ENTSTEHUNG
1838 bis 1844
URAUFFÜHRUNG
13. März 1845 in Leipzig
ORCHESTERBESETZUNG
zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauken, Streicher
DAUER
ca. 25 Minuten
Violinkonzert e-Moll op. 64
I. Allegro molto appassionato
II. „Geistersatz“ op. 98
(Überschreibung von Richard Dubugnon, UA)
III. Allegro molto vivace
Symphonie Nr. 1 D-Dur „Titan“
Es beginnt mit einer betörend schönen Melodie: Der Klang der Solovioline schwebt über dem Orchester und zieht die Zuhörenden in eine Welt, die Mendelssohn (1809-1847) sieben Jahre lang im Kopf getragen hatte.
Als 13-Jähriger hatte er bereits ein erstes Violinkonzert geschrieben – und es als Jugendwerk verworfen. 1838 kündigte er dem Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, dessen Leitung er damals innehatte, einen neuen Anlauf an. Ein Jahr später hakte Ferdinand David ungeduldig nach: „Erbarme Du Dich doch und schreibe ein Violinconcert … Du bist der rechte Mann dazu, Dich kostet es 14 Tage und Du erntest eine ewige Dankbarkeit.“ Mendelssohn konterte mit Humor: „Aber leicht ist die Aufgabe freilich nicht; brillant willst Du’s haben, und wie fängt unser eins das an? Das ganze erste Solo soll aus dem hohen e bestehen.“ Bis zur Uraufführung sollten noch sechs Jahre vergehen. Sein Ziel: „ein Konzert …, dass sich die Engel im Himmel freuen.“ Wie die Violinklänge im Himmel aufgenommen wurden – wer weiß? Die „ewige Dankbarkeit“ von Virtuosen wie Publikum ist ihm – so die Prognose nach 181 Jahren – tatsächlich gewiss. Das Stück zählt bis heute zu den meistaufgeführten Violinkonzerten der Welt.
Die zarte Violinkantilene des Anfangs entfacht eine aufwallende Dramatik. Impuls und Energie gehen vom Soloinstrument aus, das in hoher Lage eine räumliche Distanz zu den tiefliegenden Streichern des Orchesters zu suchen scheint. Es ist der Geige vorbehalten, das Thema vorzustellen und zu etablieren, das Orchester folgt. Mit diesem Beginn schafft Mendelssohn eine der prägenden formalen Innovationen der Gattung. Kurz darauf die nächste: Die Kadenz, traditionell am Satzende, taucht bereits vor der Reprise auf und bereitet den Weg für die dritte Neuerung – den nahtlosen Übergang aller drei Sätze ineinander.
Der langsame zweite Satz als Bindeglied des Konzertes wird im heutigen ZeitSpiel zum „Geistersatz“, komponiert von Richard Dubugnon. Seine Neuschöpfung knüpft an Mendelssohns Energie an – gefiltert, so Dubugnon, „durch die Leinwand des Jenseits“. Der dritte Satz schließt attacca an und löst ein, was Mendelssohn prophezeite: das viergestrichene e in höchster Lage, strahlend und unweigerlich.
Konzerterlebnisse laden zum Zuhören ein, zum Hineinfühlen, Erinnern, Sehnen und Wünschen – wie ergeht es Ihnen mit der ersten Sinfonie von Gustav Mahler?
Die erste Sinfonie gilt vielen Komponist:innen als Herausforderung, beinahe als Bürde – Beethovens Erbe lässt grüßen. Nicht so den Tonsetzern dieses Konzerts: Mendelssohn schrieb seine Erste mit gerade einmal 15 Jahren, nannte sie aber später selbst „kindisch“ und bat Freunde, Aufführungen nach Möglichkeit zu verhindern. Mahler hingegen zweifelt weder vorher noch nachher – er ändert zwar Bezeichnung, Programm und Satzanzahl seiner Ersten, aber er ist unmittelbar vom Fluss überzeugt: „Es ist so übermächtig geworden – wie es aus mir wie ein Bergstrom hinausfuhr!“
Kennen Sie dieses Gefühl, dass etwas aus Ihnen „hinaus will“ – ungeachtet aller Zweifel?
1889 brachte Mahler seine Erste als Direktor der Königlichen Oper in Budapest zur Uraufführung – noch nicht als „Sinfonie“, sondern als „Symphonische Dichtung in zwei Teilen“. Vier Jahre später, nun als erster Kapellmeister am Hamburger Stadttheater, legte er eine überarbeitete Fassung vor: jetzt mit dem Titel „Titan. Eine Tondichtung in Symphonieform“, einem erläuternden Programm für jeden der fünf Sätze und dem Versuch, seinem Publikum, das er inzwischen kannte, entgegenzukommen. Zwischen Budapest und Hamburg hatte sich nicht nur Mahlers Karriere entwickelt – auch das Werk selbst war ein anderes geworden.
Wie gehen Sie mit Veränderungen um? Fällt es Ihnen leicht, etwas Bestehendes loszulassen, um Neues zu formen?
Vor der Drucklegung zog Mahler den Titel zurück, strich den zweiten Satz („Blumine“) und tilgte alle Programmerläuterungen. Die Musik sollte für sich sprechen. Den Grund für das zwischenzeitliche Programm hatte er selbst benannt: „Der Mensch muss eben an etwas Bekanntes anknüpfen, sonst verliert er sich.“ Als Wegweiser gedacht, nicht als Deutung – und irgendwann nicht mehr nötig. Hinter dieser Entscheidung steckt ein grundsätzlicher Zwiespalt: einerseits die Sinfonie in der Tradition der Wiener Klassik, andererseits die erzählerische Freiheit der von Franz Liszt geprägten Sinfonischen Dichtung. Mahler bewegte sich auf einem schmalen Grat zwischen beiden.
Schätzen Sie beim Hören von Musik Erklärungen und programmatische Hinweise – oder bevorzugen Sie die unmittelbare, freie Erfahrung?
Hinter dem Titel „Titan“ steckt Jean Pauls Roman über einen Helden zwischen Lebensrausch und Selbstzerstörung – einen, den Paul selbst eigentlich „Anti-Titan“ nennen wollte, weil darin „jeder Himmelsstürmer seine Hölle“ finde. Mahler kannte dieses Gefühl aus eigener Erfahrung: „Die höchste Glut der freudigsten Lebenskraft und die verzehrendste Todessehnsucht: beide thronen abwechselnd in meinem Herzen.“ Und weiter: „Ich fürchte nur, dass mich im Sturme einst eine Klippe zerschellt – meinen Kiel hat sie schon oft berührt!“ Kein aufgesetztes Programm also, sondern ein zutiefst persönliches.
Kennen Sie solche Gegensätze in Ihrem eigenen Erleben – zwischen überschäumender Energie und dem Zug in die Tiefe?
Das musikalische Material der Sinfonie stammt zu wesentlichen Teilen aus Mahlers intensiver Beschäftigung mit der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim, die Mahler in den Liedern eines fahrenden Gesellen verarbeitete und daraufhin in seine Symphonie einfließen ließ. Der erste Satz wächst aus dem Lied „Ging heut’ morgen über’s Feld“, das Scherzo zitiert „Hans und Grethe“. Die Verbindung der Gattungen Lied und Sinfonie bedeutete bei Mahler stets eine Verschmelzung von naiv Volkstümlichem mit komplexer Harmonik – Einfachheit und Tiefe im selben Atemzug.
Wo begegnen Ihnen im Alltag solche überraschenden Verbindungen zwischen Einfachheit und Tiefe?
Im dritten Satz zitiert Mahler ein weiteres Mal aus den Liedern eines fahrenden Gesellen, nun „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“, dem er den bekannten Kanon „Bruder Jakob“ in ironischer Brechung gegenüberstellt. Aus der simplen Kanon-Melodie, die Mahler schon im Kindesalter als „tief tragisch“ empfand, entwickelt er einen bizarren Trauermarsch in Moll: bekannt und doch vollkommen fremd.
Haben Sie schon einmal erlebt, dass sich etwas Vertrautes plötzlich ins Gegen-teil verkehrt hat?
Vom leisen Erwachen der Natur in der Einleitung – fragmentierte Naturlaute, die dem Werden der Natur, des Menschen, der Musik nachspüren – bis zum existen ziellen Aufschrei des Finales spannt die Sinfonie einen weiten Bogen. Mahler selbst nannte es „den plötzlichen Ausbruch der Verzweiflung eines im Tiefsten verwundeten Herzens“. Der ursprüngliche Titel des letzten Satzes lautete „Dall Inferno al Paradiso“: Von der Hölle in den Himmel. Der Weg durch die Sinfonie ist also auch ein innerer Weg.
Welche Wege oder Entwicklungen prägen Ihr Leben gerade? Gibt es einen inneren „Bergstrom“, der Sie antreibt?
Der Musikwissenschaftler Paul Bekker – der 1919 den Begriff „Neue Musik“ prägte und damit Weg bereiter für Mahler, Anton Webern und ihre Zeitgenossen war – bezeichnete Mahlers Erste als „Erstlings-, aber kein Anfangswerk“: voller unverwechselbarer Mahlerscher Eigenheiten, die besondere Verbindung von Lied und Sinfonie, die Zusammenführung unterschiedlicher musikalischer Idiome, die Suche nach Extremen. Ganz bei sich selbst, von Anfang an.
Glauben Sie, dass ein Anfang immer schon das Ganze in sich trägt?