Die Verletzlichkeit des Menschen
DER FREISCHÜTZ von Carl Maria von Weber. In Andreas Kriegenburgs Inszenierung der Romantischen Oper übernimmt Dovlet Nurgeldiyev vom 23. April an für vier Vorstellungen die Titelpartie des Max. Im Gespräch erzählt der in Turkmenistan geborene Tenor, der bereits seit 2008 an der Staatsoper zu Hause ist, von einer Produktion, die wache Präsenz, Präzision und Ehrlichkeit fordert, von einer komplexen Figur auf Identitätssuche und von einer berühmten Oper, die dafür steht, dass Menschen scheitern können, aber nicht daran zerbrechen müssen.
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Du warst in deiner Jugend Schlagzeuger. Wie kommt man vom Schlagzeug zum Gesang und vom Rock zur Oper?
Ja, das stimmt – ich war in meiner Jugend Schlagzeuger in einer Rockband in Turkmenistan. Doch eines Tages hörte ich im Radio den italienischen Tenor Giuseppe Di Stefano, und von da an war ich einfach verliebt in die Oper. So habe ich beschlossen, Opernsänger zu werden.
Dich verbindet eine lange Zeit mit der Staatsoper Hamburg: Du bist hier am Haus, seit du 2008 ins Internationale Opernstudio der Staatsoper aufgenommen wurdest.
Mich verbindet tatsächlich schon eine lange Zeit mit der Staatsoper, und ich bin sehr dankbar dafür. 2008 wurde ich in das Internationale Opernstudio aufgenommen – das war für mich ein ganz besonderer Moment. Das Opernstudio war für mich ein super Training! Dort konnte ich viel lernen, meine Stimme weiterentwickeln und wertvolle Bühnenerfahrung sammeln. Ich durfte mit großartigen Künstlern arbeiten und mich Schritt für Schritt auf meinen Beruf vorbereiten. Diese Zeit hat meinen Weg sehr geprägt.
Nun singst du den Max im Freischütz – eine komplexe Rolle. Früher Meisterschütze, jetzt eher ein Außenseiter. Was ist mit ihm? Steckt er im Burnout, weil der Leistungsdruck zu hoch ist? Wie liest du diese Rolle 200 Jahre nach ihrer Uraufführung?
Max gefällt mir besonders, weil er eine unglaublich vielschichtige Figur ist. Er ist hin- und hergerissen zwischen seinem früheren Ruhm als Meisterschütze und seiner jetzigen Unsicherheit. Für mich ist das weniger ein klassisches Burnout, sondern eher ein innerer Konflikt. Ich lese ihn als jemanden, der seine Identität neu finden muss, und genau das macht ihn so tiefgründig und zeitlos. Max ist nicht nur hin- und hergerissen zwischen Erfolg und Unsicherheit, sondern er liebt auch Agathe. Diese Liebe gibt ihm Hoffnung, aber sie bringt auch zusätzliche Zweifel mit sich. Dadurch wird seine Reise noch komplexer, denn seine Gefühle für Agathe sind zugleich ein Anker und eine große Herausforderung auf seinem Weg.
Ist das Grund genug, sich verführen und auf einen Pakt mit Samiel, der Teufelsfigur einzulassen? Wie übersetzt du die Beweggründe dafür ins Heute?
Für mich handelt Max nicht aus Bosheit, sondern aus Verzweiflung. Er steht unter großem Druck, hat Angst zu versagen und glaubt, keine andere Lösung mehr zu haben. Dazu kommt seine Liebe zu Agathe – er möchte sie nicht verlieren und den Erwartungen gerecht werden. Gerade das macht die Figur heute so verständlich: Auch heute geraten Menschen manchmal in Situationen, in denen sie aus Angst oder Erfolgsdruck falsche Entscheidungen treffen. Der Pakt mit Samiel ist für mich ein Symbol dafür, dass man aus Unsicherheit Abkürzungen sucht und dafür einen hohen Preis zahlt. Deshalb ist Max so aktuell: Er zeigt, wie verletzlich ein Mensch werden kann, wenn Angst stärker wird als Vertrauen.
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Andreas Kriegenburgs Wurzeln als Regisseur liegen im Schauspiel. Bei ihm wird Carl Maria von Webers Romantische Oper zum Psychothriller, changierend zwischen Action und Hochspannung, Schwung und Ironie, aber auch Ruhe und sensibler Emotion. Während Kostüme, Bühnenbild, Maske auf den Punkt gestaltet und stilisiert sind. Was macht das mit dir als Sänger und Darsteller? Fühlst du dich anders in so einem Setting, unter solch einer Regie?
Ja, auf jeden Fall. In so einem Setting fühlt man sich als Sänger und Darsteller anders gefordert. Alles ist sehr konzentriert, sehr genau und klar gestaltet – dadurch bekommt jede Bewegung, jeder Blick und jede Emotion eine besondere Bedeutung. Man kann sich nicht hinter großen Gesten verstecken, sondern muss sehr präzise und ehrlich spielen. Gerade das finde ich spannend. Die Mischung aus Psychothriller, Spannung, Ironie und stillen, sensiblen Momenten macht die Figur lebendig und modern. Als Darsteller muss man ständig wach und präsent sein. Unter einer solchen Regie arbeitet man oft viel tiefer an den inneren Motiven der Figur. Das hilft mir auch musikalisch, weil jede Phrase dann einen konkreten Gedanken oder ein Gefühl bekommt. Für mich ist das eine sehr inspirierende Arbeitsweise.
Hast du eine Lieblingsszene?
Ja, ich glaube, meine Lieblingsszene ist die Wolfsschlucht. Dort verdichtet sich alles: Angst, Spannung, innere Konflikte und die Entscheidung, die Max trifft. Musikalisch und dramatisch ist das ein unglaublich intensiver Moment. – Gleichzeitig mag ich auch die ruhigeren Szenen mit Agathe sehr, weil dort die verletzliche und liebende Seite von Max sichtbar wird. Gerade dieser Kontrast macht die Rolle für mich so spannend.
Was will uns der Schluss der Oper sagen? Die Liebe siegt, um jeden Preis?
Ich glaube, der Schluss der Oper will uns zeigen, dass Vergebung, Vertrauen und Menschlichkeit stärker sein können als Angst und Schuld. Es geht nicht einfach darum, dass die Liebe „um jeden Preis“ siegt, sondern darum, dass ein Mensch, der Fehler gemacht hat, eine zweite Chance bekommen kann. Max hat falsche Entscheidungen getroffen, aber er ist kein böser Mensch. Am Ende gibt es die Möglichkeit zur Veränderung und zur Reife. Auch die Liebe zwischen Max und Agathe bedeutet hier nicht nur Romantik, sondern Halt, Hoffnung und gegenseitiges Vertrauen. Gerade deshalb wirkt das Ende bis heute aktuell: Es erinnert uns daran, dass Menschen scheitern können – aber nicht daran zerbrechen müssen.
Wenn du heute zurückschaust auf deine Karriere: Gibt es Menschen, Opern, Inszenierungen, Magic Moments, die dich besonders und nachdrücklich geprägt haben?
Wenn ich heute auf meine Karriere zurückschaue, denke ich vor allem mit Dankbarkeit an viele Menschen, die mich begleitet und geprägt haben: meine Familie, Lehrer, Dirigenten, Regisseure, Kollegen und Freunde. Ohne solche Begegnungen ist dieser Beruf nicht möglich. Besonders geprägt haben mich natürlich wichtige Rollen und Produktionen, in denen ich mich künstlerisch weiterentwickeln konnte. Jede Oper und jede Inszenierung hinterlässt Spuren, weil man immer etwas Neues über Musik, über die Bühne und auch über sich selbst lernt. Und dann gibt es diese besonderen Momente, die man nie vergisst: der erste große Applaus, ein Abend, an dem alles zusammenpasst, oder ein Augenblick, in dem man spürt, dass das Publikum tief berührt ist. Solche Magic Moments sind es, die man ein Leben lang mit sich trägt.
Das Gespräch mit Dovlet Nurgeldiyev führte Teresa Grenzmann am 19. April 2026.