Das klügste Spektakel der Welt

von Tobias Kratzer

Hochverehrtes Publikum,
liebe Noch-nicht-Zuschauer:innen,
liebe Immer-mal-wieder-aber-gerne-auch-öfter-Besucher:innen,

in Hamburg geht man wieder in die Oper! Die Neugier und Begeisterung, mit denen Sie unseren Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber, mein Team und mich vergangene Saison in der Stadt willkommen geheißen haben, hat uns gefreut und sehr glücklich gemacht.

In der Spielzeit 2026/27 möchten wir diese Freude und dieses Glück an jedem Abend an Sie zurückgeben.

Dass wir – aufgrund der Sanierung unseres Orchestergrabens – am Ende der Spielzeit für einige Wochen in eine spektakuläre Außenspielstätte, die Zeltlandschaft der Kuppel Hamburg, ziehen werden, nehmen wir zum Anlass für ein nicht minder spektakuläres Programm:

Schon in unserem Stammhaus an der Dammtorstraße wollen wir mit Ihnen erkunden, wie sich in der Oper – wie in keinem anderen Medium, das die Menschheit erfunden hat – Zirzensik und Tiefsinn, das große Spektakel und die existentielle Reflexion begegnen. Und das auf eine hochemotionale Weise.

„Jedes genau getroffene hohe C“, schrieb der Dichter W. H. Auden, „ist ein Einspruch des Menschen gegen den Verdacht, nur eine willfährige Marionette des Schicksals zu sein.“

Es ist ein Beweis, den die Oper jeden Abend aufs Neue antritt.

Seien Sie dabei!

Tobias Kratzer
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Charlotte Schreiber
Tobias Kratzer, Intendant Staatsoper
Zwei Neuproduktionen von Klassikern der Opernliteratur eröffnen und beschließen die Saison im Großen Haus:

Giuseppe Verdis Macbeth wird unter dem Dirigat von Tomáš Hanus und in meiner Inszenierung ein Ensemble großer Stars versammeln, Nino Machaidze und Tomasz Konieczny sowie Simon Keenlyside. Die Produktion hinterfragt mit Shakespeare und Verdi den humanistischen Anspruch Audens: Für Macbeth und Lady Macbeth wird nicht das hohe C, sondern der Mord zur ultimativen Selbstbehauptung des Menschen gegen die Mächte des Schicksals. Eine erschreckende Einsicht, die ins schwarze Herz der Gegenwart führt.

Und mit Tschaikowskys Eugen Onegin bringt Omer Meir Wellber, zusammen mit dem Regisseur Bastian Kraft, eines seiner Lieblingsstücke auf die Bühne der Staatsoper. Elena Tsallagova und Andrei Bondarenko formen den emotionalen Kern einer Erzählung, in der sich die Gewissheiten von Liebe und Begehren im unaufhaltsamen Verlauf der Zeit mehr und mehr aufzulösen beginnen.

Beide Werke markieren Eck- und Extrempunkte einer Opernkunst, in der Virtuosität – im Sinne Audens – nie Selbstzweck und der Gesang gleichsam lebensnotwendiges Medium ist.

Drei BESONDERE EREIGNISSE gliedern in diesem Geiste die Spielzeit:

Im Herbst 2026 wollen wir im Rahmen des dreitägigen Festivals OPERA AND ANIMATION (dessen Aufführungen danach auch im Repertoire zu sehen sein werden) erkunden, wo Musik und Graphic Novel, Bilderzählung und Artistik, Oper und Bildende Kunst einander berühren und begegnen. Ein Klassiker des Genres, der Doppelabend Petruschka & L’Entfant et les Sortilèges des britischen Kollektivs 1927, wird gerahmt einerseits von Henry Purcells Dido and Aenaes, live animiert in der opera stabile. Mit dieser Aufführung hält endlich die Barockoper wieder Einzug in der Staatsoper Hamburg. Andererseits von einer Wiederentdeckung der parsifalesken Märchenoper Dornröschen von Engelbert Humperdinck, die der Bayreuth-erfahrene Dirigent Markus Poschner und die Regisseurin Anna Bergmann in eine Erkundung fantastischer Klang- und Bildwelten verwandeln.

Im Januar 2027 führt ein WOCHENENDE DES POLITISCHEN MUSIKTHEATERS zwei Premieren zusammen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten: Gioachino Rossinis Guillaume Tell, den die große Dirigentin Susanne Mälkki in Starbesetzung mit Lisette Oropesa und Lawrence Brownlee realisiert, ist eine belcanteske Grand Opéra, Hans Werner Henzes El Cimarrón eine intime Kammeroper über das Schicksal eines entlaufenen kubanischen versklavten Menschen. Die Inszenierung des jungen Regisseurs Matthias Piro wird erkunden, wie sich eine solche Inkunable des politischen Musiktheaters von 1969/70 in der Gegenwart behauptet. Und ich selbst versuche als Regisseur des Guillaume Tell, den wir in Koproduktion mit der Opéra national de Paris herausbringen, erlebbar zu machen, warum ich dieses Werk aus dem Jahre 1829, das den barbarischen Angriff von Rohheit und Unvernunft auf eine sich zivilisiert dünkende Welt in all seinen Konsequenzen zeigt, für das Stück zur gegenwärtigen Weltlage halte.

Im Frühjahr 2027 hat schließlich in der Kuppel Hamburg das „große Opernspektakel“ Störtebeker seine Weltpremiere. Ich habe den Komponisten Gordon Kampe und den Librettisten und Regisseur Martin G. Berger gebeten, Hamburger Theatergeschichte weiterzuschreiben und aus dem mehr als 300 Jahre alten Libretto einer in Hamburg uraufgeführten Störtebeker-Oper des Barockkomponisten Reinhard Keiser, deren Musik verschollen ist, eine moderne Familienoper zu entwickeln. Das Ergebnis ist ein komplett eigenständiges Genre für alle Altersklassen, das nicht nur den legendären Piraten, sondern auch die Musiktradition Hamburgs in unsere Gegenwart bringt. Eine unterhaltsame und hochtheatrale Uraufführung.

Schließlich setzen wir mit dem Abend Studio Liebermann in der opera stabile unsere Reihe zu den eigenschöpferischen Generalmusikdirektoren und Intendanten der Hamburgischen Staatsoper fort: Der Regisseur David Hermann widmet sich Musik und Persönlichkeit der legendären Künstlerpersönlichkeit Rolf Liebermann – auch er Verfechter eines Musiktheaters, in dem sinnliches Vergnügen und ein konsequenter Gegenwartsbezug auf epochenmachende Weise zusammenkamen.

In diesem Sinne: Hereinspaziert! Und: Willkommen in der Oper! 
Dem klügsten Spektakel der Welt.

Ihr
Tobias Kratzer