Don Giovanni
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Brinkhoff/Mögenburg

Don Giovanni

Wolfgang Amadeus Mozart
Inszenierung von 2019
Vorhang auf für Eros und Thanatos! Der Liebes- und der Todestrieb als kontroverse Grundkräfte des Menschen bestimmen diesen Opernabend, an dem das Unterbewusste die Fäden in der Hand hält. In der ineinander­geschachtelten Fassadenruine von Stéphane Laimé entlarvt die Inszenierung von Jan Bosse eine Gesellschaft, die Übergriffe duldet, solange sie elegant vorgetragen werden, und erst dann reagiert, wenn alles bereits zerstört ist.

„Der Abend riecht nach Abenteuer, nach Experiment, nach Wagemut.“
DIE ZEIT

DRAMMA GIOCOSO IN ZWEI AKTEN
Komposition: Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto: Lorenzo da Ponte
  • 1787 29. Oktober, Uraufführung am Gräflich Nostitzschen Nationaltheater in Prag
  • 2019 20. Oktober, Premiere dieser Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
  • 2026 Am 19. September, um 18:15 findet der Vortrag „Die Welt da draußen: Eros und Thanatos – Das unstillbare Verlangen im Kampf gegen die Endlichkeit“ von Prof. Dr. Vera King statt.
    FRAMING Hall im Foyer 2. Rang

    Mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

Besetzung

Das Stück

  • Spielstätte Staatsoper, Großes Haus
  • Dauer
    200 Min
  • Pause Eine Pause von ca. 30 Minuten nach dem ersten Akt (nach ca. 90 Minuten)
  • Altersempfehlung Ab 14 Jahren / Klasse 9
  • Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Eros und Thanatos haben hier alles im Griff. Zuallererst Don Giovanni selbst. Die scheinbar so unvereinbar gegenüberstehenden Grundkräfte des Menschen – der Liebes- und der Todestrieb – bestimmen diesen Abend. Die Allegorie dieser Prinzipien, 2019 als stumme Rolle von Regisseur Jan Bosse für diese Inszenierung erdacht, klettert bereits zu Beginn über die Leinwand auf der Bühne und schließlich aus dem Orchestergraben. Vorhang auf! Das Unterbewusste hält die Fäden in der Hand. In der ineinander­geschachtelten Fassadenruine von Bühnenbildner Stéphane Laimé entblättern sich nicht nur die Räume – durch Videoprojektionen wird das Unbewusste sichtbar gemacht. Don Giovanni ist hier keine Erzählung darüber, dass der Täter fällt, sondern darüber, wie lange er und warum er überhaupt so lange fallen darf. Die Oper entlarvt eine Gesellschaft, die Übergriffe duldet, solange sie elegant vorgetragen werden, und erst dann reagiert, wenn alles bereits zerstört ist.
Rahmenprogramm

Mit FRAMING the REPERTOIRE beleuchten wir vergangene Inszenierungen als eigenständige Kunstform.

  • GUIDANCE: Diskutieren Sie mit jungen Expert:innen über Werk, Inszenierung und Relevanz – vor, während und nach jeder Vorstellung in den Foyers

  • Am 19. September, um 18:15 findet der Vortrag „Die Welt da draußen: Eros und Thanatos – Das unstillbare Verlangen im Kampf gegen die Endlichkeit“ von Prof. Dr. Vera King statt.
    FRAMING Hall im Foyer 2. Rang

    Mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung

Über die Inszenierung

von Christopher Warmuth

Eros und Thanatos haben in dieser Inszenierung alles im Griff. Zuallererst Don Giovanni selbst. Die scheinbar so unvereinbar gegenüberstehenden Grundkräfte des Menschen – der Lebens- und der Todestrieb – bestimmen diesen Abend. Und das nicht kryptisch, zwischen den Zeilen, sondern buchstäblich physisch immer wieder im Bühnengeschehen anwesend: Die Allegorie dieser Prinzipien, 2019 als stumme Rolle Amor/Tod von Regisseur Jan Bosse für diese Inszenierung erdacht, treibt bereits zu den ersten martialisch-düsteren Akkordblöcken auf der bühnenfüllenden Leinwand ihr Unwesen – die berühmten Schläge des Schicksals, die jede:r hört, machen klar, dass es in den folgenden Stunden um die ganz großen Fragen geht.

Bosse, einer der führenden Schauspielregisseure im deutschsprachen Raum, ist seit 2008, seiner ersten Operninszenierung L’Orfeo von Claudio Monteverdi am Theater Basel, auch im Musiktheater tätig. Seither inszenierte er am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, der Oper Frankfurt, der Bayerischen Staatsoper München und der Deutschen Oper Berlin. Seine Schauspielarbeiten führten ihn an große Häuser, unter anderem an das Thalia Theater Hamburg, die Schaubühne Berlin, die Münchner Kammerspiele, das Schauspielhaus Zürich und das Burgtheater Wien. Er wurde mit seinen Inszenierungen viermal zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

In seiner Hamburger Inszenierung von Don Giovanni klettert Amor/Tod nach der Ouvertüre aus dem Orchestergraben und das „Dramma giocoso“ beginnt. Alleine die der Partitur unterschriebene Gattungs bezeichnung von Wolfgang Amadeus Mozart und seinem Librettisten Lorenzo Da Ponte macht klar, dass es sich hier weder um eine Opera buffa noch um eine Opera seria handelt, sondern eine Hybridform. Einem Werk also, das gleichzeitig zum Lachen bringt, während es in die menschlichen Abgründe blickt. Und das ist an diesem Abend Programm. In der ineinander geschachtelten Fassadenruine von Bühnenbildner Stéphane Laimé entblättern sich nicht nur die Räume – durch Videoprojektionen wird das abgründige Unterbewusste sichtbar gemacht.

Amor/Tod ist eine ominöse, ausgemergelte und knochig-blasse Gestalt und kontextualisiert szenisch, was die Figuren bewegt. Ein geläufiger Fokus von Regisseur:innen bei diesem mozartschen Werk ist, Erklärungen dafür zu finden, warum und wie verurteilenswert Don Giovanni ist. Das ist in dieser Inszenierung anders: Sein verachtenswertes Verhalten bleibt verachtenswert, es wird nicht durch Erklärungen und Empathie verklärt. Don Giovanni ist hier kein „Frauenheld“, sondern ein Chauvinist, der nicht verführt, sondern Frauen als reine Objekte betrachtet, sie durch sein Handeln missachtet und missbraucht. Dieser Abend ist folglich keine Erzählung darüber, warum der Täter fallen muss, sondern Bosse fächert auf, wie lange und warum er überhaupt fallen darf. Die Inszenierung entlarvt damit auch eine Gesellschaft, die Übergriffe duldet, solange sie elegant vorgetragen werden, und erst dann reagiert, wenn alles bereits zerstört ist. Dieser Abend verschiebt nicht die Frage der Schuld, er kontextualisiert lediglich die Individuen in einem System, das solche Taten akzeptieren.

Sigmund Freud beschreibt im Jahr 1920 Eros und Thanatos als Lebenstrieb und Todestrieb. Seiner Theorie zufolge sind auch wir – ja wir alle im Parkett und in den Rängen – von diesen beiden gegensätzlichen und zugleich untrennbar miteinander verwobenen Kräften bestimmt: dem Drang nach Verbindung, Vereinigung, Lust und Leben, ebenso wie dem Impuls zur Auflösung, Aggression und Selbstzerstörung. Vielleicht bringt uns dieser Don Giovanni der Antwort näher, warum wir immer wieder den Don Juans aller Couleur verfallen, angezogen vom Versprechen der Liebe und des Lebens und unterbewusst bereit, uns doch selbst zerstören zu wollen.

Don Giovanni

Wolfgang Amadeus Mozart

  • Dauer
    200 Min
  • Pause Eine Pause von ca. 30 Minuten nach dem ersten Akt (nach ca. 90 Minuten)
  • Altersempfehlung Ab 14 Jahren / Klasse 9
  • Sprache In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

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