Impression Il turco in Italia
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Monika und Karl Forster

Il turco in Italia

Gioachino Rossini
Inszenierung von 2005
Ein „Morgenland“ voller Gewalt und Schrecken? In seiner Rossini-Inszenierung stellt Regisseur Christof Loy solche stereotypen westeuropäischen Fantasien mit Humor und Scharfblick auf den Prüfstand: Auf einem fliegenden Teppich reist „der Türke“ nach Italien. Dort trifft er auf einen einfallsmüden Dichter und eine nicht nur zu waghalsigen Koloraturen aufgelegte junge Frau – poetische ebenso wie amouröse Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

„Christof Loys Hamburger Neu­inter­pretation schlägt dem Stereotyp ein Schnippchen – mit viel Ironie und exzellenten Sängern.“
DER SPIEGEL

DRAMMA BUFFO IN ZWEI AKTEN
Komposition: Gioachino Rossini
Libretto: Felice Romani nach der gleichnamigen Vorlage von Caterino Mazzolà
  • 1814 14. August, Uraufführung am Teatro alla Scala in Mailand
  • 2005 20. März, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
  • 2026 Am 19. November, um 18:15 findet der Vortrag „Tatort Oper: Rossinis blinder Fleck – Osmanische Musik im 19. Jahrhundert?“ von Prof. Dr. Ralf Martin Jäger statt.
    FRAMING Hall im Foyer 2. Rang

    Mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

Das Stück

  • Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
  • Dauer
    195 Min
  • Pause Eine Pause von ca. 25 Minuten nach dem ersten Akt
  • Altersempfehlung Ab 12 Jahren / Klasse 7
  • Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Zahlreiche Fantasien über das „Morgenland“ ziehen sich durch westeuropäische Geschichten und nicht selten sind sie voller Gewalt und Schrecken. In seiner Inszenierung von Gioachino Rossinis Il turco in Italia von 1814 bezwingt Regisseur Christof Loy den Schrecken durch Schrulle: Auf einem fliegenden Teppich reist „der Türke“ nach Italien. Dort tri¡t er auf einen einfallsmüden Dichter und eine nicht nur zu waghalsigen Koloraturen aufgelegte junge Frau – poetische ebenso wie amouröse Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Ob den Stereotypen von damals mit dem Wissen von heute beizukommen ist, lässt sich 20 Jahre nach der Premiere der Inszenierung mit gegenwärtigem Scharfblick und aufmerksamem Gehör neu diskutieren.
Rahmenprogramm

Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.

  • GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers

  • Am 19. November, um 18:15 findet der Vortrag „Tatort Oper: Rossinis blinder Fleck – Osmanische Musik im 19. Jahrhundert?“ von Prof. Dr. Ralf Martin Jäger statt.
    FRAMING Hall im Foyer 2. Rang

    Mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

Über die Inszenierung

von Katinka Deecke

Christof Loy, einer der einflussreichsten Opernregisseure seiner Generation, hat an der Hamburgischen Staatsoper eine ganze Reihe von Inszenierungen erarbeitet, von Georg Friedrich Händels Alcina bin hin zu Richard Strauss’ Daphne. 2005 brachte er hier Gioachino Rossinis Il turco in Italia von 1814 heraus. Dieses zu seiner Zeit als „Türkenoper“ bezeichnete Werk ist eine leichte Komödie. Oder sagen wir, sie war eine leichte Komödie. Denn ganz so einfach ist es mit der Komik nicht mehr.

Seit dem 17. Jahrhundert war es auf europäischen Bühnen sehr beliebt, die Berichte der aus dem „Orient“ zurückkehrenden Reisenden aufzugreifen und weiterzuspinnen. Molière und sein Komponistenfreund (und Konkurrent) Jean-Baptiste Lully erfanden für das große Finale ihrer Ballettkomödie Der Bürger als Edelmann eine berühmt gewordene „turquérie“; Wolfgang Amadeus Mozart verortete mit Die Entführung aus dem Serail gleich eine ganze Oper in einer Fantasietürkei; und Rossini selbst schrieb nur wenige Jahre nach seinem Turco in Italia mit Maometto II eine weitere Oper über die (Kultur-)Kämpfe zwischen Europa und dem Osmanischen Reich. Unschuldig sind diese Erzählungen alle nicht. Zur Charakterisierung der ihnen unbekannten Kultur greifen sie einige wenige Merkmale heraus und vergrößern und verfremden sie bis hin zur Karikatur. Die Verwendung (häufig auch überhaupt erst Erfindung) rassistischer Klischees, um vor deren Hintergrund eine unterhaltsame Erzählung zu entfalten, hat in Europa Tradition, somit ist Il turco in Italia keine Ausnahme. 

In seiner Inszenierung von 2005 vergrößert Christof Loy die von Rossini und seinem Librettisten Felice Romani aufgerufenen Klischees. So reist zum Beispiel der türkische Fürst Selim auf einem Fliegenden Teppich nach Neapel; dessen einstige Geliebte Zaida tanzt einen „Bauchtanz“, der den düstersten Winkeln europäischer Erotik entsprungen ist; und die so genannten „Zigeuner:innen“ des Librettos leben ungefähr zu fünfzigst in einem winzigen Wohnwagen. Im Interview, das Sie in diesem Programmheft lesen können, sagt Loy: „Ich gehe noch einen Schritt weiter, als es sich die Autoren ursprünglich gedacht haben. Denn mir ist wichtig, dass man das Fernweh spürt.“ Die inszenatorische Zuspitzung ist so drastisch, dass sie komisch wird. Damit markiert die 20 Jahre alte Inszenierung einen historischen Zeitpunkt, in dem man Klischees nicht einfach reproduzierte, sondern sie in ironischen Volten auf die Spitze trieb, um sie darin zu hinterfragen. Aus heutiger Perspektive hingegen können dieser Zeitgeist und seine Strategien überholt anmuten. Ob die vermeintlich komische Übertreibung die Klischees tatsächlich zur Kenntlichkeit entstellt oder die Zuspitzung sie vielmehr zementiert, ist außerdem eine über das ästhetische Feld weit hinausgehende Frage.

20 Jahre nach dem großen Erfolg von Loys Inszenierung haben sich die Klischees und die auf ihnen basierende Komik verändert. Die Bürger:innenrechts bewegungen der letzten Jahrzehnte sind im Mainstream angekommen. Das Bewusstsein für die Ausbeutung nicht-weißer Ausländer:innen in Deutschland (zum Beispiel von Gastarbeiter:innen im 20. Jahrhundert oder von migrantisierten Niedriglohnarbeiter:innen heute) sowie für die rassistische Gewalt, der sie ausgesetzt sind, erwacht in der gesellschaft lichen Mitte. Mit diesem erwachenden Bewusstsein verändert sich auch der Blick auf Rossinis Oper sowie die Inszenierung. Unüberhörbar ist mittlerweile die Frage, ob wir uns weiterhin der bürgerlichen Tradition überlassen sollten, Unterhaltung auf Kosten anderer Kulturen zu produzieren. Oder ob es an der Zeit ist, die rassistische Herabwürdigung anderer Menschen zum Zwecke unseres Amüsements aufzugeben, um so mehr, als dass die Gesellschaft, in der wir leben, längst von Menschen geprägt und gestaltet ist, die in erster, zweiter und dritter Generation migrantische Erfahrungen (auch und natürlich aus der Türkei) mitbringen.

Was aber sollen wir dann bloß mit unseren liebsten Opern machen, von Die Zauberflöte über Das Rheingold bis hin zu Il turco in Italia, die ihre Komik genau aus eben dieser Herabwürdigung beziehen? Im besten Fall, und darauf arbeiten wir hin, bietet die Auseinandersetzung mit den Abgründen unserer musikalischen Meisterwerke einen Anstoß zur Neubewertung dieser bürgerlichen Traditionen. 

(Wer im Übrigen wissen möchte, wie Musik des echten Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert klang, sollte am 19. November 2026 zu dem „Framing the Repertoire“-Vortrag von Prof. Dr. Ralf Martin Jäger kommen: „Tatort Oper: Rossinis blinder Fleck – Osmanische Musik im 19. Jahrhundert?“).

Il turco in Italia

Gioachino Rossini

  • Dauer
    195 Min
  • Pause Eine Pause von ca. 25 Minuten nach dem ersten Akt
  • Altersempfehlung Ab 12 Jahren / Klasse 7
  • Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

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