Von Januar an ist Elbenita Kajtazi als Verdis Traviata zu hören. Ein Gespräch über die totale Identifikation mit einer Rolle, die Intensität einer leeren Bühne und die Modernität einer 170 Jahre alten Oper.
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La Traviata
„Reines Verdi-Glück in der Staatsoper Hamburg“ Hamburger Abendblatt
Komposition: Giuseppe Verdi
Libretto: Francesco Maria Piave nach dem Roman La dame aux camélias von Alexandre Dumas dem Jüngeren
- 1853 6. März, Uraufführung am Teatro la Fenice in Venedig
- 2013 17. Februar, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
- 2026 Vor der letzten Vorstellung findet der Vortrag „Tatort Oper: Todesursache Frausein“ von Dr. Ulrike Hartung statt. 21. Februar, 18:45 · Foyer 2. Rang
Besetzung
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Musikalische Leitung
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Inszenierung
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Bühne
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Kostüme
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Licht
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Chor
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Dramaturgie
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Violetta Valery
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Flora BervoixIda Aldrian
- 31.1.26
Kady Evanyshyn- 3.2.26 /
- 17.2.26 /
- 21.2.26
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Annina
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Alfredo Germont
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Giorgio Germont
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GastoneDaniel Kluge
- 31.1.26 /
- 21.2.26
Peter Galliard- 3.2.26 /
- 17.2.26
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Il Barone Douphol
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Il Marchese d'Obigny
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Il Dottore Grenvil
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Giuseppe
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Das Stück
- Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
- Dauer 160 Min
- Pause Eine Pause von ca. 25 Minuten nach dem zweiten Bild (nach ca. 75 Minuten)
- Altersempfehlung Ab 14 Jahren / Klasse 9
- Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Wagnis ein, mit Alfredo aufs Land zu ziehen, den Rummelplatz Paris zur Vergangenheit werden zu lassen. Doch lässt sich der Tod nicht abschütteln, ihre tödliche Schwindsucht ist nicht mehr aufzuhalten. Gegenseitiges Vertrauen will hart erkämpft werden. Johannes Eraths szenische Deutung findet für diese weltberühmte Geschichte traumverloren surreale Bilder, spürt einfühlsam dem Kern der Liebe und Prozessen der Selbstfindung und Selbstbestimmung nach, die oftmals so schwer erscheinen und doch immer wieder möglich sind.
Uraufgeführt wurde das Melodramma am 6. März 1853 am Teatro la Fenice in Venedig. Die Hamburger Inszenierung feierte am 17. Februar 2013 Premiere.
Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.
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GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers
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Vor der letzten Vorstellung findet der Vortrag „Tatort Oper: Todesursache Frausein“ von Dr. Ulrike Hartung statt.
21. Februar, 18:45 · Foyer 2. Rang
Warum sterben so häufig Frauen in Opern – geopfert für Geliebte, Brüder oder Volk? In ihrem Vortrag wird die Musiktheaterwissenschaftlerin Dr. Ulrike Hartung am Beispiel von Giuseppe Verdis La traviata zeigen, wie Opern patriarchale Opferlogiken perpetuieren und als Spiegel struktureller Unterdrückung verstanden werden können.
Als diese Inszenierung 2013 zum ersten Mal aufgeführt wird, macht der Mainstream grade Pause vom Feminismus – es gibt so viel anderes zu besprechen: die Nachwirkungen des arabischen Frühlings, die Enthüllungen Edward Snowdens, die Bundestagswahl, das immer noch recht neue Smartphone, der erste Rücktritt eines Papstes (eines deutschen, ausgerechnet) und so weiter. Feminismus ist kein großes Thema.
Der Regisseur Johannes Erath und der Dramaturg Francis Hüsers wussten 2013, als sie diese Inszenierung erarbeiteten, auch noch nichts von #metoo. Das war erst 2017. Trotzdem haben sie ihre Inszenierung männlichkeitskritisch angelegt. Ihnen war schon 2013 klar, dass ganz ungeschoren Alfredo mit seinen Handlungen nicht davonkommen darf. Anders als sein venezianischer Schatten der Uraufführung 1853 weiß der Alfredo dieser Inszenierung von Anfang an, dass sein Egoismus, seine Unachtsamkeit schuld sind am Unglück der „Kurtisane“ Violetta Valéry. Und er bereut. Wenn die Oper beginnt, ist Violetta schon gestorben und die Handlung entspinnt sich im trauernden Kopf Alfredos. Die Geschichte seiner Liebe und seiner Eifersucht zieht als vergebliches Schauspiel an seinem inneren Auge vorüber. Der Alfredo von 2013 weiß, dass er Schuld auf sich geladen hat. Und da Violetta in dieser Inszenierung schon gestorben ist, als der bereuende Alfredo endlich zu ihr eilt, ist auch Vergebung ausgeschlossen.
2026 nun sieht es anders aus. #metoo hat den Feminismus verändert und die Welt (nun… einen Teil von ihr): Harvey Weinstein sitzt im Gefängnis, Prinz Andrew ist kein Prinz mehr und in Deutschland soll „Cat Calling“ eine Straftat werden. 2026 wäre Violetta Valéry – vielleicht – nicht mehr das seit Jahrhunderten ikonisierte weibliche Opfer im weißen Nachthemd, barfuß und mit zerzausten Haaren; 2026 wäre ihre Zofe Anina – vielleicht – nicht mehr die geduldig dem Geschehen folgende Mitleidende; Alfredos Vater Germont wäre – vielleicht – nicht mehr die eine zweifelhafte Ordnung wiederherstellende Instanz, die ihre männliche Autorität nutzt, um das weibliche Opfer zu veranlassen. Und 2026 würde die endlose Opferbereitschaft von Violetta Valéry vielleicht nicht mehr nur Reue, sondern Wut erzeugen. Warum auch sollte eine Frau sich opfern, damit ein Mann in Ruhe leben kann? Ja. Klar. Aus Liebe. Natürlich. Nur ist Liebe eben selten frei von Gesellschaft, von Klasse, von Bildung oder frei von, ja, Geschlecht. 2026 mutet es seltsam an, dieses Wissen um die Abhängigkeitsverhältnisse, die auch unsere Lieben und Leidenschaften durchziehen (nun, die gerade unsere Lieben und Leidenschaften durchziehen) aus der traditionsreichen Opfergeschichte von La traviata auszublenden. Wenn 2026 die Gleichstellung der Geschlechter weiter vorangetrieben scheint als 2013, bleiben es doch Schritte innerhalb eines sehr kleinen Radius‘. Ein „Pussy Grabber“ ist US˜Präsident, Tradwives sind Superstars nicht nur im Internet und in Deutschland sind die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt 2023 im Vergleich zum Vorjahr um fast 10 % gestiegen. Violetta Valéry ist auch eine Figur des 21. Jahrhunderts. Und so richtig viel weiter als 2013 sind wir wohl doch noch nicht.