INTERVIEW: DIE WICHTIGSTE BEZIEHUNG IST DIE ZU UNS SELBST
Anna Bergmann im Gespräch mit Christopher Warmuth
Auszug aus einem Interview, den gesamten Text lesen Sie im Programmbuch.
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CHRISTOPHER WARMUTH Das Hamburger Dornröschen erzählt die Geschichte als Reise durch die Zeit. Ein altes Dornröschen kommt aus der Zukunft in unsere Gegenwart. Gemeinsam mit ihr reisen wir zurück in ihr Geburtsjahr 1953, springen in die späten 1960er-Jahre und schließlich hundert Jahre weiter in die Zukunft. Dabei begegnen wir Dornröschen gleich zweimal und am Ende stehen sich die beiden sogar gegenüber. Was interessiert Dich an dieser Begegnung mit dem eigenen Ich?
ANNA BERGMANN Das ist für mich einer der wichtigsten Momente des ganzen Abends. Ich frage mich manchmal selbst, wie das wäre, wenn ich mir in fünfzig oder sechzig Jahren begegnen könnte. Was würde ich meinem jüngeren Ich sagen? Würde ich ihm bestimmte Dinge raten? Würde ich sagen: Pass auf, da hast Du eine falsche Entscheidung getroffen, da hast Du eine Möglichkeit verpasst, da hättest Du mutiger sein können? Oder würde ich vielleicht feststellen, dass vieles genau richtig war, auch wenn es sich damals ganz anders angefühlt hat? Wir können unser Leben immer nur in eine Richtung leben. Wir treffen Entscheidungen, ohne zu wissen, was daraus wird. Und manchmal wünscht man sich jemanden, der einem sagen könnte, welchen Weg man einschlagen soll. Aber diesen Menschen gibt es nicht. Das Schöne am Theater ist, dass man Dinge möglich machen kann, die im wirklichen Leben unmöglich sind. Man kann sich selbst begegnen.
CHRISTOPHER WARMUTH Damit verschiebt sich auch die Vorstellung vom Happy End. Im traditionellen Märchen wird Dornröschen durch den Prinzen erlöst. Die romantische Liebe ist das Ziel, auf das alles zuläuft. Im Hamburger Dornröschen scheint die entscheidende Begegnung eine andere zu sein.
ANNA BERGMANN Ja, weil ich diese Vorstellung, dass das große Glück des Lebens ausschließlich in einer romantischen Zweierbeziehung liege, für sehr begrenzt halte. Natürlich ist Liebe etwas Wunderbares. Und natürlich kann Dornröschen sich in den Prinzen verlieben. Warum denn nicht? Aber sie muss es eben nicht heiraten, um ein erfülltes Leben zu führen. Sie kann sich auch anders entscheiden.
CHRISTOPHER WARMUTH Nicht mehr die Erlösung Dornröschens durch den Prinzen steht im Mittelpunkt, sondern ihre Befreiung von der Vorstellung, überhaupt erlöst werden zu müssen …
ANNA BERGMANN Ja, genau. Und das bedeutet überhaupt nicht, dass wir die romantische Liebe abschaffen wollen. Es geht darum, Möglichkeiten zu eröffnen. Die Frage ist doch nicht, ob sie den Prinzen nimmt oder nicht. Die Frage ist, ob sie überhaupt selbst entscheiden darf, wie sie leben möchte.
CHRISTOPHER WARMUTH Und vielleicht besteht die eigentliche Freiheit darin, sich nicht schon als Kind auf eine dieser Rollen festlegen zu müssen.
ANNA BERGMANN Wir dürfen herausfinden, wer wir sein wollen. Dass man unterschiedliche Wege ausprobieren kann. Und dass es nicht nur eine Vorstellung davon gibt, wie ein glückliches Leben auszusehen hat. […] Und ja, Theater ist immer ein Ort der Utopie: Hoffentlich wird die Welt dann ein besserer Ort.