Essay: Hören, was lebt

von Vitali Alekseenok

Auszug aus einem Essay von Vitali Alekseenok, den gesamten Text lesen Sie im Programmbuch.

Vitali Alekseenok
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Simon Pauly
Vitali Alekseenok

Zwei Werke – zwei Liebeserklärungen an die Freiheit unserer Vorstellungskraft. […] Musiker:innen sprechen oft von Farben in der Musik. Doch was sind Klangfarben im Musiktheater? Es sind Charaktere, Figuren, Handlungen und Emotionen, die zum Klingen gebracht werden. Es ist eine Welt voller Fantasie, deren Dramaturgie und Klangsprache im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch sind.

Sowohl Maurice Ravels „Fantaisie lyrique“ als auch Igor Strawinskys „Burlesque“ entführen uns in eine Welt, die auf den ersten Blick – zumindest für uns mehr oder weniger ernsthafte Erwachsene – leblos und unecht erscheint. Bei Ravel erwachen Alltagsgegenstände zum Leben und offenbaren ihre tiefgründigen Seelen. Bei Strawinsky führen Puppen ein Leben voller Liebe und Eifersucht, Bosheit und Freude. Angesichts der Tiefe ihres Erlebens stellt sich die Frage: Sind diese Puppen, Sessel und Tapetenmuster wirklich so seelenlos? Vielleicht hilft uns die Kunst lediglich, uns in sie hineinzuversetzen. Und vielleicht ahmt das Leben, um Oscar Wilde zu zitieren, „die Kunst weit mehr nach als die Kunst das Leben"?

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In Petruschka entwickelt Strawinsky seinen unverkennbaren Stil: scharf, bissig und voller Rhythmen, die wie skurrile Mechanismen wirken, zugleich aber leicht und verspielt wie die Welt des Holzspielzeugs. Die vier Bilder des Balletts wechseln unter Schlagzeugschlägen beinahe rücksichtslos, wie Szenen eines Films mit abrupten Schnitten. Während die äußeren Bilder den Jahrmarkt mit seinen Händlern und Feiernden zeigen, offenbaren das zweite und das dritte die innere Welt der drei Puppen.

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Eine der erstaunlichsten musikalischen Lösungen hebt Strawinsky sich für den Tod des Protagonisten auf. Wie viel Zeit und Mitgefühl würden wir einem Helden normalerweise an seinem Lebensende widmen? Strawinsky genügt eine Sekunde: Ein Tamburin fällt zu Boden. Ein lebloses Stück aus Holz und Metall – scheint einfach aufzuhören zu existieren. Alles ist vorbei, Klack! Die Menschen zerstreuen sich, niemanden kümmert das Geschehene. Es ist ja nur eine Puppe. Oder doch etwas mehr? […] So entsteht ein Paradoxon: Die Puppe vermag ein authentischeres Leben zu führen als die Menschen um sie herum.

Auch in Ravels LʼEnfant et les Sortilèges öffnet sich hinter der alltäglichen Oberfläche eine fantastische Welt, doch ihre musikalische Sprache ist von einer anderen, ebenso erstaunlichen Feinheit. Das Orchester, dessen Besetzung der von Petruschka ähnelt, wird um eine entscheidende Komponente erweitert: die menschliche Stimme. In nur 45 Minuten begegnen uns mehr als zwanzig Figuren, begleitet von Erwachsenen- und Kinderchören. Was zunächst wie Gigantomanie erscheint, erweist sich als eine der feinfühligsten Miniaturen der Musikgeschichte: Jede Figur und jede Klangfarbe ist mit erstaunlicher Präzision gestaltet.

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Das „Maman"-Motiv ist in seinem Seufzen von Sorge und Sehnsucht erfüllt – sowohl aus Sicht des Kindes als auch der Mutter. Das Abtauchen in die Fantasie vollzieht sich in wenigen tiefen, fremdartigen Tönen des Kontrafagotts, als öffne sich eine Tür in eine andere Welt. […] Am Ende der Oper kehren die Oboenmelodie und das „Maman"-Motiv zurück. Doch kehren auch wir zum Ausgangspunkt zurück? Oder sind wir nach dieser fantastischen Reise andere Menschen geworden? Wenn Fantasien uns verändern können, wie können wir dann behaupten, dass sie unwirklich sind?