Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek, geboren 1946 in Mürzzuschlag (Steiermark) und aufgewachsen in Wien, ist eine der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. 2004 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur – die Schwedische Akademie würdigte ihr Werk „für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, der mit außergewöhnlicher sprachlicher Leidenschaft die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihre beherrschende Macht offenlegt“.

Die Textgrundlage der Mini-Opern Körperliche Veränderungen und Der Wald 1989/1990 markierten den Beginn einer engen Zusammenarbeit mit Olga Neuwirth. Weitere gemeinsame Projekte der beiden waren u. a. das Oratorium Aufenthalt (1995), das Ensemblewerk Elfi und Andi (1997), das Hörstück Todesraten (1997), die Multimedia-Opern Bählamms Fest (1998/1999) nach Leonora Carrington und Lost Highway (2002/2003), basierend auf dem Film von David Lynch, Der Tod und das Mädchen II (2000), sowie Olga Neuwirths Film Die Schöpfung (2010).

Sie begann bereits in sehr früher Kindheit ihre künstlerische Laufbahn mit einer außergewöhnlich intensiven musikalischen Ausbildung. In Kindheit und Jugend absolvierte sie ein strenges Ausbildungsprogramm Wiener Konservatorium (heute Musik und Kunst Privatuniversität Wien), wo sie im Rahmen eines Frühstudiums Unterricht in mehreren Instrumenten erhielt, darunter Klavier, Orgel, Geige, Bratsche und Blockflöte. Die Musik war dabei weniger Freizeitbeschäftigung als ein systematisch verfolgter Bildungsweg, der früh auf Professionalität und Disziplin ausgerichtet war. Jelinek setzte diese Ausbildung später mit einem regulären Studium fort und schloss ihre Organistinnenausbildung mit Diplom ab. Ergänzend zu dieser musikalischen Prägung nahm sie ein Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien auf, das ihr Interesse an dramatischen Formen, ästhetischen Diskursen und der Analyse kultureller und gesellschaftlicher Machtstrukturen vertiefte.

Die Werke von Elfriede Jelinek untersuchen in radikal zugespitzter Sprache, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse – insbesondere Geschlecht, Sexualität, Familie, Kapitalismus und nationale Verdrängung – sich in Körpern, Beziehungen und Alltagsphantasien einschreiben und diese zugleich deformieren. Ihre Prosa ersetzt häufig psychologische Figurenzeichnung durch Sprachmontage und zeigt Gesellschaft als System von Zwängen, das sich im Medium der Sprache selbst reproduziert. Zu ihren bekanntesten Werken zählen u. a. die Romane Die Liebhaberinnen (1975), Die Klavierspielerin (1983), Lust (1989), Die Kinder der Toten (1995) und Gier (2000). Als Dramatikerin schrieb Elfriede Jelinek epochemachende Werke, darunter Wolken.Heim (1988 Schauspiel Bonn), Ein Sportstück (1998 Burgtheater Wien), Bambiland und Das Werk (beide 2003 ebenda), Ulrike Maria Stuart (2006 Münchner Kammerspiele), Rechnitz (Der Würgeengel) (2008 ebenda), Winterreise (2011 ebenda), Schatten (Eurydike sagt) (2013 Burgtheater Wien), Die Schutzbefohlenen (2014 Mannheim), Das schweigende Mädchen (2014 Münchner Kammerspiele), Wut (2016 ebenda), Am Königsweg (2017 Deutsches Schauspielhaus Hamburg), Schnee Weiß (2018 Schauspiel Köln), Schwarzwasser (2020 Burgtheater Wien), Angabe der Person (2022 Deutsches Theater Berlin) und Sonne / Luft (2022 Schauspielhaus Zürich). Einige ihrer Prosawerke wurden später für die Bühne adaptiert.

Elfriede Jelinek ist u. a. Preisträgerin des Georg-Büchner-Preis (1998), des Franz-Kafka-Preises (2004), des Nestroy Autorenpreis (2013), des deutschen Theaterpreis Der Faust für das Lebenswerk (2017) und wurde 2024 zum Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt und erhielt das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich.

Nach der letzten gemeinsamen Oper mit Olga Neuwirth und dem Scheitern eines weiteren Opernprojekts hatte Jelinek ihre Distanz zum Musiktheater deutlich formuliert: „Ich will das Wort Oper nicht mehr hören. Wenn es einer in meiner Nähe ausspricht, ohrfeige ich ihn. Und wenn ich es in der Nähe von jemandem ausspreche, darf derjenige mich ohrfeigen.“ Im Zuge der Intendanzvorbereitungen von Tobias Kratzer an der Hamburgischen Staatsoper nahm Jelinek dennoch erneut die Arbeit an einem Libretto auf. In der Spielzeit 2025/26 ist dort die Uraufführung von Monster’s Paradise zu erleben (Komposition: Olga Neuwirth; Libretto: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth, nach einer Idee von Olga Neuwirth). (Stand: 1/2026)