handlung nicht in eine konkrete Epoche presst, sondern sie bewusst zeitübergreifend in mehreren historischen Schichten erzählt: Neben der Entstehungszeit der Oper im frühen 19. Jahrhundert blitzen die ästhetischen Spuren der 1920er Jahre und der wirtschaftswunderlichen 1950er auf. Kriegenburgs typische Ästhetik – blass geschminkte, maskenhafte Charaktere – knüpft in beinahe allen seiner Arbeiten an die Bildsprache der ikonografischen 1920er Jahre an. Seine Held:innen sind dabei häufig Ausgesonderte der Gesellschaft.
Im Freischütz führt diese Gleichzeitigkeit der Epochen dazu, dass Kriegenburgs Inszenierung zu einem Portrait deutscher Selbstvergewisserung wird. In den 1820ern, in einer Phase politischer Zersplitterung und beginnender nationaler Selbstfindung, entwarf von Weber eine „deutsche“ Erzählung: Wald, Volkssage, Gemeinschaft, Innerlichkeit. Seit der Romantik gilt gerade der deutsche Wald als identitätsstiftender Mythos – als Ort von Gemeinschaft, Innerlichkeit und: nationaler Selbstvergewisserung. Die Rezeption als „deutsche Nationaloper“ passt perfekt in dieses Bild! Von dieser historischen, der romantischen, Sehnsucht nach Einheit erzählt der Abend zeitgleich von Fragilität der Identität der Zwischenkriegszeit und über die restaurative Selbstvergewisserung nach 1945. Der Freischütz ist schon immer Projektionsfläche eines kulturellen „Deutschseins“, das sich über Zugehörigkeit, Bewährung und moralische Läuterung definiert. Der holzvertäfelte Bühnenraum – gezimmert aus Brettern des „deutschen“ Waldes – wird durch die Dreizeitigkeit auch zu einem Sittenbild über „die“ deutsche Gesellschaft. Eine Parabel über unsere nationale Identität.
Dieser Freischütz ist damit nicht nur eine x-beliebige romantische Schauergeschichte, sondern ein abendfüllendes Drama über „deutsche“ Angst, nationale Identität und die Resultate all dessen: die Gewalt der Norm. Max’ Scheitern ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches – der Probeschuss wird zur Prüfung, an der sich individuelle Zugehörigkeit entscheidet. Dass Max sich dem Zwang beugt und den Pakt eingeht, erscheint weniger als moralischer Fehltritt denn als Konsequenz eines Systems, das keinen Raum für Individualismus kennt. Wer nicht funktioniert, wer nicht passt, wer ausschert, wer zweifelt oder scheitert, gerät damit automatisch unter Druck.
2026: Der Publizist Dr. Max Czollek beschreibt nationale Identität nicht als stabile Größe, nicht als etwas unverrückbar Festes, sondern als fortwährende Selbstinszenierung einer Gesellschaft – als ein „Gedächtnistheater“, in dem sich eine Gesellschaft ihrer selbst über Kultur versichert. Die Frage danach, was „Deutschsein“ überhaupt heißt und wie wir „Deutschsein“ neu gestalten wollen, könnte aktueller nicht sein. Das 20. Jahrhundert hallt nach, denn gerade die die schleichende Entstehung nationalsozialistischer Bewegungen und der Zweite Weltkrieg sind identitätsprägend. Denn: Wie was ist „das“ deutsche Wir? Deutschsein erscheint so nicht als Essenz, sondern als ein fortwährendes Aushandeln zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Czollek fordert keine neue nationale Erzählung, sondern die Abkehr von der Idee eines homogenen „Wir“ zugunsten einer wirklich pluralen Gesellschaft. Mit seinem Konzept der „Desintegration“ plädiert er dafür, normierende Erwartungen zu unterlaufen und marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen, statt sie in eine einheitliche Identität einzupassen.
Im Zentrum muss also die Fähigkeit stehen, gesamtgesellschaftlich Widersprüche und Differenzen auszuhalten, ohne sie sofort auflösen zu wollen. Damit wird individuelle und kollektive Identität ja vielleicht uneindeutig und brüchig bleiben müssen. Wer dazugehört, wer sprechen darf, wer gesehen wird – all das ist nicht gegeben, sondern wird immer wieder neu verhandelt. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Herausforderung: nicht in der Stabilisierung eines „Wir“, sondern im Aushalten seiner Ungewissheit. Ja, was heißt „Deutschsein“ eigentlich heute?