ZeitSpiel Vier
von Janina Zell
Wenn man Joseph Haydns Lebenszeit (1732–1809) wie eine Partitur liest, laufen die Noten immerfort, während die Notensysteme schwinden, brechen und sich neu formen: Als er ein kleines Kind war, schrieb Bach gerade sein Weihnachtsoratorium. Als Haydn starb, marschierte Napoleon in Wien ein, und Beethoven hatte die Musik bereits in eine neue Welt geführt. Dazwischen liegt ein Jahrhundert der Erfindungen und Umbrüche.
In Paris wurde die Schallgeschwindigkeit in der Luft gemessen, in Deutschland die Hexenprozesse abgeschafft, in Österreich die Folter. Die Aufklärung schuf Gesetze und zweifelte zugleich an ihnen. 1755 erschütterte das Erdbeben von Lissabon nicht nur Häuser, sondern das Vertrauen in die (göttliche) Weltordnung. In Hamburg gründete man das erste deutsche Nationaltheater, Lessing schrieb seine Hamburgische Dramaturgie, in Wien wurde das Burgtheater zum Hof- und Nationaltheater erklärt.
Mechanik und Menschlichkeit standen in seltsamer Nähe zueinander – das Interesse an „Androiden“ war damals offenbar so groß wie heute. In der Erfindung der mechanischen Flötenuhr fanden Zeit und Musik auf besondere Weise zusammen und Komponisten wie Haydn und Mozart schrieben auf dem Höhepunkt der Mode eigens für dieses Instrument. Die Faszination lag im Beeinflussbaren und Kontrollierbaren. Und doch entzog sich das Leben immer wieder der Berechnung.
Haydns Musik spricht die Sprache dieser Epoche, die Musikforscher Ludwig Finscher einer Liebeserklärung gleich als „eine Sprache der reinen Schönheit, der praktischen Vernunft, der hellen Geistigkeit und des tiefen Gefühls“ beschreibt.
HÖFISCHER MIKROKOSMOS
Haydns Biografie ist die Geschichte eines Menschen, der aus Begrenzung Kunst formte. Sohn eines Wagnermeisters aus dem niederösterreichischen Rohrau, früh als Sängerknabe nach Wien geschickt und mit Einsetzen des Stimmbruchs mittellos und auf sich alleine gestellt. Er lernte, wie man im System überlebt, und daraus wurde eine Kunst, im System Neues zu denken.
Als er 1761 in den Dienst des Fürsten Esterházy trat, begann ein ungewöhnliches Experiment: eine Werkstatt des Hörens im Mikrokosmos eines Hofes. Eisenstadt und Esterháza lagen weit entfernt von den großen Zentren, doch gerade diese Isolation schuf Raum für Innovation. Haydn musste regelmäßig Neues liefern – Opern, Kammermusik, Symphonien – und fand dabei zu einem Prinzip, das seine Epoche spiegelte: Ordnung als Voraussetzung des Experiments.
Er erprobte Klang wie andere Naturgesetze. Seine Partituren sind Versuchsanordnungen, jede Form eine Hypothese. In den Moll-Symphonien des heutigen Konzerts spürt er der Mode nach, die Ausdrucksmittel der Gattung durch Elemente der Opernsprache zu bereichern: Moll-Tonarten, Orchester-Tremoli, stärkere Kontraste und rezitativartige Figuren lassen die Symphonien geradezu „sprechen“. In diesen Jahren testete Haydn systematisch die verschiedenen Möglichkeiten der viersätzigen symphonischen Form und des symphonischen Ausdrucks aus – parallel entwickelte er die Gattung Streichquartett weiter.
DREI MAL MOLL
Die fis-Moll-Symphonie Nr. 45, bekannt als „Abschiedssymphonie“, gilt als das radikalste der drei Moll-Werke. Das Finale ist einzigartig angelegt und macht die Zeit selbst zum Thema des musikalischen Erlebens. Zahlreiche Anekdoten ranken sich um diese Geste – die bekannteste erzählt, dass Haydn ein Zeichen für seine Musiker setzen wollte, die nach der Saison auf dem Landsitz Esterháza zurück zu ihren Familien nach Eisenstadt kehren wollten. Historisch lassen sich diese Geschichten nicht verifizieren; vielleicht war das Finale schlicht ein weiteres Experiment Haydns, ein spielerisches Austesten der Möglichkeiten symphonischer Form, ohne symbolischen oder allegorischen Hintergrund.
Die f-Moll-Symphonie Nr. 49, später unter dem Beinamen „La passione“ bekannt, zeigt Haydns Ausdruckskraft zwischen Momenten des Verstummens und Klangerruptionen. Eine Symphonie, die geradezu rhetorische Wirkung entfaltet. Der Titel lässt sich wörtlich mit „Leidenschaft“ übersetzen, ist aber auch mit Bezug auf das Leiden Christi lesbar. Wenngleich dem Werk kein religiöser Inhalt zugrunde liegt, greift Haydn mit der Form einen weiteren kirchlichen Bezug auf: Mit einem langsamen Adagio als Kopfsatz und einem kontrapunktisch geprägten Allegro als zweitem Satz spielt Haydn auf die Tradition der sonata da chiesa an.
Die e-Moll-Symphonie Nr. 44 bekam ihren Beinamen „Trauersymphonie“ etwa ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung. Auffällig ist die ungewöhnliche Satzreihenfolge: Allegro – Menuet – Adagio – Presto. Mit dem Adagio an dritter Position entstehen neue Räume für Reflexion. Die intensive Verzahnung von Themen und Kontrapunkten, die Haydn über die gesamte Symphonie hinweg entwickelt und in überraschenden Momenten wieder aufgreift, führt zu einer dichten, gleichsam dialogischen Struktur.
EUROPA IN BEWEGUNG
Während Haydn die Grundlagen der abendländischen Instrumentalmusik des 19. legte, veränderte sich die Welt um ihn herum: Die Aufklärung wurde politisch, Revolutionen begannen, Wissenschaft und Technik griffen in den Alltag ein. Der Kontinent beschleunigte sich.
Die Gesellschaft suchte neue Ordnungen; Haydn entwickelte eine musikalische, die das Veränderliche einschloss. Als er Mitte der 1790er Jahre nach London reiste, begegnete er einer neuen Öffentlichkeit: bürgerliche Konzerte, Bezahlung durch Abonnements, Musik als soziales Ereignis. 1809, als er in Wien starb, war die Welt, die seine Jugend geprägt hatte, bereits Geschichte.
In unserem ZeitSpiel begegnet Haydns Musik der Gegenwart: Detlev Glanert, in Hamburg geboren, schlägt mit seiner neuen dreisätzigen „Sinfonia“ für Kammerorchester einen Bogen zwischen der „Abschiedssymphonie“ und „La passione“. Glanert folgt dabei weniger dem Stil als den kompositorischen Prinzipien Haydns: Er taucht in die Zeit des Komponisten ein, knüpft an dessen Strukturen und mögliche Gedankengänge an und führt sie ins Hier und Jetzt. Das ZeitSpiel wird so zu einer Bewegung durch die Epochen, in der Vergangenheit und Gegenwart in einem gemeinsamen Raum des Spiels und der Entdeckung zusammentreffen.