„Bleib dir selbst treu!“

PIQUE DAME. Nur noch bis 13. März ist Doris Soffel in Tschaikowskys romantischer Oper im Großen Haus zu erleben. Im Interview verrät die Mezzosopranistin, warum uns die düstere Partie der Gräfin eigentlich anrühren sollte, wie sie Moderne und Belcanto sehr wohl in sich vereinen konnte und was sie einer jungen Sängerin zum Start in die Karriere raten würde.

© ×
Boris Streubel

Wenn ich versuchen wollte, die Stationen Ihrer Laufbahn aufzuzählen, liebe Frau Soffel, fiele mir die Auswahl schwer. Würden Sie selbst Einzelnes herausheben, was Ihnen besonders wichtig war – oder ist es eher die Gesamtheit der schönen Bögen, die den Kreis Stück für Stück rund macht?

Innerhalb von mehr als 50 Jahren gibt es viele tolle Momente und sehr viele Länder weltweit, Festivals und Städte: sei es Salzburg, Bayreuth, Paris, Mailand, London, New York, Buenos Aires, etcetera etcetera … Aber manchmal geschehen in einer sogenannten Repertoirevorstellung an einem nicht so spektakulären Ort Magische Momente, die unvergesslich sind. Das ist das Schöne an diesem Beruf!

Was ist es für ein Gefühl, für die Partie der Gräfin in Pique Dame an die Staatsoper Hamburg zurückzukehren, an einen Ort, mit dem Sie über so viele Jahre hinweg verbunden sind?

Da ist dieses Gefühl von den Rollen in den 1980er-Jahren. Das ist sehr stark, denn ich war viel jünger und damit auch viel emotionaler, ich habe mich in die Proben gestürzt und alles war neu und frisch und aufregend. Mit dem gerade verstorbenen Helmuth Rilling habe ich in Hamburg 1983 ein sehr interessantes Werk von einem der Bach-Söhne gemacht: Johann Christian Bachs Amadis des Gaules, eine Wiederentdeckung. Der liebe Helmuth, mit dem ich auch Unmengen Bach-Kantaten aufgenommen hab, dirigierte damals, Marco Arturo Marelli führte die Regie und ich hatte eine ganz tolle Partie: Arcabonne, die Schwester des Ritters Amadis – ein bisschen wie Ortrud im Lohengrin. Das war mein Debüt an der Staatsoper Hamburg. Es folgten der Octavian im Rosenkavalier, Sesto in La Clemenza di Tito, Dorabella in Così fan tutte.

Das waren die Achtzigerjahre. Später haben Sie in Hamburg die Maddalena in Rigoletto gesungen, die Madame de Croissy in Les dialogues des Carmélites, die Erda in Wagners Rheingold und Siegfried. Und im vergangenen Oktober standen Sie hier als Herodias in Salome auf der Bühne …

Wenn man jetzt, nach einer langen Karriere, zurückkehrt, ist man natürlich ein bisschen cooler als Sängerin, aber emotional noch stärker beteiligt. Denn eigentlich ist es ja ein Wunder, das sagen alle, dass ich immer noch auf der Bühne herumspringe, Proben mache, auftrete und singe. Damen in meinem Alter haben sich oft schon längst zurückgezogen.

Was bewegt Sie dazu, weiterzumachen?

Es ist halt kein Beruf wie jeder andere. Ich liebe die Musik, ich liebe das Singen, ich pflege meine Stimme – das bin ich, das ist mein Ich! Ich bin also eine richtige Sängerin, ich sehe das nicht als Job, es ist meine Passion. Und ich bin auch neugierig: auf gute neue Regisseure, interessante Konzepte, Auseinandersetzungen, Dialoge, bei denen man gegenseitig etwas lernt, auch abseits einer klassischen Sichtweise, die man vor 30, 40 Jahren hatte. Das ist ja ein Work in progress. Auch mit Herrn Kratzer kam ich fantastisch aus; mit ihm habe ich Arabella in Berlin gemacht.

© ×
Thilo Beu
Szene aus PIQUE DAME

Apropos Tobias Kratzer: Wie offen sind Sie für Uraufführungen, wie wir sie gerade etwa mit Monster’s Paradise gefeiert haben?

Uraufführungen – von bedeutenden Komponisten wie Reimann (Troades), Penderecki (Ubu Rex) und Glanert (Oceane), bei denen mir Partien auf den Leib geschrieben wurden, waren immer Meilensteine in meiner Karriere. Und lustigerweise fanden Reimann und Penderecki zum Beispiel parallel zu meiner Belcanto-Karriere statt. Reimanns Kassandra war eine Koloraturpartie höchsten Grades, diese zu kombinieren mit Rossinis Cenerentola war ziemlich wagemutig, ist aber gelungen. Es ging hier um technische Perfektionierung der Stimme – und um den Beweis, dass „moderne“ Musik und Belcanto durchaus harmonieren! Ich bin offen für Neues, wenn die Rolle wirklich etwas hergibt, in Libretto und Komposition.

Ihr Repertoire umfasst über hundert Partien – was ja eigentlich unfassbar klingt. Ist das eine Hochrechnung oder führen Sie tatsächlich Buch?

Ich habe Kalender, die zurückgehen bis ungefähr 1973, darin habe ich notiert, was ich alles gemacht habe. Und ich habe eine Dame, die seit Beginn mein Fan ist und alles notiert, das ist sehr praktisch. [Lacht.] Ich habe ja das ganze Repertoire von Bach, Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, alles durchgesungen … und sowohl Moderne als auch ungewöhnliche Opern wie La Fiamma von Respighi oder Königskinder von Humperdinck. Ich bin in keine Schublade zu stecken. Aber ich weiß nicht, ob das heute überhaupt noch möglich ist, dass man so vielseitig sein kann.

Warum nicht?

Als ich meine Karriere anfing, gab es noch keine Globalisierung. Dieser internationale Austausch ist gut und sehr interessant, aber man muss sich heute viel schneller entwickeln, sonst nimmt das Haus jemand anderen, das ist viel erbarmungsloser als zu meiner Zeit. Dieses Gefühl, gedrängt und gepresst zu werden, hatte ich nicht so sehr am Anfang der Karriere.

© ×
Monika Rittershaus
Szene aus RHEINGOLD

Wie viele dieser Partien würden Sie tatsächlich annehmen können und wollen, wenn die Staatsoper Hamburg oder der Rest der Welt Sie morgen rufen würde?

Spontan: Klytämnestra in Elektra, Herodias in Salome, Madame de Croissy in Les dialogues des Carmélites und die Gräfin in Pique Dame sind sofort abrufbar! Und dann noch fünf bis sechs andere Partien mit etwas Vorbereitung.

Als diese Gräfin sind Sie derzeit zu erleben. „Die Pique Dame bedeutet heimliche Böswilligkeit“ – diese Erklärung stellte Puschkin seiner gleichnamigen Erzählung, auf der Tschaikowskys Oper beruht, voran. Warum? Worin besteht die Böswilligkeit?

Die Karte Pik-Dame bedeutet aber auch Intelligenz und Kreativität. Die Gräfin ist nicht böse, sie ist eigentlich nur frustriert und schlecht gelaunt, weil nichts mehr so wie früher ist. Sie lebt in der Welt von gestern: pure Nostalgie einer ehemaligen Schönheit und spielsüchtigen Celebrity am Hofe von Versailles. Sie singt ein weltberühmtes wehmütiges Chanson über all ihre Erfolge und erotischen Eroberungen. Pathetisch ... und zugleich anrührend. Eine mystische Aura umgibt sie – nicht umsonst dominiert in dieser Inszenierung ein Porträt der jungen Greta Garbo die Bühne. Der spielsüchtige Hermann, von dem sie dann ermordet wird, ist besessen von dem Bild und dem Geheimnis der Gräfin. Doch das Gerücht um das Geheimnis der drei Karten hat sie nicht in die Welt gesetzt. Sie kann ihm nur die falsche Antwort geben, weil sie die richtige nicht weiß. Er bedrängt sie und dann stirbt sie. Und kommt als Geist zurück, als innere Stimme des Wahnsinns. Man muss es so spielen, dass man gerührt wird von dieser alten Frau.

Gut oder Böse – welche Figuren sind darstellerisch eine größere Herausforderung für Sie?

Die sogenannten bösen Frauenrollen sind herausfordernd, interessanter und ambivalenter in all dem Leid und der Enttäuschung, die sich hinter dem sogenannten Bösen oft versteckt. Ich versuche, auch immer noch das Gute in diesen Frauen zu finden – zum Beispiel in Klytämnestra aus Elektra –, welches oft tief verborgen ist. Mich interessiert das psychologische Element.

© ×
privat
Beim Schlussapplaus zu SALOME

Wenn man über eine so lange Zeit auf Reisen ist, gastiert, national, international – wo verankern Sie Ihr Zentrum?

Meine Familie ist wichtig. Und ich habe mir früh angewöhnt, verschiedene schöne Orte zu haben, an die ich gerne zurückkomme. Es muss nicht das eine Nest sein oder die absolute Oase. Ich bin fähig, mir Ruhepunkte zu schaffen; meine Tochter sagt, ich richte mich in jedem Hotelzimmer ein, als würde ich für Jahre einziehen. [Lacht.] Es ist eine Art Überlebenskunst: dass man sich wohlfühlen will. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die ich mitnehme: bestimmte Tees, eine Tasse, die mir gut gefällt, Fotos, die ich dann aufstelle. Man muss es sich einfach schön machen. Damit man auch gern zur Arbeit geht und gern zurückkommt, die Füße hochlegt und sagt: So, das ist jetzt für zwei Monate mein Zuhause, Schluss!

Aus all Ihrer langjährigen Erfahrung heraus: Was ist das Klügste, das Sie einer jungen Sängerin raten können?

Meine liebe junge Sängerin: Bleib Dir selbst treu! Bei der Auswahl Deiner Rollen versuche bitte die Balance zwischen Wagemut und Vernunft zu halten. Höre nie auf, an Dir zu arbeiten. Deine Stimme ist ein empfindliches Instrument. Pflege sie gut!

 

Das Gespräch mit Doris Soffel führte Teresa Grenzmann am 13. Februar 2026.