„Musik ist meine Lebenslinie“
Für drei Monate ist die amerikanische Mezzosopranistin Kayleigh Decker an der Staatsoper Hamburg zu Gast. Gemeinsam mit Regisseur Christopher Rüping, Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber und Dramaturg Malte Ubenauf sowie fünf weiteren internationalen Sänger:innen und Darsteller:innen entsteht hier DIE GROSSE STILLE – ein Musiktheaterabend, der um einen Mozart kreist, wie Sie ihn noch nie gehört haben! Premiere ist am 15. März. Im Interview beschreibt Kayleigh ihre langjährige Begeisterung für Mozart, die faszinierenden Besonderheiten der Produktion und was Musik für die Wissenschaft und jede:n einzelne:n von uns bedeuten kann.
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Was verbinden Sie persönlich mit Mozart? Welchen Ruf hat das Salzburger Wunderkind in den USA, wo Sie geboren sind? Gab es Berührungspunkte während Ihrer Gesangsausbildung und ersten Engagements?
Ich glaube, als ich in den USA geboren wurde, waren die Menschen von der Idee besessen, das Hören von Mozart würde Babys zu Genies machen. [Lacht.] Meine Eltern waren beide Ingenieure, liebten es aber, klassische Musik zu hören. Ich lernte Geige, und das erste Stück, das ich übte, waren Mozarts Variationen über „Ah, vous dirai-je, Maman“, bekannt als „Twinkle, Twinkle, Little Star“. Eines der ersten Lieder, die ich jemals gesungen habe – für meine College-Aufnahmeprüfung – war „Das Veilchen“, das wir tatsächlich auch in Die große Stille singen! Mozart war also schon immer sehr präsent während meiner musikalischen Reise, er ist der Komponist, den ich in meiner Karriere wahrscheinlich am häufigsten gesungen habe. Ich finde, seine Musik besitzt etwas ganz Besonderes, und er ist definitiv so etwas wie mein „desert island composer“: Wenn du auf einer Insel gestrandet wärst und müsstest dich für einen Komponisten entscheiden … für mich wäre es Mozart. [Lacht.]
In der Mathematik spricht man vom „Kleinsten Gemeinsamen Nenner“. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht das für etwas, worauf sich alle einigen können, auch wenn sie in komplexeren Zusammenhängen womöglich unterschiedlicher Meinung sind. Ist Mozart also der „Kleinste Gemeinsame Nenner“ der Klassischen Musik? Oder der Musik überhaupt?
Oh, das ist eine schwierige Frage! Wenn wir jemandem, der noch nie klassische Musik gehört hat, nur ein Stück vorspielen würden, welches würde ich wählen ... Vielleicht wäre es Mozart. Denn Mozart fängt nicht nur einige menschliche Emotionen oder Erfahrungen ein – er kann wirklich alle von ihnen darstellen. Es kann sehr tiefgründig und emotional werden. Aber er ist auch lustig und verrückt, und oft entsteht eine Unmittelbarkeit und Atmosphäre, in der man seinen Geist fast spüren kann. Ich finde, seine Musik ist sehr vielfältig, sehr flexibel und immer lebendig. Aber es ist schwierig, ihn zum Sprecher der gesamten klassischen Musik zu machen. Es gibt so viele unglaubliche Komponisten, die sehr unterschiedliche Stimmen haben.
Kann Mozart sich auch kindisch anfühlen?
Ja! Darüber haben wir bei den Proben ein wenig gesprochen. Sie wissen ja, unsere Oper heißt Die große Stille. Und bedenkt man all die Dinge, die wir nicht aussprechen, dann ist da dieser sprudelnde, kindliche Geist in Mozarts Musik, der manchmal den Eindruck erweckt, als sei die Musik ein Weg gewesen, auch als Erwachsener noch das innere Kind in ihm zum Ausdruck zu bringen. Abgesehen davon, dass er auch als Kind schon sehr berühmt war.
Genau. Als Mozart fast sechs Jahre alt war, begannen seine Eltern, mit ihren Wunderkindern Wolfgang und Nannerl durch die Höfe Europas zu touren. Damit verdienten sie ihr Geld. Im Alter von elf Jahren komponierte Wolfgang eine Oper in lateinischer Sprache mit dem Titel Apollo und Hyacinth – auch sie wird in Die große Stille zu hören sein. Ist diese Oper eine Wiederentdeckung wert?
Je öfter ich mir die Musik anhöre – die Arien und Duette –, desto beeindruckender finde ich sie! Es klingt wie Mozart! Es ist also nicht so, dass er seine Stimme erst nach zehn Jahren gefunden hätte, sie war von Anfang an da, man kann es hören. Normalerweise singe ich diese hohen Mozartschen Mezzosopranrollen, aber hier singe ich eine Rolle, die er für einen Jungen geschrieben hat, mein Stimmumfang ist super tief und das ist eine einzigartige Erfahrung, die ich so noch nie gemacht habe.
Das heißt, Sie werden auf eine neue Weise herausgefordert? Wie stark sind Sie als eine von sechs Sänger:innen und Darsteller:innen an der Entwicklung dieses Musiktheaterabends beteiligt?
Oh ja, für mich war das künstlerisch gesehen eine riesige Herausforderung! Die Art und Weise, wie wir zu der Geschichte in diesem Stück gefunden haben, ist für eine Mozart-Oper ungewöhnlich … wir haben nicht einmal eine Partitur dafür! Ich bin noch nie gebeten worden, meine künstlerische Stimme auf diese Weise in diesem Umfang einzusetzen. Christopher Rüping möchte, dass wir eine wirkliche Verbindung herstellen, man soll stets den Schauspieler in der Figur sehen – deswegen haben wir die Stücke ausgewählt, die in der ersten Szene vorkommen. Es ist also eine sehr persönliche Arbeit.
Warum – aus all den Komponisten, die man auch hätte wählen können – kreist diese Neuproduktion ausgerechnet um Mozart?
Ich kann nicht für Christopher Rüping sprechen, der dieses wirklich faszinierende Konzept entwickelt hat. Aber ich glaube, ein Teil der Idee bestand darin, Mozarts Musik ein neues Leben einzuhauchen und das Opernpublikum dazu herauszufordern, in den Spiegel zu schauen und zu fragen: Warum beschäftige ich mich mit dem Opernkanon? Warum möchte ich immer und immer wieder Mozart sehen? Was passiert, wenn ich in die Oper gehe und Werke von Mozart höre, die für mich neu sind, aber dennoch alt? Und konkret: In dieser Inszenierung befinden wir uns im Weltraum auf einem Raumschiff. Tatsächlich brachte man 1977 die beiden Voyager Golden Records auf jedem der zwei Voyager-Raumsonden an. Auf einer davon: Mozart. Sollte ein anderes Wesen oder was auch immer sie finden, würde all dies manifestieren und repräsentieren, was es bedeutet, Mensch zu sein. Die große Stille greift dieses Konzept auf und überträgt es in ein Opernhaus.
Wenn wir nicht mehr auf der Erde leben, weil sie nicht mehr existiert: Was bedeutet es dann noch, ein Mensch zu sein?
Das ist eine der Fragen, die dieses Stück stellt. Ich meine, solch eine Zukunft ist fast unvorstellbar für uns, weil wir nicht von unserem Planeten getrennt sind, er ist eben kein Raumschiff. Aber gerade in diesen Zeiten hören wir so viele Geschichten über Isolation und Einsamkeit ... Da ich diesen Mikrokosmos während der Proben zu Die große Stille erlebe, kann ich sagen, dass ich mich als Künstlerin am lebendigsten, inspiriertesten und erfülltesten fühle, wenn ich in einem Probenraum bin, all diese neuen Leute treffe, wir Beziehungen knüpfen und wirklich kreativ sind, zusammenarbeiten. Es sind die Beziehungen auf der Bühne und zu meinen Kollegen genau wie die Beziehungen und Menschen in meinem Leben, die es wertvoll und sinnhaft machen.
Welche Rolle spielt Musik dabei? Kann uns Musik zu besseren Menschen machen? Und ist ein Leben ohne Musik überhaupt lebenswert?
Als professionelle Musikerin lautet meine Antwort auf die letzte Frage ganz klar „Nein“. Es gibt so vieles über Musik, das wir noch nicht vollständig verstehen. Momentan wird daran so viel gearbeitet und geforscht. In ihrem Buch Music and Mind versucht Renée Fleming, eine Verbindung zwischen der Welt der Musik und der Wissenschaft herzustellen: den Beobachtungen darüber, was für erstaunliche Auswirkungen Musik auf unsere psychische Gesundheit oder auf Demenzpatienten haben kann, sogar auf die Sozialarbeit – all die Bereiche, in denen Musik hilfreich eingesetzt werden kann. In Die große Stille leidet einer der Charaktere unter Alzheimer und ist dement. Aber es gibt Momente, in denen die Musik ihn wieder aufweckt und er zu singen beginnt.
Es gibt vieles, was Sprache nicht kommunizieren kann, allzu oft reichen Worte nicht aus. Musik aber bringt deine gesamte innere Welt ans Licht. Wie wahrscheinlich jeder versuche ich, in meinem Leben ein Gleichgewicht zwischen dieser inneren Existenz und der Außenwelt zu finden. Für mich formt die Musik diese Lebenslinie. Und meine eigene Lebenserfahrung hat mir gezeigt, dass in der Musik jeder etwas für sich finden kann.
Mögen Sie auch die Stille?
Hmh. [Schmunzelt und überlegt lange.] Wahrhaftige Stille erlebe ich als ziemlich grauenhaft. Gerade läuft hier ein Ventilator, man kann die Vögel draußen hören ... Ich glaube schon, dass Stille viele Möglichkeiten bietet. Ich erschaffe sie auch selbst, zum Beispiel indem ich meditiere. Und: In der Stille muss man seinen eigenen Gedanken zuhören. Natürlich, manchmal bettele ich sogar um Stille. Aber die völlige Abwesenheit von Geräuschen ist eine wirklich beängstigende Aussicht für mich.
Das Gespräch mit Kayleigh Decker führte Teresa Grenzmann am 26. Februar 2026.