INTERVIEW: Fatale Kontinuitäten

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Wir beginnen am Anfang – der Vorhang öffnet sich und wir befinden uns im Entstehungsjahr von Robert Schumanns Liederzyklus Frauenliebe und -leben

TOBIAS KRATZER Im Jahr 1840, genau. Das wird auch sofort auf der Bühne zu erkennen sein. Wir arbeiten mit einer Ästhetik, die stark mit den erzählerischen Codes von großer, historischer Ausstattungsoper spielt. Das ist ein ganz anderes Vorgehen als in den drei vorherigen Produktionen, die ich in dieser Spielzeit inszeniert habe. Mir war bei meiner vierten Arbeit hier wichtig, das Publikum zunächst wirklich bewusst in dieser Zeit abzuholen – in Kostümen, Bühnenraum und Atmosphäre. Der Raum selbst bleibt dabei als Einheit des Ortes auch in den beiden Teilen nach Frauenliebe und -leben konstant: ein Spielfeld, das die Handlung durch die Jahrhunderte trägt. Im ersten Teil, Schumanns Frauenliebe und -leben, ist dabei  das Sofa der zentrale Ort. Als Hausfrau und Mutter wird die bürgerliche Frau auf dieses Sofa reduziert und muss von dort aus versuchen, ihr eigenes Leben mit sehr begrenzten Möglichkeiten zu gestalten. 

Impression: Frauenliebe und -sterben
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Matthias Baus

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Eine sehr einengende, aber gleichzeitig gar nicht unübliche Rollenzuschreibung für Frauen in dieser Zeit …

TOBIAS KRATZER Wir wollten das wirklich konsequent auserzählen, bevor wir uns in eine Art Emanzipationsforschung durch das 19., 20. und 21. Jahrhundert begeben. Gleichzeitig ist dieser Liederabend als Einstieg eine sehr persönliche Erfahrung für die Aufführenden und das Publikum. Spannend ist, dass die singenden Protagonistinnen wechseln, je nach Datum, an dem man die Vorstellung besucht. Das zeigt zum einen ein großes Spektrum der musikalischen Interpretationsbreite dieses Zyklus’, zum anderen aber bestärkt es auch den Ansatz des Abends: Es geht hier um eine Art systemische Analyse. Die Protagonistinnen wechseln, das Grundschema bleibt identisch. Es sind historisch gesehen viele, fast alle Frauen, die diesen Lebensentwurf für sich akzeptieren, quasi über sich ergehen lassen mussten.  

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Wenn „die Frau“ so klar verortet ist – wie ist dann „der Mann“ in Deiner Lesart gedacht?

TOBIAS KRATZER Als Personifizierung des Patriarchats ist Blaubart in allen drei Teilen der Inszenierung präsent. Im Liederabend ist er nur szenisch involviert, er singt nicht, und bestimmt trotzdem die gesamte Handlung. Im zweiten Teil, Herzog Blaubarts Burg, wird dann seine eigene Geschichte erzählt, mit all ihren dunklen Geheimnissen. Und im dritten Teil, Eine florentinische Tragödie, begegnet er uns unter dem Namen Simone – als jemand, der nun zwar eine Art neue, zeitgemäße Männlichkeit leben möchte, aber mit verinnerlichten Bildern von dominanter Männlichkeit ringt.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG In Blaubarts Burg öffnet die weibliche Figur Judith mehrere Türen zur Vergangenheit. Hinter jeder findet sie eine weitere Episode, in der Blaubart als Repräsentant des Patriarchats eine Frau umbringt. Nachdem die erste Tür auf Frauenliebe und -leben und damit auf das 19. Jahrhundert zurückblickt, öffnen sich drei weitere Türen auf 1918, 1969 und 1980. Warum gerade diese Jahre?  

TOBIAS KRATZER Eigentlich befinden wir uns zunächst in der Gegenwart. Judith sieht sich als gleichberechtigt gegenüber Blaubart und möchte ihn gänzlich kennenlernen. Hinter jeder Tür sehen wir dann schlaglichtartig Momente der Geschichte, in denen emanzipatorischer Fortschritt möglich scheint – und zugleich immer wieder von patriarchalen Strukturen gebrochen wird. Zunächst kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs: viele Männer sind im Krieg und mussten ihre Familien und Frauen zurücklassen. Dadurch entstehen aber auch Freiräume, hier etwa für die bisexuelle oder lesbische Leidenschaft. Der kurze Befreiungsmoment wird radikal durch Blaubarts Rückkehr und die heteronormative Ordnung bestraft. Ein nächster, wörtlicher Schritt in die Zukunft ist die Mondlandung im Jahr 1969. Die bürgerliche westliche Gesellschaft betrachtet sich als aufgeklärter, liberaler, befreiter, immerhin haben sie gerade etwas Unvorstellbares erreicht. Gleichzeitig nimmt sich der Mann aber immer noch mehr Freiheiten raus, als er der Frau jemals zugestehen würde – zum Beispiel die Chance auf den ein oder anderen Seitensprung, dank der 1960 erfundenen Anti-Baby-Pille auch für den Mann zum ersten Mal ohne reproduktive Konsequenzen möglich. Die 1980er Jahre zeigen wir als Video, ein selbstgedrehtes Sex-Tape. Es steht für eine Phase vermeintlich selbstbestimmter Sexualität und zugleich für die Frage nach dem Konsens. Auch hier scheint somit ein alter voyeuristischer Machtmechanismus durch. 

Impression: Frauenliebe und -sterben
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Matthias Baus

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Und in der Florentinischen Tragödie? Wo befinden wir uns hier?

TOBIAS KRATZER Bei uns endet Blaubarts Burg mit einem Befreiungsmoment: Als erste Frau entkommt Judith Blaubart und seiner Gewalt. Das könnte ein Happy End sein. Aber es ist und bleibt kompliziert. Eine florentinische Tragödie fügt sich in diese Hoffnung auf Emanzipation und Selbstbefreiung nicht ganz linear ein. Blaubart, jetzt umbenannt in Simone, wird konfrontiert mit den Anforderungen an einen modernen Mann: Er soll sensibel und verständnisvoll sein, dann aber doch wieder Stärke und Bestimmtheit zeigen. Ein Spannungsfeld, in dem er sich etwas wehleidig gefangen sieht. Die „französische Ehe“ des Paares  ist auch ein ganz neuer Entwurf einer Paarbeziehung. Ein Seitensprung wird geduldet, vermeintlich tolerant akzeptiert – gleichzeitig liegt darunter eine große Verwundbarkeit und Reizbarkeit bei allen Beteiligten. In dieser Dreieckskonstellation mit Guido verschieben sich permanent die Machtverhältnisse, am Ende ist es plötzlich der weibliche Blick, der ganz massiv das Geschehen steuert. So als würden sich nun bei Bianca verinnerlichte patriarchale Machtstrukturen zeigen. Vielleicht ist  das die wahre Tragödie. Es geht bei Zemlinsky – wenn man ihn aus heutiger Warte liest – überhaupt nicht um Gender-Binarität, sondern um die fast tiefenpsychologische Frage, ob es nicht  in jeder auch körperlich definierten Liebesbeziehung ein zumindest latentes Dominanzverhältnis gibt, das die Gefahr der Gewalt in sich trägt? Und wie man zivilisatorisch damit umgeht? 

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Ist das auch der Zeitpunkt, in dem Du uns momentan als Gesellschaft verorten würdest? 

TOBIAS KRATZER Eigentlich hätte ich gehofft, dass wir uns am Ende von Blaubarts Burg befinden. Ich würde sagen, dass wir uns größtenteils als eine aufgeklärte postemanzipatorische Gesellschaft betrachten. Wir denken, wir hätten gewisse patriarchale Strukturen schon überwunden. Plötzlich kommt dann, wie kürzlich erst, ein Fall wie der von Collien Fernandes und Christian Ulmen in die Medien. Oder der Prozess von Gisèle Pelicot. Dass doch immer wieder diese archaischen, atavistischen Besitzstands- und Unterdrückungsmechanismen greifen – das reißt einem den Boden unter den Füßen weg und zeigt umso mehr, wie wenig nachhaltig dieser am Ende von Blaubarts Burg vermeintlich gelungene Emanzipationsprozess ist.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Trotzdem gibt es ein, zwei Momente, in denen man zum Schmunzeln eingeladen wird, zum Beispiel als Judith die Tür zu Blaubarts Tränenmeer öffnet und sich plötzlich in der Rolle seiner Therapeutin wiederfindet … 

TOBIAS KRATZER Bei allen ernsten Themen, die der Abend behandelt, braucht  es auch einen Comic-Relief. Es gibt ja diese Begriffe von „Männergrippe“ und männlichem Selbstmitleid, wo die Frau selbst von den „stärksten“ Männern immer mal wieder als Therapeutin gebraucht wird. Und da liegt eine der wenigen Möglichkeiten an diesem Abend, über dieses furchtbare Thema patriarchaler Macht kurzzeitig spöttisch zu lachen und es zu ironisieren. Ironie ist sicher nicht der Schwerpunkt des Abends, aber ich finde es wichtig, auch mal die durchaus grotesken, spottwürdigen Seiten dieser patriarchalen Figur zu zeigen.

Impression: Frauenliebe und -sterben
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Matthias Baus
Impression: Frauenliebe und -sterben
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Matthias Baus

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Etwas anderes, was dieser Abend wie auch Deine anderen Produktionen in dieser Spielzeit zeigen oder viel eher nicht zeigen: Es ist keine Oper ...

TOBIAS KRATZER Doch, klar, sogar zwei Opern! 

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Stimmt, aber keine klassische, große Repertoireoper. Was hat Dich so an der Kombination dieser drei Werke fasziniert?

TOBIAS KRATZER Für mich ergibt die Kopplung dieser drei Werke zusammen mehr als die Summe ihrer Teile. Es werden Aspekte in ihnen hervorgebracht, die das Einzelwerk alleine gar nicht erzählen könnte. Es ist der Versuch, einen solchen Abend eher konzeptionell zu kuratieren und durch eine darüberliegende Narration neue Felder zu eröffnen. Außerdem ist dieses Spiel mit den verschiedenen Gattungen wirklich „Alles, was Oper kann“ – eine Art Motto dieser Eröffnungssaison meiner Intendanz. Wir haben ein Oratorium für die Bühne erschlossen, dann ging es weiter mit einer zeitgenössischen Kinderoper  und der Wiederentdeckung eines in Deutschland quasi nie gespielten Werkes. Danach kam eine sensationelle Uraufführung und zwei Abende, die uns bekannte Komponisten in einem neuen Hörerlebnis näherbrachten, bis hin zu einem klassischen Repertoirestück, das dann ganz bewusst am Ende der Saison steht. Keiner der Abende wiederholt sich in seinem Ansatz, sondern jeder hat einen komplett anderen Zugriff, die aber ein Spektrum aufmachen, auf das in zukünftigen Spielzeiten zurückgegriffen werden kann. Dann kann man auch durchaus wieder einen Klassiker spielen, weil man mit den Erfahrungen der ersten Saison ganz anders drauf guckt.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Einen solchen Lern- und Hörprozess durchschreitet man ja auch schon an diesem heutigen Abend alleine. Was steckt da für Dich in der Musik?

TOBIAS KRATZER Herzog Blaubarts Burg ist einfach ganz klar eine Jahrhundertpartitur, die klanglich, kompositorisch und in ihrem musiktheatralen Ansatz ganze Welten aufmacht. Für mich ist besonders, wie das Wechselspiel mit dem davorstehenden, in seiner verdichteten Sprache radikalen Liederzyklus von Robert Schumann funktioniert. Wir gehen nahtlos – „attacca“ – von dem einen in das nächste über, sodass man Bartók mit der historischen Klangwelt von Schumann im Kopf hört. Dadurch erschließt sich auch diese nachfolgende Klangsprache nochmal ganz anders – in ihrer Modernität, darin, was plötzlich alles möglich ist. Gleichzeitig ist Bartóks Werk natürlich ein Solitär. Alexander Zemlinsky finde ich dagegen als Brückenfigur extrem spannend. Je nachdem wie man seine Stücke kombiniert, kann er als Vollender der Spätromantik, als Lehrer der Neuen Wiener Schule oder als unmittelbarer Ausdrucks-Dramatiker erlebt werden. Hier brechen wir das Hörerlebnis sogar weiter auf: Nach der Pause kommt eine Art Video-Intro mit ganz bewusst gesetzter Gebrauchsmusik, die nichts mit Oper zu tun hat. Damit greifen wir auf die Hörwelt von Fahrstuhlmusik, TV-Jingles, Beschallung, die uns im Alltag ständig umgibt, zurück. Und auch von dieser Hörwelt finden wir den Bogen zu dem, was man die „ernste Musik“ nennt, geht sozusagen von der Oberfläche eines gesellschaftlichen Wunschbildes auch musikalisch in die Tiefe des Begehrens.

HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Nun, du bist ein männlicher Regisseur. Warum wolltest ausgerechnet Du das Thema Femizid künstlerisch behandeln?

TOBIAS KRATZER Das ist eine sehr interessante Frage. Ganz persönlich finde ich, dass Themen ethnischer oder genderspezifischer Natur identitätspolitisch nicht nur von den jeweils „zugehörigen“ Regisseur:innen oder Personen bearbeitet werden sollten, müssen, dürfen. Repräsentation ist enorm wichtig und muss auch aus den je eigenen Feldern mitgetragen werden, darf aber nicht zu neuen Ausschlüssen führen. Grundsätzlich sollte sich ja erstmal jede Person, die Teil einer aufgeklärten Gesellschaft sein möchte, mit Themen wie Rassismus, Feminismus und generell Unterdrückung von marginalisierten Gruppen auseinandersetzen. Und gerade Männer müssen sich nicht nur als Allies, also als Verbündete und Unterstützer im Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter verstehen, sondern auch ihre eigene Rolle aktiv hinterfragen. Deshalb stellt sich für mich gar nicht diese Frage nach dem warum, wenn sich ein Regisseur mit Themen wie Feminismus auseinandersetzt. Umso wichtiger ist es erstmal, dass sich jede:r mit allen Themen auseinandersetzen kann und sollte – und dass Männer nicht schweigen, sondern eine aktive Position beziehen. 

 

 

Das Interview wurde von Henriette von Schnakenburg während der Probezeit zu dieser Musiktheaterproduktion am 24. März 2026 geführt und am 30. März 2026 freigegeben.

 

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Programmheft zur Produktion.