ENTSTEHUNG
1893
URAUFFÜHRUNG
2. April 1894 in Moskau
BESETZUNG
Piccolo, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagwerk, Harfe, Streicher
„Der Fels“ op. 7 - Orchesterfantasie nach Tschechow
„Rachmaniana“
„Manfred“-Symphonie op. 58
Sergei Rachmaninow (1873–1943) ließ sich in seinem Stück „Der Fels“ von einer außermusikalischen Idee, einem „Programm“, inspirieren. Ob man beim Hören solcher Programmmusik das Programm kennen sollte, um die Musik zu verstehen, lässt sich nicht klar beantworten und hängt außerdem vom jeweiligen Stück ab. Im Falle von Rachmaninows „Der Fels“ ist beides möglich – entscheiden Sie selbst. Die Antworten zu den Fragen zwei bis zehn finden Sie auf den Folgeseiten.
„Schlief ein kleines gold’nes Wölkchen unter Sternen / an des Felsenriesens Brust geborgen“, stellte Rachmaninow der Partitur als eine Art Motto voran. Das Zitat stammt aus dem Gedicht Der Felsen des russischen Romantikers Michail Lermontow (1814–1841), das symbolhaft von der kurzen Begegnung und der Trennung zweier gegensätzlicher Charaktere – einem Felsen und einer Wolke – handelt.
Rachmaninow bezog sich aber noch auf eine zweite literarische Vorlage, auf die Erzählung Unterwegs von Anton Tschechow (1860–1904). Der Inhalt ist vergleichbar mit Lermontows Gedicht, wenngleich weniger abstrakt: Ein junges Mädchen und ein älterer Mann werden durch einen Schneesturm zum nächtlichen Zwischenstopp in einem Gasthaus gezwungen. Sie finden Gefallen aneinander, dennoch zieht das junge Mädchen – genau wie die Wolke in Lermontows Gedicht – am nächsten Morgen alleine weiter und lässt ihren Gegenüber zurück.
Die Diskrepanz zwischen den beiden Charakteren erzeugt Rachmaninow gleich zu Beginn durch tiefe, dunkle Streicherklänge einerseits und eine munter hüpfende Flötenmelodie – leggiero e sempre grazioso steht in den Noten – andererseits.
Im Jahr 1909, während eines Aufenthaltes in Dresden, schrieb Rachmaninow ein zwanzigminütiges Werk über ein gleichnamiges Gemälde des Schweizer Malers Arnold Böcklin – „Die Toteninsel“. Auf dem um 1880 entstandenen Bild ist ein Fährmann zu sehen, der auf eine düstere Felseninsel zusteuert. Auf seinem kleinen Kahn befinden sich außerdem ein Sarg sowie eine schemenhafte, schneeweiße Gestalt.
Das Bild inspirierte viele Komponisten – was wohl ganz im Sinne des Malers war: „Ein Bildwerk“ solle „etwas erzählen und dem Beschauer zu denken geben, so gut wie eine Dichtung, und ihm einen Eindruck machen wie ein Tonstück“. Rachmaninow schrieb zu seiner Vertonung: „Beim Komponieren finde ich es von großer Hilfe, ein Buch im Sinn zu haben, ein schönes Bild oder ein Poem … Und sie kommen: alle Stimmen zugleich. Nicht ein Stück hier, ein Stück da. Alles. Das Ganze entsteht. So die ‚Toteninsel‘.“
Rachmaninow bezeichnete sein op. 7 als Fantasie – der Titel „Der Fels“ kam erst später dazu. In einer Fantasie sind dem Komponisten keine formalen Vorgaben gegeben, anders als etwa in einer Symphonie. Rachmaninow spinnt in dem 15-minütigen Werk einen großen Bogen und inszeniert einen gewaltigen dramatischen Ausbruch kurz vor Schluss. Das Stück verklingt schließlich, wie es auch begonnen hat – im kaum mehr hörbaren vierfachen Piano.
Gerade mal 20 war Rachmaninow, als er die monumentale Tondichtung „Der Fels“ im Jahr 1893 schrieb. Es war das erste Stück für Orchester, das er veröffentlichte – bisher hatte der brillante Pianist ausschließlich Werke für Klavier sowie Lieder und Kammermusik geschrieben. Natürlich hatte er auch von diesem Stück eine Klavierfassung angefertigt, die er bereits 1893, noch vor der Uraufführung der Orchesterversion ein Jahr später, zum Besten gab. Mit im Publikum saß damals eines seiner großen Vorbilder: Sein Landsmann Peter Tschaikowsky.
Laut Dostojewski gehört das „Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden“, das „Lechzen nach Leid“ ganz einfach zur russischen Seele. In Rachmaninows Fall scheint aber vielleicht auch manche biografische Begebenheit zu seiner oft depressiven Grundhaltung bei getragen zu haben. „Als Mensch werde ich meinem Charakter nach niemals glücklich sein“, ist der Pianist und Komponist selbst überzeugt, der in einer russischen Adelsfamilie scheinbar privilegiert aufwächst. Doch der Vater verschleudert den Wohlstand, die Eltern trennen sich und Sergei wird bereits mit zwölf Jahren allein nach Moskau entlassen, um dort am Konservatorium zu studieren.
Die unausweichlichen Rückschläge in seiner Karriere verkraftet er zu Beginn nur schwer. Nach einer vernichtenden Kritik seiner ersten Symphonie im Jahr 1897 sieht er sich drei Jahre außer Stande, zu komponieren. Die Flucht vor den politischen Unruhen im Jahr 1917 bringt seine Kompositionstätigkeit schließlich fast ganz zum Erliegen. Ohne die Heimat mangelt es ihm offenbar an Nahrung für seine Kreativität. „Die Musik eines Komponisten sollte sein Geburtsland ausdrücken, seine Liebesaffären, seine Religion, die Bücher, welche ihn beeinflusst haben, die Bilder, die er liebt“, ist sein Credo. Auch wenn er nie wieder nach Russland zurückkehrt und im amerikanischen und Schweizer Exil stets am Gefühl der Entwurzelung leidet, nimmt er das Komponieren Mitte der 20er-Jahre doch wieder auf und gießt den Schmerz auf seine so unverwechselbare Weise in heute unsterbliche Musik.
Rachmaninow feierte vor allem als Komponist virtuoser und emotionsgeladener Klaviermusik große Erfolge. Nicht nur seine Klavierkonzerte und seine Préludes für Klavier solo sind heute fest im Standardrepertoire verankert. Noch erfolgreicher war er nach seiner Flucht aus Russland jedoch als Pianist: In Amerika, wo er den größten Teil seines Exils verbrachte, war er der bestbezahlte Pianist seiner Zeit. Neben Klaviermusik schuf er aber auch Symphonien, Kammermusik, Lieder und sogar Opern. Für die Filmmusik und auch die Rock- und Popmusik stellt Rachmaninows leidenschaftliche Musik mit ihrem einzigartigen Melodienzauber bis heute einen reichen Fundus dar. So basiert etwa Eric Carmens „All by Myself“ – zu hören beispielsweise zu Beginn des Films Bridget Jones – auf dem zweiten Satz von Rachmaninows 2. Klavierkonzert, um nur ein Beispiel zu nennen.
Tschaikowsky war offenbar so beeindruckt vom Farbenreichtum der Musik und überhaupt von Rachmaninows Talent, dass er die Orchesterversion des Stückes im Rahmen seiner anstehenden Europatournee selbst uraufführen wollte. Dazu kam es jedoch nicht mehr – Tschaikowsky starb kurze Zeit später am 6. November 1893.
„Rachmaninow is not a composer. Rachmaninow is not a pianist. Rachmaninow is a spirit.“ (Mikhail Pletnev)
Peter Tschaikowskys (1840–1893) „Manfred“-Symphonie zählt nicht zu seinen bekanntesten Werken. Und das, obwohl sie eine Symphonie der absoluten Extreme ist! Sie ist sein längstes Orchesterstück überhaupt und enthält zudem am Ende des ersten Satzes mit einem vierfachen Forte in voller Orchesterbesetzung die vermutlich lauteste Stelle, die Tschaikowsky je geschrieben hat.
Was mag Tschaikowsky im Jahr 1884, als er das Werk innerhalb von nur fünf Monaten schrieb, zum Einsatz solcher dramatischer Mittel verleitet haben? Ein Blick in Lord Byrons 1817 entstandenes Dramatisches Gedicht in drei Akten Manfred macht dies schnell deutlich: Vor der spektakulären Kulisse der Schweizer Alpen ereignet sich ein Seelendrama par excellence. Der Protagonist Manfred befindet sich auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, genau genommen vor der sittenwidrigen Liebe zu seiner Halbschwester Astarte. Voller Schmerz und Selbstanklage irrt er nicht nur durch die Berge, sondern auch durch seinen eigenen Gefühlswust, der von totaler Lebensmüdigkeit über zärtliche Erinnerungen an die Geliebte bis zur Hoffnung auf Erlösung reicht. Am Ende feiert er schließlich eine Höllenorgie mit keinem geringeren als dem Teufel persönlich. Ob Manfreds Seele am Ende verflucht oder tatsächlich erlöst wird, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Die Musik wird hier keine Zweifel lassen …
Nicht nur die Größe und Wucht des Orchesterapparats entspricht der literarischen Vorlage. Tschaikowsky ordnet den Protagonist:innen jeweils Themen zu, die ihr Gemüt treffend charakterisieren und im Laufe der Symphonie wiederkehren. Manfreds Seelenzustand wird gleich zu Beginn in der wuchtigen Melodie der tiefen Holzbläser sowie in den schroffen Schlägen der Streicher deutlich. Das eigentliche Manfred-Thema erklingt dann wenige Takte später und steht in maximalem Kontrast zum Astarte-Thema, das in der Mitte des 1. Satzes vorgestellt wird:
„Die Alpenfee erscheint Manfred im Regenbogen eines sprühenden Gebirgswasserfalls“, schreibt Tschaikowsky zum 2. Satz und bildet dieses Geschehen in sprudelnden Tonfontänen musikalisch ab. Auch der 3. Satz malt ein konkretes Bild: „Pastorale. Einfaches, freies und friedliches Leben der Bergbewohner.“ Diese Beschreibungen könnten zu allzu plakativen Tonmalereien verleiten, doch sein Kollege Mili Balakirew hatte Tschai-kowsky von Anfang an davor gewarnt: „Gott bewahre Sie davor, Vulgaritä-ten wie Deutsche Fanfaren und Jägermusik zu schreiben.“
Balakirew war es auch, der Tschaikowsky überhaupt auf die Idee brachte, sich mit dem Manfred-Stoff zu beschäftigen. Dieser zögerte zuerst, doch als er sich selbst in den Schweizer Bergen befand, um dort seinen todkranken heimlichen Geliebten, den Geiger Josef Kotek, ein letztes Mal zu sehen, stürzte er sich in die Arbeit. Und was für eine Arbeit! „Ich habe nie in meinem Leben so schwer gearbeitet und meine Kräfte derart strapaziert“, gestand er selbst.
Eine Symphonie auf Basis eines Textes zu schreiben, war offenbar eine der größten Herausforderungen. Balakirews Warnung vor Banalitäten nahm er dabei sehr ernst, dennoch haderte er beständig: „Nein! Tausendmal angenehmer ist es, ohne Programm zu schreiben. Beim Schreiben einer Programmsymphonie habe ich immer das Gefühl, das Publikum zu betrügen. Ich bezahle nicht mit klingender Münze sondern mit lumpigen Banknoten.“
Auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage, vermag Tschai-kowskys „Manfred“-Symphonie die Hörerschaft zu überwältigen. Viel-leicht ist das der beste Beweis dafür, dass es sich hier nicht um lumpige Banknoten, sondern um glänzendes Gold handelt.