Ein Interview mit dem gefeierten Bariton Michael Volle, der am 13. und 17. Januar noch zweimal als Holländer in Michael Thalheimers Inszenierung zurückkehrt.
Zum Interview
© ×
Der fliegende Holländer
„Dieser entschlackte, vom Kitsch befreite und ausgerechnet in Hamburg schifflose Holländer hat Psychothriller-Potenzial.“ BR Klassik
Komposition: Richard Wagner
Libretto: Richard Wagner
- 1843 2. Januar, Uraufführung am Königlichen Hoftheater Dresden
- 2022 23. Oktober, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
- 2026 Vor der letzten Vorstellung findet der Vortrag „Richards Erbe(n): Frauen als Mittel zum Zweck“ von Prof. Beatrix Borchard statt. 30. Januar, 18:15 · Foyer 2. Rang
Besetzung
-
Musikalische Leitung
-
Inszenierung
-
Bühne
-
Kostüme
-
Licht
-
Chor und Extrachor
-
Dramaturgie
-
Daland
-
Senta
-
Erik
-
Mary
-
Der Steuermann Dalands
-
Der Holländer
-
-
Das Stück
- Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
- Dauer 145 Min
- Altersempfehlung Ab 14 Jahren / Klasse 9
- Sprache in deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Uraufgeführt wurde die Romantische Oper am 2. Januar 1843 am Königlichen Hoftheater in Dresden. Die Hamburger Inszenierung feierte am 23. Oktober 2023 Premiere.
Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.
-
GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers
-
Vor der letzten Vorstellung findet der Vortrag „Richards Erbe(n): Frauen als Mittel zum Zweck“ von Prof. Beatrix Borchard statt.
30. Januar, 18:15 · Foyer 2. Rang
Die Hoffnung von Richard Wagners Protagonist Holländer, den über ihn verhängten Fluch der ewigen Seefahrt aufzulösen, besteht darin, eine Frau zu finden. Alle sieben Jahre ist dies bei Landgang möglich. Dieses Mal trifft er auf Senta. Am Ende der Oper stürzt Senta sich ins Meer, um ihm ihre Treue bis in den Tod zu beweisen – und tatsächlich, in diesem Moment löst sich für Holländer der Fluch.
Mit alledem entwarf Richard Wagner in seinem Der fliegende Holländer, 1843 in Dresden uraufgeführt, zwei seiner zentralen ästhetischen Merkmale: seine dramaturgische Formel „Erlösung durch Untergang“, bei dem der Mann durch den Tod einer Frau erlöst werden muss, und seine epochemachende Leitmotivtechnik.
Die Leitmotivtechnik nutzt Wagner im Holländer erstmals. Musikalische Motive werden zu Bedeutungszeichen, durch die Zustände, Figuren und deren Antriebe mit einem konkreten musikalischen Symbol belegt werden. Man hört, wie Wagner beginnt, Musik bereits mehr und mehr semantisch aufzuladen. Klänge werden Bedeutungsträger und die Geschichte erzählt sich buchstäblich durch Musik.
Die Erlösung des männlichen Helden durch die Hingabe, den Untergang und damit schließlich die Transzendierung einer Frau, wird in seinen weiteren Werken weibliche Figuren vor allem als Projektionsfläche festschreiben. Sie sind dann wichtiges Mittel zum Zweck. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Im Holländer erscheint Wagners Erlösungsmodell in einer rohen, noch nicht ideologisierten Form. Sentas Tod wird nicht als großer, überhöhter Erlösungsakt erzählt. Es gibt keinen musikalischen oder dramaturgischen Rahmen, der ihren Tod in etwas Heiliges oder Sinnstiftendes verwandelt. Anders als beim späteren Wagner wird ihr Opfer nicht romantisch verklärt, sondern bleibt als radikale, tragische Konsequenz sichtbar. Sentas Sturz ins Meer wird von Wagner als psychischer Kurzschluss komponiert, (noch) nicht als Ideologie. Sentas Handeln folgt keinem romantischen Lebenskonzept, sondern ihrem menschlichen Instinkt.
Und für den Menschen Senta interessiert sich auch der Regisseur Michael Thalheimer. Er setzt den Fokus in seiner 2022 für die Staatsoper Hamburg geschaffenen Inszenierung nicht auf die Figur des Holländers, sondern erzählt das Werk aus Sentas Sicht. Zum zweiten Mal inszenierte Thalheimer an der Hamburgischen Staatsoper, sieben (!) Jahre zuvor eröffnete seine Produktion von Hector Berlioz Les Troyens die Intendanz von Georges Delnon.
Thalheimer, bekannt für seine konzentrierten, in den Mitteln radikal reduzierten Inszenierungen, seziert mit chirurgischer Präzision die zugrunde liegenden menschlichen Konflikte der Werke. Der Bühnenbildner Olaf Altmann, mit dem Thalheimer seit vielen Jahren zusammenarbeitet, schafft Räume, in denen das Ausgeliefertsein der Figuren immer sichtbar ist. Schon bevor sich der Blick auf den Bühnenraum des Holländers eröffnet, in dem sich zu Beginn Nylonfäden mehr und mehr anspannen, hat Sentas Diesseitsflucht begonnen. Die Bühne versinnbildlicht bereits ihr angespanntes Nervenkostüm: eine pechschwarze Düsternis von deckenstrebenden Fäden durchzogen. Dieser Holländer spielt nicht am, sondern im Wasser und der Raum ist mehr als Zustand, denn als Örtlichkeit zu verstehen: Sentas Innenwelt, ein Ausschnitt aus Unendlichkeit, in dem Senta immer wieder einer Gesellschaft begegnet, die sie einengt, ihr die Freiheit raubt und sich zu einem klaustrophobischen Gegner entwickelt.
Thalheimer schafft auch hier kein realistisches Milieu, sondern das Psychogramm einer Frau, die sich zu befreien versucht. Wagners Erlösungsmodell wird nicht blind reproduziert, sondern kritisch auf den Kopf gestellt. Die Erlösung des Holländers wird beinahe nebensächlich, Sentas Streben nach Befreiung dominiert den Abend. Die Frau, deren Tod traditionell den Mann rettet, erscheint als Subjekt, die eigenständig fühlt und bewusst handelt. Die Inszenierung von Thalheimer lädt ein, Wagner zu befragen und die Welt aus Sentas Sicht zu betrachten.