Nackt im Astgewirr
Ein Mann, nackt, verkrümmt um einen kahlen Ast geklammert, der Blick irr zur Seite gerichtet. Kein Bühnenbild, kein Kostüm, kein Schutz – nur ein Körper und ein Stück Holz. Das ist das Bild, mit dem wir seit Ende August für unsere Saisoneröffnung Macbeth werben. Und es ist, das können wir nach den vergangenen Tagen mit Gewissheit sagen, ein Bild, das niemanden kaltlässt.
Manche haben uns geschrieben, weil sie sich oder ihre Kinder auf dem Weg zur Alster damit konfrontiert sahen und das unangenehm fanden. Auch politisch hat das Motiv inzwischen eine Debatte ausgelöst. Wir wollen an dieser Stelle weder das eine klein- noch das andere großreden, sondern einfach erzählen, was es mit diesem Foto auf sich hat, wie wir mit der Kritik umgegangen sind – und warum wir nach wie vor überzeugt sind, dass es das richtige Motiv für diese Oper ist.
Ein König ohne alles
Macbeth ist, bei aller Verdi'schen Klangpracht, im Kern eine sehr unbequeme Geschichte: Ein Mann mordet sich an die Macht, wird König und verliert dabei alles, was ihn eigentlich ausmacht. Am Ende bleibt kein Herrscher, sondern ein Getriebener, zurückgeworfen auf die nackte Existenz. Genau dieses Bild – Macht, die nicht schützt, sondern entblößt – will die Staatsoper Hamburg mit dem Motiv treffen. Kein Kostüm, keine Krone, nur ein Körper, der sich an etwas festhält, das ihn nicht wirklich trägt.
Wer genau hinschaut, erkennt in der verdrehten Haltung des Mannes auch etwas von Wahnsinn und Halt-Suchen zugleich. Zwei Zustände, die Macbeth und seine Frau im Laufe der Oper immer weniger auseinanderhalten können. Der Ast, an den sich die Figur klammert, ist dabei fast so etwas wie eine Krone im Negativ: das Einzige, was noch Struktur gibt, wenn längst alles andere zusammengebrochen ist.
Wichtig ist Regisseur Tobias Kratzer dabei ein klarer Punkt: Das Plakatmotiv ist eine eigenständige künstlerische Setzung zur Ankündigung der Produktion und kein Vorgriff auf das, was auf der Bühne zu sehen sein wird. Wer die Inszenierung besucht, erwartet keinen "Schocker": Kratzers Macbeth erzählt seine Geschichte über Musik, eine genaue Personenregie und große Bilder, nicht über explizite Nacktheit. Das Foto verdichtet eine Idee der Oper für die Außenkommunikation; die Aufführung selbst folgt ihrer eigenen, ganz anderen Bildsprache.
Der Mann hinter der Kamera
Das Foto stammt von Tom Huber, einem in Zürich lebenden Fotografen und Künstler. Huber hat an der renommierten Gerrit-Rietveld-Academie in Amsterdam Fotografie studiert und bewegt sich seither zwischen freier Kunst, Musik und internationalen Auftragsarbeiten. Sein fotografisches Werk wurde unter anderem in einer Publikation der Kulturstiftung Pro Helvetia gewürdigt und in Ausstellungen etwa im Zürcher Helmhaus gezeigt. Bezeichnend für seinen Stil: Alltägliches und Banales verliert bei ihm seine Selbstverständlichkeit und wird – wie es eine Beschreibung seiner Arbeiten formuliert – "mysteriös verführerisch". Genau dieses Kippen des Vertrauten ins Verstörende ist es, was das Macbeth-Motiv so wirkungsvoll macht: ein nackter Mensch im Wald ist erst einmal nichts Ungewöhnliches als Bildidee. Aber die Pose, der Blick machen daraus etwas, das im Kopf bleibt.
Was tatsächlich zu sehen ist – und was nicht
Ja, der Mann auf dem Bild ist nackt. Nein, das Bild ist nicht sexualisiert inszeniert. Es zeigt keine Genitalien in einer Weise, die auf sexuelle Anziehung zielt, sondern einen Körper in einer Extremsituation – vergleichbar mit klassischer Aktfotografie oder -malerei, wie sie seit Jahrhunderten Teil der Kunstgeschichte ist. Die Auswahl des Motivs wurde vorab unter Gesichtspunkten des Jugendschutzes geprüft und als unbedenklich eingestuft.
Dass ein nackter Körper im öffentlichen Raum trotzdem irritieren oder unangenehm berühren kann, ist damit nicht vom Tisch. Dieses Gefühl nehmen wir ernst, und genau deshalb sprechen wir jetzt öffentlich darüber, statt es zu ignorieren.
Zuhören, ohne das Motiv zu verleugnen
Kritik ernst nehmen heißt für uns nicht, sie einfach nur zu beantworten. Sondern auch, wo es geht, tatsächlich etwas zu verändern. Deshalb haben wir inzwischen entschieden, den Intimbereich des Mannes auf allen seither neu gedruckten Werbemitteln – etwa den Plakaten im Vorderhaus – dezent mit einem Balken zu verdecken. Diese Entscheidung ist eine direkte Reaktion auf Rückmeldungen einiger unserer Besucher:innen. Uns war wichtig, gerade jüngeren Passant:innen, die sich durch das Motiv im öffentlichen Raum unvermittelt konfrontiert sahen, mit Respekt zu begegnen.
Das ist für uns kein Widerspruch zu unserer Überzeugung, dass das Bild künstlerisch richtig und wichtig ist. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Wir stehen zu unserer Motivwahl und wir nehmen ernst, dass ein Teil unseres Publikums damit ein Problem hat. Genau deshalb finden wir auch die Debatte, die daraus entstanden ist, nicht lästig, sondern interessant und richtig: Ein Opernhaus, das mit seinen Motiven niemanden mehr zum Nachdenken oder Diskutieren bringt, hätte einen Teil seines Auftrags verfehlt.
Der Fun Fact: Wie Passant:innen mitgestaltet haben
Und dann gibt es noch die Geschichte, die uns zeigt, dass Kunst im öffentlichen Raum eben auch ein Dialog ist – ob gewollt oder nicht. Noch bevor wir selbst mit dem Balken nachgebessert haben, hat sich an unserem Plakat im Vorderhaus offenbar schon jemand anderes zuständig gefühlt: Der entscheidende Bereich des Fotos war dort eine Zeit lang von einem liebevoll gestalteten Furry-Sticker überklebt – kein Zufall, denn genau in dieser Woche fand im Congress Center Hamburg die Eurofurence statt, mit rund 6.700 Teilnehmer:innen Europas größte Furry-Convention. Furries sind eine internationale Fan- und Kunst-Community rund um anthropomorphe, also vermenschlichte Tiercharaktere, bekannt für aufwendige Kostüme und eine sehr aktive Zeichner:innen-Szene.
© ×
Ein hübscher kleiner Zufall: Gleich zwei sehr unterschiedliche Communities haben sich in derselben Woche in derselben Stadt mit Körpern, Verwandlung und Maskerade beschäftigt – die Opernbühne und die Convention nebenan.
Wir finden: Das ist auf seine Weise eine der schöneren Reaktionen, die man sich wünschen kann. Kein Vandalismus, keine Wut, sondern Humor. Jemand hat sich das Bild angeschaut, sich offenbar seinen Teil gedacht und mit einem Augenzwinkern reagiert. Genau diese Gelassenheit würden wir uns manchmal auch von der Debatte drumherum wünschen.
Und jetzt?
Uns bleiben am Ende drei Dinge wichtig: Wir nehmen die Kritik, die uns erreicht hat, ernst und haben mit dem Balken darauf reagiert. Wir kommen unserem Publikum dort entgegen, wo es um Respekt und nicht um künstlerische Kompromisse geht. Und wir finden es gut und richtig, dass ein Plakat diese Art von Gespräch auslösen kann. Oper darf und soll auch außerhalb des Saals zum Nachdenken anregen.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn – ist herzlich eingeladen: Am 9. September 2026 findet der Sneak Klub zur Generalprobe statt, mit kostenlosen Tickets für Studierende, Auszubildende und Schüler:innen. Die Premiere folgt am 12. September. Wer danach immer noch der Meinung ist, ein Ast könne keine Krone ersetzen, dem sei gesagt: Genau darum geht es in dieser Oper.
Die Staatsoper Hamburg
September 2026
-
Sa 12.9.26 19:00Staatsoper, Großes HausOperPremiereMacbethGiuseppe Verdi
- Im Anschluss Premierenfeier mit DJ GGG & friends für alle Besucher:innen
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Tomáš Hanus
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
Mi 16.9.26 19:30Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Tomáš Hanus
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
Di 22.9.26 19:30Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Tomáš Hanus
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
Fr 2.10.26 19:30Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Tomáš Hanus
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
Do 8.10.26 19:30Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Tomáš Hanus
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
So 11.10.26 18:00Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Tomáš Hanus
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
Sa 17.10.26 19:00Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Musikalische Leitung Daniele Squeo
- Inszenierung Tobias Kratzer
-
Di 20.10.26 19:30Staatsoper, Großes HausOperMacbethGiuseppe Verdi
- Einführung 45 Minuten vor der Vorstellung
- Publikumsgespräch mit Produktionsbeteiligten im Anschluss an die Vorstellung
- Musikalische Leitung Daniele Squeo
- Inszenierung Tobias Kratzer