„Wir müssen Wagner zum Funkeln bringen!“

TRISTAN UND ISOLDE. Wenn Allison Oakes und Samuel Sakker vom 7. Juni an in den Partien des tragischen Paares an der Staatsoper zu Gast sind, wird Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber am Dirigentenpult stehen: eine energiegeladene Konstellation, in der die Drei bereits 2024 in Palermo zusammengearbeitet haben. In Hamburg interpretieren sie gemeinsam Ruth Berghaus‘ legendäre Inszenierung von 1988. Ein Gespräch über das Transzendentale und das Bahnbrechende der Oper, über einen Probenprozess zwischen Bewahren und Fortschreiten, über eine Inszenierung, die zum Weiterdenken anregt und einen Wagner, der so lebendig ist wie Jazz und so zeitlos wie ein Lippenstift von Dior.

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Edmond Choo, Fiona MacPherson
Samuel Sakker und Allison Oakes.

Sie kommen gerade aus den Proben: Tristan und Isolde, 3. Akt – der berühmte „Liebestod“. Wie fühlt es sich an, miteinander zu sterben?

Samuel Sakker (SS): Es ist ein wahrer Luxus, im Boot zu sitzen und einfach Allisons wunderschönem Gesang zu lauschen, wenn ich schon tot bin. [Lacht.]

Allison Oakes (AO): Wir sitzen beide in einem Boot, und ich rudere und singe „mild und leise“. Aber in dieser Inszenierung wird Isolde nicht als sterbend dargestellt. Es gibt also kein Wiedersehen im Tod.

SS: Ja. Der „Liebestod“ wurde erst von Franz Liszt so benannt, als er eine Hommage für Klavier solo komponierte. Wagner nannte ihn ursprünglich „Isoldes Verklärung“. Es geht dabei um mehr als nur Leben und Tod, es ist eher eine Art kosmische Zusammengehörigkeit, etwas Spirituelles und Philosophisches, das über ein bloßes Ende hinausgeht.

Vor exakt zwei Jahren, im Mai 2024, haben Sie schon einmal Tristan und Isolde miteinander gesungen – ebenfalls unter der Musikalischen Leitung von Omer Meir Wellber: am Teatro Massimo in Palermo. Was nehmen Sie daraus mit in die Hamburger Inszenierung?

SS: Es ist eine neue Inszenierung und eine neue Herangehensweise an die Darstellung der Rollen. Aber es war wunderbar, mit Ally in Palermo zusammenzuarbeiten, und was wir einbringen, ist unsere ganz besondere Beziehung auf der Bühne, das Vertrauen und die Art und Weise, wie sich unsere Stimmen miteinander vermischen. Wir sind beide andere Menschen als noch vor zwei Jahren, und wir bringen beide neue Erfahrungen mit für die neue Interpretation, die wir gemeinsam gestalten.

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Rüdiger Backmann
Ruth Berghaus' Inszenierung bei den Endproben 1988.

Die Hamburger Inszenierung von Ruth Berghaus feierte am 13. März 1988 Premiere, seit 38 Jahren ist sie am Haus zu sehen. Auch die Bühne von Hans-Dieter Schaal und die Kostüme von Marie-Luise Strandt rufen laut: Avantgarde! Was macht für Sie ihren Reiz aus?

SS: Es ist eine so vielschichtige Interpretation. Und es gibt so viele bedeutungsvolle Bilder und Anspielungen.

AO: Es ist auch sehr schnell, und ich bin auf der Bühne viel in Bewegung – vielleicht so viel wie noch nie zuvor in einer Rolle. Ich denke, das liegt am Tempo des Wandels, und genau so ist unser Leben heute auch: Alles verändert sich so schnell und niemand hat mehr Zeit für irgendwas. Die Menschen gehen aneinander vorbei, weil sie keine Zeit haben anzuhalten und einander anzusehen, sich kennenzulernen und sich wirklich als Menschen weiterzuentwickeln. Genau das passiert auch in dieser Oper: Wir gehen oft aneinander vorbei, wir verbinden uns nur sehr selten auf emotionaler Ebene.

SS: In dieser Oper dreht sich alles um große Gefühle, große Ideen, Transzendenz und Verwandlung. Wissen Sie, wir leben in einer Welt, in der alles so unmittelbar und digital ist, und dann gibt es da diesen Begriff der „Sehnsucht“, und man lauscht dieser fast tantrischen Musik [lächelt]: diesen lang anhaltenden Gedanken, diesen lang anhaltenden Gefühlen. Und das bringt einen wirklich dazu, sich selbst auf eine Weise zu erkunden, wie es uns in unserer modernen Welt meiner Meinung nach nicht mehr möglich ist.

AO: Da ist auch der Wunsch, dass das Publikum nach dem Ende der Oper den Saal verlässt und die Geschichte selbst weiterdenkt, in sich geht und herausfindet, was das für ihn oder sie bedeutet. Diese Inszenierung lässt definitiv Fragen offen, damit die Leute interpretieren und sich mit sich selbst auseinandersetzen können.

SS: Auch die Art von Liebe, die hier dargestellt wird: Sie ist nicht wie in La Bohème oder Romeo und Julia. Es ist eine sehr gedankenbasierte Vorstellung von Liebe. Eher eine philosophische Liebe als eine impulsive. Es gibt so viele Ebenen, die man in das Stück hineininterpretieren kann, ganz gleich, ob sie dort überhaupt beabsichtigt sind. Und ich denke, das spiegelt sich in dieser Inszenierung wider: Es gibt einige Dinge, die recht traditionell und dann wieder einige, die völlig ausgefallen sind.

„Diese Inszenierung lässt definitiv Fragen offen, damit die Leute interpretieren und sich mit sich selbst auseinandersetzen können.“
Allison Oakes

Ruth Berghaus war eine der prägendsten Regisseurinnen und Intendantinnen des vergangenen Jahrhunderts. Geht man mit solch einer Inszenierung behutsamer um, ehrfürchtig sogar, milder auch in der Kritik?

AO: Unsere Spielleiterin Petra Müller war eine Schülerin von Ruth. Sie versucht, die Inszenierung ungemein authentisch und originalgetreu zu halten. Zugleich versteht sie, dass jede Besetzung ihre eigene Individualität mitbringt und dass auch den neuen Künstlern Raum gegeben werden muss, um sich zu entfalten. Ruth Berghaus entwickelte die Inszenierung ja gemeinsam mit ihren Sängern. Diese Möglichkeit hatten wir nicht. Deshalb versuchen wir, dieselbe Entwicklung zu durchlaufen, bringen aber andere Dinge mit ein – das ist wichtig.

Wenn man ein wenig um die Welt gereist ist, konnte man Sie, Sam, in den letzten Jahren als Parsifal, Tannhäuser, Lohengrin, Erik und Siegmund sehen. Und als Tristan in fünf europäischen Opernhäusern. Was reizt Sie daran, sich dieser Rolle immer wieder von neuem zu nähern?

SS: Es ist so etwas wie die Rolle deines Lebens: Jedesmal, wenn du sie gibst, entdeckst du eine neue Facette und einen neuen Teil von dir selbst. Etwas passiert in deinem Leben, und plötzlich gewinnen einige der Worte, die du beim letzten Mal vielleicht einfach nur rezitiert hast, eine emotionale Tiefe, die du diesmal unbedingt intonieren möchtest.

„Ich liebe es, diese Rolle zu singen, und ich liebe es, so viel Schönheit wie möglich darin zu finden.“
Samuel Sakker

Allison, Sie singen Senta, Elisabeth, Venus, Sieglinde, alle Ring-Brünnhilden, Isolde … und wir werden Sie im Oktober in der Inszenierung von Claus Guth in der Walküre als Brünnhilde wieder hier am Haus begrüßen, ebenfalls unter dem Dirigat von Omer Meir Wellber. Können Sie beide sich erinnern, wann der Wagner-Funke zum ersten Mal auf Sie übergesprungen ist?

AO: Ich hatte keinen Wagner-Funken. Mein Agent fragte mich, ob ich an einem Wagner-Wettbewerb teilnehmen wolle. Also lernte ich einige Arien und hatte tatsächlich das große Glück, den Wettbewerb zu gewinnen. Meine erste Rolle war die Elsa, und dann kam ganz schnell Bayreuth, und schon ist man drin. Es ist wie ein Spinnennetz. [Lacht.]

SS: Wenn man Italiener ist, singt man italienisches Repertoire, wenn man Deutscher ist, singt man deutsches Repertoire, wenn man Russe ist, singt man russisches Repertoire. Ich komme aus Australien, daher gab es keine Schublade, in die man mich stecken konnte. Ich habe oft den Erik in Der fliegende Holländer gesungen. Aber tatsächlich war es Tristan, der mir viele Türen geöffnet hat. Der Heldentenor kam plötzlich und unerwartet am Ende der Corona-Zeit. Und weil durch Corona alles verlorengegangen war, fühlte ich weniger Druck, mich einer so schweren Rolle zu nähern, dem schwierigsten Wagner. Ich hatte zuvor bereits alles verloren, also konnte ich dies vollkommen angstfrei tun. Das Schwierige ist die Ausdauer, aber mein Körperbau und meine Stimme sind einfach Heldentenor. Tristan ist jetzt meine Familie, er ist schon so lange mit dabei.

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Brinkhoff/Mögenburg
Die Wiederaufnahme der Inszenierung 2005.

Also hat Ihnen Tristan nach der Pandemie sozusagen ein neues Leben geschenkt?

SS: Ja, denn wenn man einmal den Tristan gesungen hat, hat man die Rolle von Anfang bis Ende gemeistert – das kann einem niemand mehr nehmen. Und daraus kann man viel Kraft schöpfen. Ich liebe es, diese Rolle zu singen, und ich liebe es, so viel Schönheit wie möglich darin zu finden. Das ist mein absolutes Ziel, jedesmal, wenn ich sie singe.

Allison: Hat sich Ihre Sicht auf Isolde über die Jahre hinweg verändert?

AO: Für mich bleibt Isolde mehr oder weniger dieselbe Lady, die sie von Anfang an gewesen ist. Ich glaube, die Veränderung entsteht durch die Inszenierung, durch Unterschiede in der Musik, unterschiedliche Dirigenten …

Wie wird es unter dem Dirigat von Omer Meir Wellber sein?

SS: Als wir damals in Palermo etwas ausprobierten, erklärte er einmal: „Das ist wie Jazz!“ [Lacht.] Was bedeutet: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten innerhalb der bestehenden Struktur. Und das hält das Ganze wirklich frisch und lebendig.

„Ich glaube absolut, dass es unsere ‚Aufgabe‘ ist, Wagner auch frisch zu halten, immer wieder neue Ideen zu haben, um ihn mehr ins Heute zu bringen.“
Allison Oakes

Apropos Frische … Sie stehen für eine neue Generation von Wagner-Sängern – und damit für die Zukunft eines riesigen, aber vielleicht weniger „jungen“, weniger „frischen“ populären Opernrepertoires, verglichen etwa mit einer sehr beliebten La traviata. Würden Sie mir da zustimmen? Wie würden Sie es ausdrücken?

SS: Da bin ich anderer Meinung. Traviata und Bohème und Carmen und all diese großen Namen beleuchten bestimmte Aspekte der menschlichen Erfahrung. Und ich denke, genau wie diese Werke beleuchtet auch Tristan und Isolde einen anderen Aspekt dieser Erfahrung. In gewisser Weise mag es dichter und komplexer sein, aber es ist gleichzeitig auch sehr einfach. Kommt ganz darauf an, was man darin sehen will.

AO: Ich glaube, Wagner bietet dem Publikum mehr Möglichkeiten zur Selbstreflexion als etwa die Traviata oder die Bohème. Man geht hin, verbringt einen guten Abend, die Musik ist wunderschön, man geht wieder nach Hause, kennt die Geschichte, und das war’s. Wagner-Regisseur:innen suchen ebenso wie die Sänger:innen nach tieferen Dingen. Als Zuschauer:in braucht es etwas Zeit, sich in Wagner zu verlieben; man muss sich gewissermaßen erst hineinarbeiten. Wenn man dazu bereit ist, kann man sich auf eine überwältigende Reise durch erstaunliche Geschichten und Beziehungen machen. Ich glaube absolut, dass es unsere „Aufgabe“ ist – die der Sänger:innen, Regisseur:innen und der Theater im Allgemeinen –, Wagner auch frisch zu halten, immer wieder neue Ideen zu haben, um ihn mehr ins Heute zu bringen. Und genau das ist der Grund, warum es diese Inszenierung auch nach 38 Jahren noch gibt. Weil Ruth so vorausblickend war … Wir müssen Wagner zum Funkeln bringen! Er braucht ein paar Diamanten!

SS: Gerade in musikalischer Hinsicht: Dieses wahnsinnige Hinauszögern der Harmonien, dass sich der Akkord erst ganz, ganz zum Ende hin auflöst … Das ist eine echte Lebenserfahrung! Man muss Wagner vertrauen, man muss Omer vertrauen, man muss uns vertrauen, man muss dem Orchester vertrauen – darauf vertrauen, dass man mitgenommen wird auf diese Reise voller exquisiter Qual. [Beide lachen.]

AO: Das könnte ein Wagner-Text sein!

„Es gibt Vor Tristan und es gibt Nach Tristan – das lässt sich sogar für die gesamte Musik so sagen.“
Samuel Sakker

 

Ist das Ihre künstlerische Vision, wenn Sie versuchen, eine neue Generation von Zuschauer:innen anzusprechen, die wir hoffentlich für die Oper begeistern können?

SS: Wenn wir unseren Beruf lieben und versuchen, bei unserer Arbeit die reine Absicht zu bewahren, dann ist Tristan und Isolde meiner Meinung nach genau das, wonach die Menschen suchen. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Gesellschaft, und doch glaube ich, die Menschen suchen nach einem tieferen Sinn im Leben und nach höheren Idealen, nach einem langsameren Gegenpol zu dem, was sie im Alltag erleben. Und hier bietet sich für viele dieser Menschen eine Gelegenheit, genau das zu entdecken.

AO: Wagner ist wie ein guter Dior-Lippenstift: Das Rot von Dior gibt es schon seit vielen Jahren. Und sie bleiben dabei, denn da sind zwar viele Rottöne, aber da ist DAS Dior-Rot. Und das wird nie aus der Mode kommen, es ist einfach zu gut.

SS: Es gibt Vor Tristan und es gibt Nach Tristan – das lässt sich sogar für die gesamte Musik so sagen. Denn dieses Werk hatte weitreichende Auswirkungen auf alle möglichen Kunstformen. Und insbesondere für die Musik, beim Umgang mit Harmonien: Es gibt da bestimmte Klänge, die die Menschen vor Tristan noch nie gehört hatten – bestimmte Akkordfolgen, die das moderne Ohr dahingehend beeinflusst haben, welche Harmonien als angenehm empfunden werden.

Sollte man sich gründlich vorbereiten, bevor man eine Wagner-Oper besucht?

SS: Man kann Wagner auf vielen unterschiedlichen Levels erleben. Man kann intensivst Hausaufgaben machen und ein umfangreiches Wissen und Verständnis besitzen. Aber letztendlich sitzt man auf seinem Platz und erlebt den Moment. Und das geht auch ohne Vorbereitung: Man kann diesen Ozean aus Klängen dennoch genießen. Man kann das Meer genießen, ohne tauchen zu können. Man kann wissen, dass es tief ist und es dort spannende Dinge gibt. Aber man muss nicht tauchen lernen, um zu genießen, dass es da ist.

 

Das Gespräch mit Allison Oakes und Samuel Sakker führte Teresa Grenzmann am 28. Mai 2026.