INTERVIEW: Zwischen Dunkelheit und Goldblatt

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Das alles hier ist ein ungewöhnlicher Musiktheaterabend – drei Werke, drei Komponisten und eine Narration, die alles zusammenhält. Das Eröffnungsstück des Abends, Frauenliebe und -leben von Robert Schumann, braucht gar keine Dirigentin. Wie ist es für Dich, als Musikalische Leiterin erst nach knapp 25 Minuten den Taktstock zu heben?

KARINA CANELLAKIS Der Schumann zu Beginn ist eine absolute Freude für mich, ein wirklich großartiger Einstieg für den Abend. Klar, ich höre zwar „nur“ zu, aber alles an Frauenliebe und -leben mündet in Herzog Blaubarts Burg und endet schließlich in Eine Florentinische Tragödie. Der Schumann zeichnet für mich die Vorgeschichte, in die wir genüsslich eintauchen und die Charaktere kennenlernen. 

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Diese Musik des Liederzyklus‘ ist so trügerisch schön …

KARINA CANELLAKIS Natürlich, Schumanns Musik ist so wunderschön, dass man nichts Böses ahnt. Aber es wird eben keine nette Familienszene beschrieben: Mit jedem Lied nähert sich der Niedergang der weiblichen Protagonistin. 

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Der Abend geht attacca weiter – das Werk Herzog Blaubarts Burg liegt Dir sehr am Herzen …

KARINA CANELLAKIS Ich könnte wirklich Stunden über diese Oper sprechen. Müsste ich mich für ein Stück Musikgeschichte entscheiden, wäre es das!

Karina Canellakis
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Mathias Bothor
Karina Canellakis

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Man könnte Dich auch als Blaubart-Expertin bezeichnen. Lernt man die Stücke nochmal neu als Musikalische Leiterin einer solchen Produktion kennen?

KARINA CANELLAKIS Wie Tobias Kratzer dieses Stück inszeniert hat, ist eine für mich ganz neue, aber so schlüssige Interpretation. Hier erleben wir eine zeitgenössische, feministische Lesart und sehen das Werk durch die Linse der weiblichen Protagonistin. Es geht darum, was Frauen ertragen haben, weil es schlicht keine andere Möglichkeit gab. Damit wird das Werk zu einem Spiegel der damaligen Zeit bis in die Gegenwart – eine sehr spannende Lesart.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Was hat Dich denn bisher an Blaubarts Burg fasziniert?

KARINA CANELLAKIS Ich habe das Stück bisher nur ohne Bühnenhandlung aufgeführt. Das heißt ich habe über die Partitur nachgedacht und hatte tatsächlich einen ganz anderen Fokus: Blaubart selbst und den Tod. Für mich ging es um jemanden, der sich fast obsessiv mit seinem bevorstehenden Ableben auseinandersetzt. Blaubart blickt auf sein Leben zurück, er reflektiert über das, was war. Eigentlich deckt sich das auch mit der weiblichen Sichtweise der Inszenierung: In beiden Lesarten geht es um die Vergangenheit. In meiner vorherigen Interpretation sind die toten Frauen von Blaubart eine Rückschau auf sein Leben. Die erste Frau, der Morgen, steht für seine Kindheit, die zweite, der Mittag, für die Jugend, die dritte, der Abend für das Erwachsenenleben. Und jetzt sieht sich Blaubart mit dem Dunkel, der Nacht, dem Tod, konfrontiert. Für mich ist dieses Ende hochemotional. Obwohl sich das alles in dieser gruseligen, klammen Burg abspielt … 

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Wie klingt das?

KARINA CANELLAKIS Die Burg ist eine richtig eigene Figur, sie blutet, sie atmet und weint. Dieses Atmen nehmen das Orchester und ich sehr wörtlich. Ansonsten wird in dieser Inszenierung aber eigentlich wenig von der Gruselgeschichte bildlich übernommen, die Musik wird zum Seelenleben. Das moderne und subtile an den Bildern der Erzählung macht hier die Geschichte fast noch furchterregender, sie erinnert ans echte Leben. Auch da sind es die unausgesprochenen Dinge, die hinter verschlossenen Türen bleiben, die am schrecklichsten sind. Wir alle haben diese Türen, die wir nur ungern aufstoßen.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Das Werk entlädt sich in der finalen Szene, in der diese vergangene Lebensgeschichte, sei es aus Sicht von Blaubart oder aus Sicht der Sterbenden, nochmal ganz konkret beleuchtet wird … 

KARINA CANELLAKIS In dieser Szene steckt so unfassbar viel! Während die Handlung und Musik eine unfassbare Gewalt in sich trägt, ist die Sprache von Bartók, oder eher dem Librettisten Béla Balázs, ganz sanft mit ihren weichen Konsonanten und der Poesie der Worte gestaltet. Der ungarische Sänger Gábor Bretz, mit dem ich Blaubarts Burg vor kurzem als Aufnahme veröffentlichen durfte, hat mir ganz viel über die ungarische Sprache beigebracht – die Diktion, die Sprachmelodien, den ganzen Duktus des Ungarischen.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Welche musikalische Klangwelt ist es denn, in der wir uns bei Blaubarts Burg befinden?

KARINA CANELLAKIS Es ist eine sehr eigene, konzentrierte Klangwelt. Natürlich fließt wie in all seinen Werken seine Erforschung der Volkslieder ein –  obwohl es eigentlich noch ein sehr frühes Werk von ihm ist. Er ist noch dabei, sich aus diesen Bausteinen seine ganze eigene Sprache zu erstellen. Bartók komponiert hier aber ganz offensichtlich für das Orchester – jede Stimme ist darin eingebettet, fast wie Primärfarben. Jeder Klang steht für sich, hat eine eigene Präsenz, nichts ist verwischt oder dekorativ aufgefüllt. Gleichzeitig komponiert er sehr geradlinig, mit einer Konzen- tration auf das Wesentliche. Aus dieser Reduktion entsteht eine enorme Spannung – eine Klangwelt, die klar gezeichnet ist und zugleich etwas Unheimliches, Abgründiges behält.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Wie unterscheidet sich das von Alexander Zemlinskys Eine florentinische Tragödie? Die Werke sind ja recht nah beieinander entstanden, 1911 und 1916 …

KARINA CANELLAKIS Es sind trotzdem ziemlich unterschiedliche Hörerlebnisse. Fangen wir erst einmal mit dem an, was sie verbindet: das Thema. In den ersten 15 Jahren des 20. Jahrhunderts war der psychologische Thriller auf den Opernbühnen absolut in Mode. In Mitteleuropa interessierte man sich sehr für die neu entstehende Psychologie. Man stand auf das Absurde, das Abstrakte, das Provokative – man muss nur an Richard Strauss’ Salome denken. Diese Stücke holen das Unterbewusste an die Oberfläche, sie machen alles ein bisschen unbehaglich. Und genau das haben Blaubarts Burg und die Florentinische Tragödie gemeinsam: Sie erzeugen echtes Unbehagen. Bei Blaubarts Burg ist die Klangwelt dabei sehr konzentriert. Zemlinskys Klangsprache ist anders: Sie ist viel stärker in der Spätromantik verankert – und zwar kompromisslos. Ohne jede Zurückhaltung. Das ist wunderschöne, sehr kunstvolle Musik, die ich persönlich wahnsinnig liebe. Und sie funktioniert im Stück extrem gut, weil sie eng mit der Figur verbunden ist: Simone ist ein Kaufmann, der edle Stoffe verkauft. Wenn er von eingewebten Seiden, von Duft, von Luxus spricht, dann hört man das auch – die Musik selbst wird zu einer Art ornamentiertem Klangraum, fast wie ein Klimt-Goldblatt.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Die Größe des Orchesters ist beinahe identisch – wie aber unterscheidet es sich in den Anforderungen für Dich als Dirigentin?

KARINA CANELLAKIS Zemlinskys Stück ist wirklich schwierig zu dirigieren. Ähnlich wie bei Strauss laufen ständig mehrere Ebenen gleichzeitig. Diese Gleichzeitigkeit führt zu einer enormen Dichte, zu einer fast überbordenden Komplexität. Das alles zusammenzuhalten, ist extrem anspruchsvoll. Es ist wie ein Puzzle für das Orchester, in dem jede:r Musiker:in ständig überprüfen muss, wo die eigene Stimme hier gerade reinpasst. Während Bartók also eher mit klar gesetzten Klangflächen arbeitet, entfaltet Zemlinsky eine üppige, extrem vielschichtige Klangwelt – und genau darin liegt der große Unterschied zwischen diesen beiden Stücken.

 

 

Das Interview wurde von Henriette von Schnakenburg während der Probezeit zu dieser Musiktheaterproduktion am 25. März 2026 geführt und am 30. März 2026 freigegeben.

 

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Programmheft zur Produktion.