INTERVIEW: IST DAS EIGENE LEBEN ALTERNATIV­LOS?

Tobias Kratzer im Gespräch mit Laura Schmidt – gekürzte Fassung

LAURA SCHMIDT Nachdem im ersten Jahr Deiner Intendanz eher ungewöhnliche Projekte wie Die große Stille, Monster's Paradise oder Frauenliebe und -sterben Premiere gefeiert haben, eröffnest Du das zweite Jahr mit großer italienischer Oper. Was reizt Dich daran?

TOBIAS KRATZER Bei Macbeth geht es mir in Stoff und Spielweise darum, das Musiktheater zu Beginn dieser zweiten Spielzeit gleichsam auf seine ganz elementaren Grundlagen hin zu befragen und zurückzuführen: auf seine enge Verwandtschaft mit der klassischen Tragödie und auf seine absolute Grundbedingung – den singenden, spielenden, atmenden Menschen. […] Denn Giuseppe Verdis Macbeth ist im Kontext der italienischen Oper und seiner Entstehungszeit ein überaus radikales und experimentelles Werk. Es hebt sich vom klassischen, italienischen Melodrama ab, das Giuseppe Verdi auch später noch mustergültig bedienen sollte. Ich würde es als ein Musikdrama in Gestalt eines Melodramas beschreiben.

Porträt: Giuseppe Verdi
Giuseppe Verdi (1813-1901) ca. 1850
Presse Illustration zur Macbeth Aufführung im Théâtre Lyrique 1865
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Bibliothèque nationale de France
Presse Illustration zur Macbeth Aufführung im Théâtre Lyrique 1865

LAURA SCHMIDT Das Stück bricht mit vielen Konventionen. Oft wird der Oper attestiert, dass eine Liebeshandlung fehle.

TOBIAS KRATZER Dieser These würde ich widersprechen. Zwar ist keine Dreiecksgeschichte vorhanden und die Liebesbeziehung ist nicht „konventionell" aufgebaut, gleichwohl wird das Verhältnis zwischen Macbeth und Lady Macbeth über viele Etappen und eine lange Strecke hinweg entwickelt. Wir erleben ein Paar, das gemeinsam handelt und Entscheidungen trifft. […] Aber sie funktioniert elliptisch, und ohne einen Liebeswidersacher.

LAURA SCHMIDT Es gibt eine starke Deutungstradition, den exzessiven Machtwunsch des Paares mit ihrer Kinderlosigkeit zu erklären …

TOBIAS KRATZER Das empfinde ich als eine etwas schiefe und zu kurz gegriffene Interpretation. Dass eine Frau auf Basis ihrer Kinderlosigkeit als politisch oder sogar moralisch zweifelhaft agierende Person dargestellt werden soll, ist für mich eine Form von Misogynie, die ich ein für alle Mal abräumen wollte. Deswegen habe ich dem Paar ein Kind gegeben, was interessanterweise widerspruchslos mit dem Stück zusammengeht – man muss nirgendwo das Libretto verbiegen – und gleichzeitig das Thema des Machterhalts nach vorne holt. […] Aus der Lady wird so eine Frau, die eine bessere Zukunft für ihr Kind möchte.

Impression: Macbeth
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Monika Rittershaus

LAURA SCHMIDT Glaubst Du an die Wirkungsmechanismen antiker Tragödien, an Katharsis, die „Reinigung" von bestimmten Affekten durch das Durchleben von Furcht und Jammer?

TOBIAS KRATZER Man könnte das Stück bestimmt noch viel grausamer inszenieren, als ich es tue. Es ist keine Deutung von Macbeth, die Katharsis über Schockeffekte erzielt, auch wenn das sicherlich werkimmanent angelegt ist. […] Ich glaube eher an die Kraft einer einfühlenden Empathie. Zumal in Bezug auf diesen Stoff: In dem Moment, in dem man beginnt, auch die schlimmsten Taten zu verstehen, sie nicht zu entschuldigen – das wäre fürchterlich –, aber doch von innen heraus zu begreifen, beginnt man auch etwas mehr von der Welt und von sich selbst zu verstehen. Das kann erschreckend sein. Aber Begreifen ist immer erst einmal besser als Nichtbegreifen.

 

 

Das vollständige Gespräch lesen Sie im Programmheft zur Neuproduktion. Dort erklärt Tobias Kratzer unter anderem, warum die Hexen zur eigentlichen schicksalsbestimmenden Macht der Oper werden – und was die selten gespielte Ballettmusik-Fassung mit einem alternativen Lebensentwurf von Macbeth und Lady Macbeth zu tun hat. Das Programmheft ist an der Vorstellungskasse und im Opernshop erhältlich.

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