Interview: Wir sind alle Kinder
1927 im Gespräch mit Henriette von Schnakenburg
Auszug aus einem Interview, den gesamten Text lesen Sie im Programmbuch.
HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Fast zehn Jahre ist es her, dass Ihr Petruschka & L'Enfant et les Sortilèges an der Komischen Oper Berlin erstmals auf die Bühne gebracht habt. […] Ein großer Teil Eurer Arbeit ist das Erschaffen von Bildern, das sich seither grundlegend verändert hat: Künstliche Intelligenz, TikTok, Fake News – die Welt ist eine andere. Hat sich damit auch Euer Blick auf die eigene Arbeit verändert?
SUZANNE ANDRADE Natürlich, unser Blick auf die ganze Welt verändert sich ständig – und damit auch auf die Kunst. Aber manche Fragen, die uns schon bei der Entwicklung der Inszenierung beschäftigt haben, sind heute nur noch dringlicher: Wie frei sind wir eigentlich? Welche Geschichten erzählen wir uns über die Welt, und welche davon halten wir für wahr? Petruschka und L'Enfant handeln beide von dem Einzelnen in einer Welt, die ihm Regeln auferlegt. […] Umso wichtiger ist es, dem die Kraft der Fantasie entgegenzusetzen. Theater war für uns immer ein Ort, an dem sich diese Kraft für einen Moment greifbar machen lässt.
HENRIETTE VON SCHNAKENBURG In Eurer Lesart von Strawinskys Petruschka ist es ausgerechnet eine Puppe, die sich nach Freiheit sehnt und mit der wir mitfühlen. Die Menschen dagegen erscheinen wie Marionetten einer fremden Macht, die ziellos durch ihr Leben geistern. Wie fremdbestimmt sind wir?
PAUL BARRITT Das ist genau die Frage dieser Geschichte. Der Gaukler entscheidet, was Petruschka tun darf, wann er auftreten muss und wann er wieder in seinem Kasten verschwindet. Wenn man will, kann man diesen Gaukler durchaus als Verkörperung staatlicher oder gesellschaftlicher Kontrolle verstehen. Und diese Kontrolle wird heute oft viel subtiler ausgeübt, als wir uns das vor zehn Jahren bei der Konzeption dieses Abends vorstellen konnten.
SUZANNE ANDRADE Für mich liegt darin das Tragische dieser Figur. Petruschka wird gerade durch seine Sehnsucht nach Freiheit menschlich: Er leidet, er liebt, er widersetzt sich – und kann sich doch nicht befreien. Vielleicht offenbart das eine unangenehme Wahrheit über uns selbst: Wir glauben gern, vollkommen selbstbestimmt zu leben. Aber wie viele unserer Entscheidungen sind tatsächlich frei?
HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Wie viel von Eurer eigenen Kindheit steckt in dieser Arbeit?
SUZANNE ANDRADE Unsere Inszenierungen haben einen gesellschaftlichen und politischen Kern, aber sie sind natürlich auch sehr persönlich. Bei L'Enfant konnten wir unsere eigenen Kindheitserinnerungen und -gefühle wieder aufleben lassen. Und seit der Premiere vor fast zehn Jahren ist bei mir etwas Entscheidendes passiert: Ich bin Mutter geworden. Wenn ich also heute über diesen Abend nachdenke, berührt er mich nochmal auf einer ganz anderen Ebene. Für Kinder ist Fantasie eine selbstverständliche Art, die Welt zu verstehen: Sie spielen Situationen durch, probieren Rollen aus und erfinden Möglichkeiten, die es in der Wirklichkeit noch gar nicht gibt. Wenn ich meinen Sohn beobachte, der manchmal vollkommen in seiner eigenen Welt versunken ist, wird mir bewusst, wie kostbar diese Fähigkeit ist – und wie schnell wir als Gesellschaft anfangen, sie einzuschränken.
HENRIETTE VON SCHNAKENBURG Worin liegt für Euch die Verantwortung des Theatermachens?
SUZANNE ANDRADE Uns geht es darum, keine fertigen Antworten zu liefern. . Wir leben in einer Zeit, in der ohnehin vieles als eindeutig dargestellt und in Schwarz oder Weiß gedacht wird, richtig oder falsch, dafür oder dagegen. Uns interessieren die Fragen im Leben, nicht ihre Antworten: Wie frei sind wir? Wer zieht die Fäden? Was macht uns menschlich? Wir sprechen während der Arbeit viel über diese Fragen, wollen aber keine Botschaften verkünden. Sonst wird es schnell polemisch. Ob unsere Fragen beim Publikum ankommen, können wir nicht immer wissen. Aber wenn jemand nach der Vorstellung mit einer Frage nach Hause geht, die er oder sie vorher nicht hatte, ist schon viel passiert.
ESME APPLETON Für mich ist Theatermachen ein Privileg, weil wir uns in andere Menschen hineinzuversetzen und die Welt aus ihrer Perspektive zu sehen üben dürfen. Diese Fähigkeit entwickeln wir als Kinder mit Hilfe der Fantasie. Und brauchen sie als Erwachsene dringend – gerade in einer Gesellschaft, die so stark auf Produktivität, Anpassung und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausgerichtet ist.
PAUL BARRITT Wir dürfen die Vorstellungskraft nicht denen überlassen, die mit ihr Angst und Hass verbreiten. Auch die Idee einer gerechteren, freieren Welt beginnt mit einem Bild, das zunächst nur in unseren Köpfen existiert. Ist es nicht genau das, was uns als Menschen auszeichnet?