„Du kannst es!“
IL TROVATORE. Ein absolutes Herzensprojekt für Eleonora Buratto ist Verdis Troubadour. Zum ersten Mal zu Gast an der Staatsoper, gibt die italienische Sopranistin in Hamburg ihr lang ersehntes Rollendebüt als Leonora. Im Interview schwärmt sie von der großen Emotionalität dieser Partie, beschreibt ihre langjährige künstlerische Verbundenheit mit Maestro Muti und erklärt, warum sie Herausforderungen liebt und Angst keine Rolle spielt.
© ×
Sie wurden in Mantua geboren, weniger als 80 km von Giuseppe Verdis Geburtsort entfernt. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie die Oper lieben? Und wann haben Sie für sich entschieden, dass Sie auf die Bühne wollen?
Meine Liebe zur Oper hat sich ganz langsam entwickelt, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ich sang in einem Kinderchor und liebte Musik im Allgemeinen, wusste aber überhaupt nicht, was ich später werden wollte. Damals war das Allerwichtigste für mich: Singen – Soul, Pop, Rock, einfach alles! [Lacht.] Aber während der Oberschule hatte ich einen Lehrer, der Opernabende organisierte, und eines Tages nahm er uns mit an die Mailänder Scala, um Verdis I Lombardi alla prima crociata unter der Leitung von Maestro Muti zu sehen. Ich erinnere mich nicht daran, wer sang. Aber ich erinnere mich noch genau an den Eindruck, den das auf mich machte. Ich wandte mich an meinen Klassenkameraden und sagte: Eines Tages will ich auf diese Bühne. [Lacht.] Und da fing alles an.
Also hat Verdi eine Rolle bei dieser Entscheidung gespielt …
Ja, ganz sicher. Ich komme aus Mantua wie Verdis Rigoletto. Aber noch nie habe ich die Gilda gesungen. Genauso wenig wie ich die Violetta in La traviata gesungen habe. Jetzt, endlich, singe ich die Leonora in Il trovatore. Es ist das erste Mal, mein Debüt!
Was bedeutet es für Sie, mit Maestro Riccardo Muti zusammenzuarbeiten? Welche Rolle hat er in Ihrer Karriere gespielt, spielt sie vielleicht immer noch?
Maestro Muti hat eine sehr große Rolle für meine Karriere gespielt. Er ist einer der bedeutendsten Dirigenten, die wir heute noch haben. Als Künstlerin bin ich durch die Opern, die zu singen er mich eingeladen hat, gewachsen, Jahr für Jahr, Rolle für Rolle. Ich habe immer Lirico leggero gesungen: die Musetta, die Adina, die Norina, die Susanna … Dann, im Jahr 2011 – ich erinnere mich daran, als wäre es gestern! – kam Muti mit dieser großen Überraschung auf mich zu: „Ich möchte, dass du die Amelia in Simon Boccanegra singst.“ – „Okay, Maestro, lassen Sie mich die Partitur anschauen, und in ein paar Monaten kann ich sehen, ob ich …“ – „Du kannst es!“ [Lacht.] Dank ihm habe ich angefangen, ein anderes Repertoire einzustudieren. Weil er mir vertraute. Und ich ihm. Wenn Maestro Muti sagt, ich kann es: Dann kann ich es. So kam es zu dieser langsamen Veränderung, von Lirico leggero zu Lirico puro: Rollen wie Mimí oder Alice in Falstaff. Nächstes Jahr werde ich in Chicago Rossinis Stabat Mater singen. Darüber bin ich sehr, sehr froh.
Es klingt so, als würden Sie Herausforderungen mögen.
Sehr sogar! Schon vor Maestro Muti habe ich Herausforderungen immer geliebt. Die Herausforderung, die ich mir selbst stelle, ist ein Teil von mir, immer. Ich muss herausfinden und spüren: Wo sind meine Grenzen? Und wenn du an deine Grenzen stößt, merkst du, ob du noch ein bisschen weitergehen kannst, um diese Grenzen auszuweiten, oder nicht. Das Wichtigste ist, dass man dafür seinen Verstand einsetzt, sein Gehirn.
Haben Sie eine Strategie, wie Sie mit Angst umgehen?
Lerne! Je selbstbewusster und besser vorbereitet du dich fühlst, desto mehr kannst du dem Publikum bieten. Umso leichter wird es dir fallen. Angst kommt von Unsicherheit.
In Hamburg wird die Leonora in Il trovatore nun Ihr Staatsopern-Debüt sein. Gibt es etwas Bestimmtes, das Sie mit dieser Oper verbindet – eine Inszenierung, ein Sänger, eine Lieblingsstelle?
Il trovatore ist eine meiner Lieblingsopern. Ich konnte es kaum erwarten, diese Rolle zu singen! [Lacht.] Tatsächlich ist die zweite Arie, „D'amor sull'ali rose“, eine meiner Lieblingsarien überhaupt. Sie ist einfach perfekt: Der erste Teil ist so wunderschön, und dann ist da die Stärke dieser erstaunlichen Frau, die bereit ist, alles zu tun, um ihre Liebe zu retten. Und in der Cabaletta heißt es: Okay, ich will dich retten, aber wenn ich dich nicht retten kann, werde ich mit dir sterben.
Das ist sehr stark!
Ja, so, so stark! Es gibt ein paar Zeilen, die ich wirklich liebe. Eine davon im Zweiten Akt, als Manrico erscheint und Leonora vor dem Conte di Luna rettet: „Sei tu dal ciel disceso, o in ciel son io con te?“ – „Bist du vom Himmel herabgestiegen, oder bin ich mit dir im Himmel?“ [Schreit lautlos vor Begeisterung.] Und eine weitere, als sie im Sterben liegt und erklärt, was sie für ihn getan hat: [Singt:] „Prima che d'altri vivere, io volli tua morir!“ – „Lieber sterbe ich als deine Frau, als einem anderen Mann zu gehören.“ [Schreit lautlos vor Begeisterung.] Immer, während ich diese zweite Arie singe, denke ich an Montserrat Caballés Stimme. Ich liebe ihr wunderschönes Pianissimo und werde versuchen, etwas Ähnliches zu machen. [Singt.] … und hier steht die Zeit still. Oh, ich fühle das so sehr! Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie sehr ich diese Oper liebe! [Lacht.]
Findet man eine solche Intensität vor allem in der Oper?
Unbedingt, denn das Publikum spürt deine Emotionen. In diesem Moment bist du nicht Eleonora Buratto oder irgendjemand anderes – du bist Leonora, du bist Manrico, mit all ihren Sorgen, ihren Gedanken, ihren Problemen, ihren Gefühlen. Wenn du dem Publikum das vermittelst, fühlt es alles mit! Pure Emotion! Genau aus diesem Grund passiert es nicht selten, dass Zuschauer Pinkerton ausbuhen. Das scheint erst einmal nicht fair, aber es richtet sich gar nicht gegen den Sänger – es richtet sich gegen die Figur!
Mögen Sie diese sehr dramatischen Rollen?
Ja, ich liebe diese dramatischen Rollen! Weil sie es mir ermöglichen, tiefe Gefühle auszudrücken … wie ich es Ihnen ja vor ein paar Minuten vorgemacht habe [lacht] … und die verschiedenen Facetten einer Figur und ihrer Gefühle zu erkunden.
Es ist eine faszinierende Geschichte – die Hamburger Inszenierung verlegt den aragonesischen Thronfolgekonflikt aus dem 15. Jahrhundert in die 1930er Jahre, in die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Sehen Sie auch Parallelen zu unserer Zeit?
Wenn wir über Kriege sprechen – insbesondere Bürgerkriege –, sind die Parallelen leider sehr deutlich. Wir sind von Kriegen umgeben, überall. Nicht nur in dieser Inszenierung, sondern auch in der zeitlosen Wahrheit, dass sich die Geschichte wiederholt, lassen sich überall Parallelen zum Krieg der Opernhandlung finden. Leonora aber nutzt ihre Liebe, um zu zeigen, dass Krieg völlig sinnlos ist.
Die Flut an Social-Media-Beiträgen und Kommentaren, die kürzlich auf die öffentliche Äußerung eines Filmschauspielers folgte, er wolle nicht in der Oper oder im Ballett arbeiten, weil sich niemand mehr für diese Kunstformen interessiere, war überwältigend. Hunderttausende von Opernhäusern, Konzertsälen, Ballettensembles, Sängern, Tänzern, Musikern, großen und kleinen Fans sowie Menschen auf der ganzen Welt waren entrüstet. Und diese Einigkeit zeigte vor allem auch: eine riesige Gemeinschaft und ein tiefes künstlerisches Engagement. Was für eine Welt ist die Oper für Sie: Eine große Familie? Oder eine hart erkämpfte Bühne?
Ein bisschen von beidem, denke ich. Denn alles, was auf der Bühne passiert, ist das Ergebnis von harter Arbeit, Leidenschaft, Aufopferung aller Beteiligten – nicht nur einer einzelnen Person, sondern aller, auf der Bühne wie hinter den Kulissen. Und das ist wirklich wichtig, denn ohne die Menschen, die hinter uns stehen, können wir rein gar nichts erreichen. Ich glaube, es ist genau diese großartige Zusammenarbeit, die uns das Gefühl gibt, eine große Familie zu sein.
Das Gespräch mit Eleonora Buratto führte Teresa Grenzmann am 16. März 2026.