WERK UND MATERIAL: UND SIE LEBTEN GLÜCKLICH. PUNKT.
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DAS MÄRCHEN
Wann genau das mit den Märchen angefangen hat, kann niemand wirklich sagen. Verwandte Erzählmuster finden sich bereits im alten Ägypten – etwa in der Geschichte Zwei Brüder – und in der Antike, beispielsweise in Amor und Psyche: Die Figuren geraten in Not, müssen Prüfungen bestehen, begegnen Helfer:innen und Gegenspieler:innen und erleben schließlich eine veränderte Ordnung in ihrer Welt. Auch Motive wie Verbote und ihre Übertretung, Verwünschung und Erlösung und besondere Zahlen wie drei, sieben und zwölf kehren immer wieder.
Der Begriff „Märchen" selbst ist wesentlich jünger und geht auf das mittelhochdeutsche mære zurück: Nachricht, Kunde oder Erzählung. Lange bevor Märchen gedruckt wurden, wurden sie erzählt, weitergegeben, verändert und miteinander verbunden. Sie sollten Erfahrungen und Regeln vermitteln, vor Gefahren warnen, unterhalten, und ja: auch Angst machen. Wünsche und Konflikte einer jeweiligen Zeit wurden so in einfachen Bildern erzählt. Erst die großen gedruckten Märchensammlungen machten aus vielen dieser beweglichen Stoffe scheinbar feste Texte.
Dornröschen zeigt besonders deutlich, wie sehr sich dabei mit jeder Epoche auch eine Geschichte verändert, denn das Motiv der „schlafenden jungen Frau", bei dem wir heute an Dornröschen denken, lässt sich ins Mittelalter zurückverfolgen, gerade als man begann über mære zu sprechen. Eine frühe literarische Fassung findet sich in dem anonym überlieferten altfranzösischen Prosaroman Perceforest aus dem 14. Jahrhundert. Die Handlung ist brutal: Die junge Zellandine fällt durch einen Fluch in einen tiefen Schlaf, nachdem sie sich an einer Flachsfaser verletzt hat. Der Ritter Troylus findet die schlafende Zellandine und vergewaltigt sie. Sie bringt (weiterhin ohne Bewusstsein!) ein Kind zur Welt. Erst als das Neugeborene später die Flachsfaser aus ihrem Finger saugt, erwacht Zellandine wieder.
Sexualisierte Gewalt steckt also bereits in einer der frühesten überlieferten Fassungen des Dornröschen-Stoffs. Besonders drastisch erscheint sie dann bei Giambattista Basile. In Sole, Luna e Talia (Sonne, Mond und Talia), erschienen posthum 1636 in seiner neapolitanischen Märchensammlung Lo cunto de li cunti (Das Märchen der Märchen), findet ein König die schlafende Talia, vergewaltigt sie und lässt sie zurück. Talia wird schwanger und bringt (noch immer schlafend!) Zwillinge zur Welt. Erst als eines der Kinder an ihrem Finger saugt und den Splitter herauszieht, der den Schlaf ausgelöst hat, erwacht sie. Der König ist zu diesem Zeitpunkt mit einer anderen Frau verheiratet. Am Ende der Geschichte wird diese wiederum getötet und Talia wird seine Frau.
Charles Perrault verwandelt den Stoff 1697 in La Belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Wald) für die französische höfische Gesellschaft. Aus dem Flachssplitter wird die Spindel, Feen sprechen ihre Gaben und den Fluch aus, das ganze Schloss fällt in Schlaf für hundert Jahre. Die Vergewaltigung ist ab dieser Fassung verschwunden. Die Gewalt und Misogynie nicht: In der zweiten Hälfte versucht die Mutter des Prinzen, eine Menschenfresserin, die junge Frau und ihre Kinder töten und verspeisen zu lassen. Aus heutiger feministischer Perspektive fällt dabei auf: Wo weibliche Macht sichtbar wird, erscheint sie vor allem als monströs, zerstörerisch und gefährlich.
Überhaupt erzählen Märchen nicht nur etwas über Ängste, Wünsche und Fantasien, sondern auch über die Geschlechterordnungen, in denen sie über Jahrhunderte weitergegeben wurden. Sie bewahren Rollenbilder und Vorstellungen davon, wie Frauen und Männer zu sein und zu handeln haben. Im Dornröschen-Stoff bleibt die junge Frau über Jahrhunderte die Schlafende: schön, jung und radikal passiv, während andere handeln, sie begehren und über ihren Körper und ihr Schicksal bestimmen. Die Vergewaltigung verschwindet – die patriarchale Grundkonstellation bleibt.
Auch bei den Brüdern Grimm ändert sich daran zunächst wenig, auch wenn sie die Handlung weiter entsexualisieren. 1812 nehmen Jacob und Wilhelm Grimm Dornröschen in die erste Ausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen auf. Überliefert wurde ihnen die Geschichte von Marie Hassenpflug, einer ihrer wichtigsten Märchenbeiträgerinnen. Die aus einer Familie mit französisch-hugenottischen Wurzeln stammende Erzählerin kannte die französische Märchentradition – entsprechend deutlich sind die Spuren zu Perraults Eckpunkten der Geschichte in der Grimm'schen Fassung. Übrig bleibt die klare Abfolge von Bildern, die Dornröschen bis heute prägt: Fluch, Spindel, hundertjähriger Schlaf, Dornenhecke, Prinz, Erwachen und Hochzeit. Die brutale und offene Gewalt der älteren Fassungen ist weitgehend verschwunden; die Passivität der Titelfigur bleibt. Und mit ihr wirken auch jene jahrhundertealten Vorstellungen von Geschlecht, weiblicher Bestimmung und der Verfügung über weibliche Körper fort, die sich tief in die Geschichte des Märchens eingeschrieben haben. Sie mitzulesen heißt auch, sich bewusst zu machen, was in einem scheinbar so vertrauten Märchen bis heute steckt.
Die Grimm'sche Fassung besitzt viele Merkmale, die wir heute als typisch für Märchen empfinden. Figuren erscheinen weniger als psychologisch ausgearbeitete Individuen denn als König, Königin, Prinzessin oder Prinz. Zeit und Ort bleiben unbestimmt, Zahlen strukturieren die Handlung, Übernatürliches wird nicht erklärt. Auf Verbot und Übertretung folgen Krise und schließlich die Wiederherstellung einer Ordnung. Auffällig bleibt die radikale Passivität der Titelfigur: Dornröschen kann den Fluch weder verhindern noch sich selbst aus dem Schlaf befreien. Und selbst der Prinz muss keinen entscheidenden Kampf bestehen: Als die hundert Jahre vergangen sind, öffnet sich die Dornenhecke von allein.
Mit dem Erfolg der Kinder- und Hausmärchen geschieht dabei etwas Paradoxes: Aus Geschichten, die über Jahrhunderte weitererzählt, verändert und miteinander verbunden wurden, werden zunehmend feste Texte. Gerade ihre enorme Verbreitung trägt dazu bei, bestimmte Fassungen als die vermeintlich „richtigen" im kulturellen Gedächtnis zu verankern. Gleichzeitig verlässt Dornröschen im 19. Jahrhundert längst wieder die Buchseiten. Illustrationen prägen ihre Bildwelt, Lieder und Kinderspiele lassen die schlafende Königstochter ein Eigenleben führen. Der Stoff wird also festgeschrieben – und beginnt zugleich, sich in neuen Medien wieder zu verwandeln.