von Katinka Deecke
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Il trovatore
„Die Inszenierung findet starke und intensive Bilder für den dramatischen Stoff.“ Hamburg Journal
Komposition: Giuseppe Verdi
Libretto: Salvadore Cammarano, fertiggestellt von Leone Emanuele Bardare, nach dem gleichnamigen Schauspiel von Antonio García Gutiérrez
- 1853 19. Januar, Uraufführung am Teatro Apollo in Rom
- 2024 17. März, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
- 2026 Vortrag: Am 8. April findet nach der Vorstellung im Vorderhaus der Hamburgischen Staatsoper der Vortrag „Ästhetik: Explizite Gewalt auf der Bühne“ von Tobias Kratzer statt.
Besetzung
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Musikalische Leitung
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Inszenierung nach
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Choreografie nach
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Bühne
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Kostüme
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Licht
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Video
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Chor
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Dramaturgie
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Luna
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Manrico
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Leonora
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Azucena
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Ferrando
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Inez
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Ruiz
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Das Stück
- Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
- Dauer 165 Min
- Pause Eine Pausen von ca. 25 Minuten nach dem ersten Teil (nach ca. 70 Minuten)
- Altersempfehlung Ab 14 Jahren / Klasse 9
- Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Uraufgeführt wurde die Oper am 19. Januar 1853 am Teatro Apollo in Rom. Die Hamburger Inszenierung feierte am 17. März 2024 Premiere.
Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.
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GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers
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Vortrag: Am 8. April findet nach der Vorstellung im Vorderhaus der Hamburgischen Staatsoper der Vortrag „Ästhetik: Explizite Gewalt auf der Bühne“ von Tobias Kratzer statt.
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Mit freundlicher Unterstützung durch die
- Mit freundlicher Unterstützung durch die J. J. Ganzer Stiftung
Auf den ersten Blick scheint die Geschichte von Giuseppe Verdis Oper ll trovatore für heutige Gemüter außerordentlich weit weg zu sein: Aus unglücklicher Liebe geht eine Frau ins Kloster; aus Rivalität um eine Frau wollen zwei Männer sich gegenseitig umbringen; und völlig einig sind sich Frau und Mann, dass es viel besser wäre, dass die Frau stirbt, als mit einem anderen Mann ins Bett zu gehen. So richtig viel scheint das mit dem heutigen Leben in Hamburg nicht zu tun zu haben.
Motor dieser Geschichte ist wie in vielen Opern die Treue der Heroine. Über selbige streiten sich zwei Männer und genau dieser Konflikt ist der Aufhänger der nach dem Regisseur Immo Karaman gestalteten Inszenierung. Der ungeheuren Gewalt, der Frauen in dieser Welt ausgesetzt sind, sucht die Inszenierung einen Spiegel vorzuhalten. Auf spektakuläre Weise und mit artistischen Spezialeffekten lässt sie miterleben, wie Gewalt, im Besonderen Gewalt gegen Frauen, unsere intimsten Beziehungen durchzieht. Damit stellt der Abend sich in eine jahrtausendealte Tradition, die im Laufe ihrer Geschichte vielleicht nicht immer so viel Schauwert hatte wie diese Inszenierung, aber von ähnlichen Voraussetzungen ausging: Durch die Reproduktion gräulicher Ereignisse auf der Bühne werden in den Zusehenden „Furcht und Schrecken“ ausgelöst – die berühmte Katharsis des griechischen Philosophen Aristoteles kommt hier ins Spiel. Diese Affekte (später wurde „Schrecken“ durch „Mitleid“ ersetzt) führten, so die Theorie, zur seelischen Reinigung der Zusehenden, die dann im echten Leben von eben diesen Affekten entbunden seien und ethischen Grundsätzen gemäß handeln könnten. Dieser trovatore bewegt sich in der Tradition, dass Gewalt auf einer Bühne selbige im echten Leben verringere.
Seit einiger Zeit ist diese Tradition nicht mehr unumstritten. Könnte es sein, dass die Reproduktion von Gewalt in einem ästhetischen Zusammenhang eher zur Stabilisierung der gewaltvollen Zusammenhänge beiträgt, als uns von ihnen zu befreien? Die Figur der Heldenmutter Azucena, in dieser Inszenierung mit besonderem Augenmerk bedacht, kann als fiktionale Gewährsfrau dieser Frage gelten, wenn sie angesichts der Gewalt, deren Zeugin sie war, singt: „Ach, wer nimmt mir diese grausigen Bilder?“. Das Zeigen der „grausigen Bilder“ auf einer Bühne würde, so das Argument, der Grausamkeit eben gerade einen Platz in unserem Miteinander einräumen, würde sie reproduzieren statt uns von ihr zu entbinden, würde sie alltäglich machen und die Opfer in eben jenen Opferpositionen festschreiben, aus denen sie eigentlich raus müssten.
Bei der Premiere dieser Inszenierung am 17. März 2024 konnte man die verschiedenen Meinungen über die Legitimität von Gewalt auf einer Bühne ganz konkret im Zuschauer:innenraum erleben, so heftig waren einige Reaktionen angesichts zum Beispiel der Darstellung einer Vergewaltigung, die inzwischen so nicht mehr zu sehen ist. Nach wie vor aber stellt die Inszenierung auf kontroverse und aufwühlende Art die Frage, wie wir als Kulturbürgertum mit der um und in uns eskalierenden Gewalt umgehen sollen. Ach, wer nimmt uns diese grausigen Bilder?