„Eigentlich kommt er in Frieden“

Kaum eine Partie ist Klaus Florian Vogt so vertraut wie Richard Wagners Lohengrin. Und wenn vom 22. März an GMD Omer Meir Wellber im Großen Haus den Dirigentenstab hebt, hat der Startenor allein Peter Konwitschnys Hamburger Inszenierung bereits in drei unterschiedlichen musikalischen Handschriften erlebt. Ein Gespräch über die friedliche Mission eines außerirdischen Schwanenritters, einen Wagner-Kosmos, der niemals endet und eine Karriere, die auf Natürlichkeit und Teamwork baut.

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Harald Hoffmann

Sie waren ursprünglich Hornist im Philharmonischen Staatsorchester. Wie kam es zu dem Gedanken, dem ein Gesangsstudium hinzuzufügen?

Bei uns zu Hause wurde viel Kammermusik gemacht. Einmal kam meine Frau, die damals noch Gesang studierte, auf mich zu und sagte: Lass uns doch mal aus Quatsch ein Duett singen! Also haben wir das „Katzenduett“ von Rossini dargeboten, und eine Aufnahme dieses Auftritts hat meine Schwiegermutter, die auch Sängerin war, gehört. Sie hat nicht etwa zu ihrer Tochter gesagt, das hast du aber schön gemacht, sondern: Dein Freund hat aber eine schöne Stimme! [Lacht.] So haben wir meine Stimme „entdeckt“, und ich habe diese Karriere parallel zu meinem Job als Hornist im Philharmonischen Staatsorchester weiterverfolgt.

Das Horn ist ja kein unwichtiges Wagner-Instrument – hatte schon mal jemand die Idee, Sie sowohl als Musiker als auch als Sänger auf die Bühne zu stellen?

Bei meinem Siegfried-Debüt 2023 haben wir so eine kleine Geschichte gebaut, dass ich einen Teil von dem Siegfriedsruf selber spiele. Wenn so etwas passt und gut gemacht ist, dann finde ich’s schön.

21 Jahre zuvor hat Sie ein Lohengrin schlagartig berühmt gemacht – 2002 in Erfurt?

Auf jeden Fall war das eine Initialzündung, ja. Das erste Mal eine so große Wagnerpartie zu singen! Dass das so aufgefallen ist in Erfurt, damit hätte ich gar nicht gerechnet. Ich war sehr dankbar dafür, weil ich mit dieser Partie von Anfang an unheimlich gut zurechtgekommen bin. Und auch die Rahmenbedingungen in Erfurt waren cool: Es war eine Ausweich-Spielstätte in einem Zirkuszelt, weil das Theater gerade renoviert wurde.

Dann 2006, wieder ein Lohengrin-Meilenstein: bei Ihrem US-Debüt in der Metropolitan Opera in New York. Und auch im Folgenden zog sich der Gralsritter weiter wie ein leuchtend roter Faden durch Ihre internationale Karriere …

Ja, New York war ein Meilenstein. Eine ganz besondere Inszenierung war aber auch die von Hans Neuenfels, 2015 in Bayreuth. Mit dieser Partie, die ich ja mittlerweile schon wirklich gut kannte, wodurch ich mit ihr spielen konnte, habe ich unheimlich viel von ihm lernen dürfen. Er hat mich einen ganzen Schritt weitergebracht: szenisch, emotional, auch mental – das war wirklich wichtig. Diese Inszenierung hab‘ ich sehr geliebt.

Was an Neuenfels‘ Arbeitsweise hat Ihnen so gefallen?

Die Inszenierung war nichts Verrücktes, er hat ja nicht das Stück umgedeutet. Aber er hat das Verhältnis zwischen Lohengrin und Elsa unheimlich toll erarbeitet, die Emotionszustände beim Abschied … Das hat er schon sehr intensiv gefordert, uns auch ermutigt, an Grenzen zu gehen, und das hat großen Spaß gemacht. Er war auch frech mit den Sängern, sehr direkt, aber freundschaftlich, nicht böse – ich bin damit sehr gut zurechtgekommen.

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Brinkhoff/Mögenburg
Klaus Florian Vogt als Tannhäuser 2022

Sympathisieren Sie mit Lohengrin, diesem überirdisch schillernden, tugendhaften Schwanenritter des Heiligen Grals?

Absolut. Es macht immer wieder ganz großen Spaß, den Lohengrin zu singen. Ich glaube, das liegt daran, dass er fast wie ein Außerirdischer daherkommt, so unberührbar und fremdartig. Und genauso fremdartig wirkt ja wahrscheinlich auch für den Lohengrin, wo er da landet. Es stellen sich so viele interessante Fragen: Wo kommt er her? Weiß er, warum er dort ist, hat er einen Auftrag erhalten? Wurde er vorher von jemandem eingewiesen und dann geschickt? Diese ganzen unbeantworteten Fragen. Der Reiz besteht darin, auf der einen Seite die unberührbare Figur zu sein, dann aber auch sehr menschlich zu werden und diese Menschlichkeit auch immer mehr zu etablieren. Ich finde, Lohengrin verändert sich sehr im Laufe des Stückes, und ich mag, dass er im Grunde eine gradlinige Figur ist, eine sehr ehrliche, auch friedliche Figur, denn eigentlich kommt er ja in Frieden.

Was ist seine Vision?

Ich glaube, seine Vision ist, das Umfeld, in das er kommt, zu heilen. Aber dadurch, dass er so vertrauensselig und offenherzig ist, scheitert das leider. Weil ihm nicht vertraut wird.

Was bedeutet dieses Scheitern? Was bedeutet dieser Schluss vielleicht auch heute, für uns?

Es fragt zwei Sachen. Auf der einen Seite: Wie weit muss man vertrauen? Und auf der anderen: Inwieweit kann man Vertrauen einfordern? Ist es nicht zu viel verlangt, absolutes Vertrauen einzufordern? Lohengrin führt ja nichts Böses im Schilde, allerdings dürfen keine Fragen gestellt werden, er erwartet, dass alles ihm überlassen wird. Aber das funktioniert halt nicht und das ist bitter, und deshalb ist auch dieser Schluss, dieses Weggehen so unglaublich tragisch.

Bei Katharina Wagners Bayreuth-Debüt 2007 waren Sie der Stolzing in ihren Meistersingern. In der Außenwahrnehmung ein riesiger Karriereschritt. Und aus der Innensicht? Was passiert während und nach so einem Bayreuth-Auftritt mit der Beziehung zu Wagner?

Da passiert viel, jedenfalls für mich. Ich kannte die Bayreuther Festspiele schon. Ich hatte früh Gelegenheit, als Angehöriger Proben zu besuchen, weil meine Schwiegereltern beide in Bayreuth beschäftigt waren: Mein Schwiegervater spielte über 30 Jahre dort im Orchester und meine Schwiegermutter sang viele Jahre lang im Festspielchor. Wenn ich im Sommer meine Freundin sehen wollte, musste ich nach Bayreuth fahren. Schon damals hat mich die Faszination für diese besondere Atmosphäre erfasst, und sie hat bis heute nicht nachgelassen. Dort auf der Bühne zu stehen, ist immer wieder etwas Unwirkliches. Ich bin unglaublich begeistert, ein Teil davon zu sein. Und im Grunde kommen ja alle, ob sie hinter der Bühne oder im Orchestergraben arbeiten, dorthin, weil sie diese Musik so lieben, so gerne Teil davon sind. Das spürt man zu jeder Zeit in Bayreuth, dadurch entsteht eine ganz wunderbare Stimmung und Dynamik.

Es ist schon faszinierend, dass Leute aus aller Welt nach Bayreuth pilgern, um in dieses Haus zu kommen, das ja für Wagners Musik gebaut wurde. Das merkt man dann auch, wenn man auf der Bühne steht und dieses Werk ja sozusagen in seiner Gesamtheit, zusammen mit dem Haus, betrachtet und erlebt.

Hat sich Ihr Wagner-Bild über das letzte Vierteljahrhundert hinweg gewandelt?

Ich habe diese ganzen Werke ja hier an der Staatsoper auch schon mit dem Orchester gespielt. Unter Gerd Albrecht gab es damals eine neue Ring-Einstudierung – das war natürlich toll, mich von Grund auf mit Wagner zu beschäftigen. Dann Parsifal, Lohengrin, Tannhäuser … das alles habe ich hier im Graben erlebt.

Meine Begeisterung für diese Werke ist eigentlich immer intensiver geworden. Das Tolle ist, dass man in dieser Musik und diesen Texten jedes Mal wieder neue Nuancen entdecken und dadurch auch im Ausdruck variieren und immer tiefer einsteigen kann. Es ist ein Kosmos, der nicht endet. Das macht es so schön und deshalb wiederhole ich auch sehr gern Stücke, wie den Lohengrin.

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Jörg Landsberg
Szene aus Konwitschnys Lohengrin 1998

Peter Konwitschnys Hamburger Lohengrin-Inszenierung von 1998 besticht durch Unmittelbarkeit. Sie schafft zeitgeschichtliche Parallelen und übersetzt die nationalistische Begeisterung der Handlung in die wilhelminische Begeisterung für den Nationalsozialismus kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Sie haben sich immer sehr lobend über diesen Ansatz geäußert.

Ja, Konwitschnys Ansatz holt das Mystische des Stückes auf den Boden zurück. Das ist eine Herangehensweise, die gut funktioniert. Für die Schulklasse auf der Bühne wirkt hingegen das, was passiert, wie ein Märchen. Die Verbindung dieser beiden Elemente macht großen Spaß. Allein mein Auftritt hat schon etwas sehr Märchenhaftes. Dann aber in dieses sehr, sehr bodenständige, natürliche, wilde Umfeld zu geraten und zu versuchen, sich darin zurechtzufinden, um am Schluss doch wieder ganz ins Märchen zurückzukehren, das finde ich sehr interessant.

Sie kennen diesen Lohengrin sehr, sehr gut. 2009 hat die damalige Intendantin Simone Young die Inszenierung wieder auf den Spielplan gesetzt, unter der Musikalischen Leitung von Karen Kamensek. 2019 dirigierte Generalmusikdirektor Kent Nagano und machte sie zur Chefsache. 2026 wird Generalmusikdirektor Omer Meier Wellber am Pult stehen. Eine Inszenierung, drei musikalische Handschriften.

Eine Herausforderung bleibt es trotzdem, jeden Abend aufs Neue. Denn genauso wie man szenisch und im Ausdruck neue Farben entdecken kann, ist die Bandbreite an musikalischen Möglichkeiten in Wagners Werken eben auch groß. Das hält das Werk ja frisch und lebendig. Es gibt Dirigenten, die machen den Lohengrin eher langsam und ruhig, dann gibt es Dirigenten, die machen es eher flott. Es ist immer wieder schön, sich darauf einzulassen und daraus für sich selbst auch Neues zu entdecken.

Es gibt Stars, die stellen sich selbst ins Rampenlicht. Und dann gibt es Stars, die stehen ganz natürlich darin. Die Oper ist ein hart umkämpftes Pflaster … Welche Eigenschaften haben Sie durch Ihre wunderbare Karriere begleitet?

Vor allem bin ich bei mir geblieben. Das ist das wichtigste. Ich hab‘ mich nie verbogen oder eine Partie nur deshalb gesungen, um etwas damit zu erreichen. Im Rampenlicht stehe ich ja sowieso. Und dieses Maß an Sichtbarkeit reicht mir, da muss ich mich nicht auch noch andauernd in den Vordergrund spielen. Ich bin von Natur aus ein totaler Teamplayer und möchte, dass alle auf der Bühne zur Geltung kommen. Ich sehe es als Teamwork: sowohl mit dem Orchester als auch mit dem Dirigenten als auch mit den Kollegen, mit all den vielen Leuten, die an so einer Opernaufführung beteiligt sind, auch in der Technik, Beleuchtung … man ist nur ein Teil von diesem Werk. Und ich bin froh und dankbar, dass ich mit dabei sein darf.

Auch Ihren langen Haaren sind Sie treu geblieben. Wie wichtig ist so ein „Image“?

Also deshalb habe ich’s nicht gemacht. [Lacht.] Aber zu den Partien passt es natürlich super. Und das ist eigentlich der Hauptgrund: Ich mag keine Perücken. So wird meist mein eigenes Haar genutzt und das macht es auch für mich viel natürlicher. [Lacht.]

 

Das Gespräch mit Klaus Florian Vogt führte Teresa Grenzmann am 11. März 2026.