„Wagner passt immer“
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. Noch zweimal ist Michael Volle in der Titelpartie des verfluchten Seefahrers in Hamburg zu erleben: am 13. und 17. Januar im Großen Haus der Staatsoper. Im Interview erzählt der gefeierte Bariton von Reiz, Faszination und Herausforderungen großer Wagner-Rollen – und von den Kräften, die sie immer wieder, in stetig wechselnden Gast-Engagements möglich machen.
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Wie wird man wie Sie ein Wagner-Sänger mit ganzer Stimme, Leib und Seele? Denn wollte man weniger, so könnte man es vermutlich gleich ganz bleiben lassen, oder?
Wagner passt immer. [Lacht.] Aber zunächst war Wagner ganz weit weg. Es liegt natürlich in der eigenen Biografie und meine war: Württembergischer Pfarrerssohn. Bei mir gab’s nur Barock, sonst nichts – Bach, Händel, tschüss. Darüber bin ich wahnsinnig froh, denn eigentlich kann ich ohne Bach gar nichts, Bach steht über allem. Im Laufe der Zeit, mit Musikunterricht, Chören, Instrumentalensembles, Studium, hieß es: Bach, Mozart, Lortzing … Erst im Engagement, das erste war bei mir 1990 in Mannheim, ging‘s los: Ich weiß nicht, wann genau ich Wagner völlig hoffnungslos verfallen bin, aber spätestens mit Sachs, Wotan und Parsifal war’s um mich geschehen. Der Holländer kam erst spät dazu, aber er gehört natürlich auch dazu. Das war mein Weg zu Wagner.
Den Weg zum Gesang haben Sie vergleichsweise spät eingeschlagen …
Wir sind acht Kinder, vier von uns wurden Künstler – zwei Sänger ein Schauspieler, eine Querflötistin –, weil Musik immer da war. Ich stand vor der Entscheidung: Bratsche oder Gesang, hab‘ aber erst mit 25 angefangen zu studieren, mit 30 war ich an der Oper. Das alles hat seine gute Zeit gebraucht und war rückblickend genau so richtig.
Der fliegende Holländer, 1843 uraufgeführt, gilt als das Werk, mit dem Wagner zum charakteristischen Stil seiner Leitmotivik fand. Macht diese künstlerische „Frische“ für Sie eine besondere Qualität der Oper aus?
Holländer ist anders und ganz sicher auch sehr besonders in Wagners Schaffen. Schon allein quantitativ – hier geht es einfach zweieinhalb Stunden durch. Worauf ich mich jedesmal freue, ist die noch sehr deutlich spürbare Nähe zur deutschen Spieloper, zu Weber, Lortzing, … Das Duett mit Daland im Ersten Akt zum Beispiel ist so spielerisch und eigentlich sehr „un-wagnerisch“. Ich liebe das, es ist wunderschöne Musik!
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Nun besitzt Der fliegende Holländer noch eine besondere Spezialität der Romantik: Er ist tragisches Abenteuer und fesselnde Geistergeschichte durch und durch. Wagner schrieb ihn unter dem Eindruck einer aufregenden zweiwöchigen Schiffspassage. Unsere Inszenierung von Michael Thalheimer betitelte die Presse nach der Premiere im Oktober 2022 gar als Psychothriller. Als zur Unsterblichkeit verdammter Holländer um die erlösende Liebe Sentas zu ringen, das muss doch einen unbändigen Spaß machen …
[Lacht.] Natürlich ist die Geschichte an sich wahnsinnig spannend und dieses Dunkel-Dämonische, Ungreifbare, diese mystische Gestalt auf der einen und bedingungslose Hingabe auf der anderen Seite, voller Sehnsucht nach der Senta. In Thalheimers Inszenierung ist das Bühnenbild mit all den Fäden technisch sehr anspruchsvoll und akustisch nicht unproblematisch. Man darf ja nie vergessen, dass wir schauspielernde Sänger sind und die Musik immer sehr, sehr viel Bedeutung haben muss. Aber wenn ich etwas mache, dann mache ich es mit Haut und Haaren. Und die Musik ist unfassbar stark, in allen Beziehungen: Erik/Senta, Daland/Senta, Holländer/Senta.
Am 13. und 17. Januar sind Sie noch einmal in ebendieser Titelpartie des Holländers auf der Bühne im Großen Haus der Staatsoper zu erleben – für nur zwei Vorstellungen! Das ist heute in Ihrem Berufsalltag als weltweit gefragter Bariton keine Seltenheit. Was gefällt Ihnen daran, Gast zu sein?
Ich war 21 Jahre lang fest engagiert und möchte kein Jahr missen. Aber 2011 war der Zeitpunkt erreicht, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Ich reise gerne und arbeite gern mit vielen verschiedenen Menschen. Und natürlich genieße ich das große Privileg, aussuchen zu können, wo und auf welchem Niveau ich singen will. Und so mache ich das, worauf ich Lust habe. Ich bin gern in Hamburg, und wenn‘s nur für zwei Vorstellungen ist.
Wie aber schaffen Sie es, innerhalb weniger Tage scheinbar mühelos Teil einer bestehenden Inszenierung zu werden? Bleibt das nicht jedesmal eine kleine Herausforderung?
Der Kraftakt der Bewältigung ist immer da. Klar, nach 36 Jahren steckt die Rolle des Holländer zum Beispiel, die ich sehr, sehr oft gesungen habe, gut im Körper und in den Muskeln. Zum anderen kommt erleichternd hinzu, dass man über ein Maß an Routine und Erfahrung verfügt; ich weiß, was ich in die Waagschale werfen muss, um so nah wie möglich an die Produktion zu kommen und mich zu verbinden mit den Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich das nicht könnte und wenn ich es nicht lieben würde, dann wäre ich nicht immer noch mit Leib und Seele dabei.
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Das Sängerische ist nur das Eine, die Inszenierungen, Bühnenbilder, Kollegen verändern sich. Vor drei Wochen sangen Sie noch eine ganz andere Partie und in einem Monat wird sich wieder alles verändern …
Das sind Zustände, die abrufbar sind. Wenn ich jetzt anfangen müsste, zum Beispiel die Winterreise zu singen, dann wüsste ich sofort – zack! –, das ist die und die Befindlichkeit, sind die und die Noten, ist die und die Strecke, die ich bewältigen muss. Natürlich habe ich die unterschiedlichsten Arten von Holländer-Inszenierungen gemacht. Dennoch stellt sich sofort eine gewisse Atmosphäre und Stimmung ein, geprägt von der düsteren Musik [singt]: „Die Frist ist um …“ Stehst du dann wieder auf der Bühne – das macht für mich immer noch die Faszination aus –, lebst du es im Moment: mit allen Informationen, die du dir wieder aneignest, auffrischst oder neu bekommst. Um dann ein möglichst überzeugendes Rollenporträt abzugeben.
Sie sagten eben, die Rolle stecke in den Muskeln. Inwiefern sprechen wir denn beim Holländer buchstäblich von einem Kraft-Akt?
Kraft ja, aber nicht im Sinne von Power oder „Reinhauen“. Was den Auftrittsmonolog so unglaublich spannend und herausfordernd macht: Auf den kraftvollen ersten Teil folgt ein Mittelteil wie ein Schubert-Lied – ähnlich aufgebaut wie bei Wotans Abschied in der Walküre –, in dem man zwar so spannungsvoll wie möglich singen muss, es ist aber nichts Lautes, sondern etwas ganz Verhaltenes, Geheimnisvolles. Um dann im dritten Teil der Arie wieder loszudonnern. Aber: Das ist erst der Anfang der Oper! Du hast danach das lange, kräftezehrende Duett mit Daland und dann vor allem – und das ist für mich die Kernzelle vom Holländer – das riesige Duett mit der Senta im Zweiten Akt, das sängerisch hochanspruchsvoll ist. Der Dritte Akt ist kurz, aber heftig. – Ich bin froh, dass ich die Partie bereits so oft gesungen habe, denn auch das speichert man irgendwann: Wie man sie ökonomisch einteilt. Es wird wieder eine Herausforderung, aber ich freu mich drauf!
Also ist „Kräfte-Sparen“ das noch wichtigere Wagner-Stichwort …
Ja, so einen Wotan oder Sachs, was nun wirklich der Gipfel von allem ist, das muss man wirklich in jede Faser seines Körpers und seiner Stimmbänder kriegen, damit man’s überlebt. Und wenn man mal so einen Wagner gestemmt hat, dann erschreckt einen eine lange, große Mozart-Partie nicht mehr, dann wird es immer leichter, und das ist ein schönes Gefühl.
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Wir haben in dieser Inszenierung nicht einmal ein Schiff, aber wir sind hier in Hamburg – was ist Ihre Beziehung zum Meer?
Ooh! So wie ich mit Barock groß geworden bin, weil mein Vater einfach nur Barock hören wollte, so wollte mein Vater auch immer nur in die Berge, das war seine große Liebe. Aber ich erinnere mich sehr gut an meine ersten Meer-Erfahrungen und die waren wahnsinnig schön. Ich lieb‘ beides, auch in seiner Unterschiedlichkeit. Die Weite des Meeres hat etwas Befreiendes, etwas Beruhigendes, man kann der Welt sehr gut entfliehen. Und dann seine Unberechenbarkeit: Es ist nicht nur schön, es ist auch bedrohlich. Es ist faszinierend in allen Formen.
Intendant Tobias Kratzer ist es ein großes Anliegen, auch neue Zielgruppen, jüngeres Publikum anzusprechen. Wie erleben Sie das? Finden Sie diesen Gedanken realistisch?
Das ist ein Thema, das mich seit 36 Jahren beschäftigt: Kann Oper überleben? Das hört sich jetzt ganz kitschig an, aber: Ich vertraue auf die Kraft und Faszination der Musik und auch der Oper. Das heißt nicht, dass es leicht wird: Natürlich muss man wachsam sein und versuchen, Konzepte zu entwickeln, um das Sujet interessant zu halten oder neu zu beleben. Künstlerische Freiheit ist unendlich, aber man darf nicht das Vertrauen in die Stücke verlieren. Wieso überleben Da-Ponte-Opern? Wieso fasziniert, trotz all der Kritik, die man einem Richard Wagner entgegenbringen kann, ein Ring, ein Parsifal oder auch ein Holländer immer noch? Ich bin kein Kopfmensch, mich muss es packen: durchs Herz und durch den Bauch. So wurde ich gepackt, und so lassen sich tagtäglich in Hamburg, in Berlin und überall Menschen für eine gewisse Zeit entführen. Das ist unser Auftrag und ich hoffe, dass es so bleibt.
Das Gespräch mit Michael Volle führte Teresa Grenzmann am 22. Dezember 2025.