„Liebe ohne Angst und Risiko wäre seltsam“

Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber im Gespräch mit Laura Zenziper und Svenja Tschirner

Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber dirigiert in kurzem Abstand Mozarts Don Giovanni und Wagners Walküre. Was verbindet die beiden Opern? Für den Dirigenten weit mehr als Angst, Risiko und Liebe.

Omer Meir Wellber
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Maximilian Probst

Als Kind fürchtete sich Omer Meir Wellber vor den Anfangsakkorden des Don Giovanni. Jahrzehnte später dirigiert er genau diese Oper selbst – und kurz darauf Wagners Walküre. Im Gespräch erzählt er, wie Mozart seinen Zugang zum Dirigieren verändert hat, warum das Licht in Jan Bosses Inszenierung bis in die Musik hineinwirkt und weshalb Wagner für ihn näher bei Mozart ist, als viele denken.

Du schreibst, dass du dich als Kind vor den Anfangsakkorden von Don Giovanni gefürchtet hast. Was macht die Angst in dieser Oper für dich so stark?

Für mich ist es keine religiöse Angst, bei der man denkt: Gott kommt, und ich muss für etwas bezahlen. Es ist etwas sehr Persönliches. Am Ende wird Don Giovanni von einer Gestalt verfolgt, die auch an den eigenen Vater denken lässt. Dieses Gefühl, verfolgt oder eingeholt zu werden, kann man in der Oper sehr deutlich hören. Die Situation auf der Bühne mag manchmal unrealistisch sein, die persönliche Angst dahinter kennen wir aber alle. Mozart kannte sie zu diesem Zeitpunkt sehr genau: Er war krank, und sein Vater war gestorben.

Die Angst, das Risiko und die Liebe heißt auch dein Buch über Mozarts Da-Ponte-Opern. Hat die intensive Beschäftigung mit Mozart deinen Blick auf den Beruf des Dirigenten verändert?

Ja, besonders durch die Rezitative. Wenn ich sie selbst spiele und zugleich dirigiere, kann ich alles miteinander verbinden. Es fühlt sich für mich seltsam an, darauf zu warten, dass jemand anders spielt, bis irgendwann mein Einsatz kommt. Bei Mozart gehört für mich alles zu derselben Energie.

Als ich meine erste Mozart-Oper in Dresden gemacht habe, war diese Welt der Rezitative neu für mich. Ich habe einen Coach dazugeholt und zwei oder drei Wochen intensiv mit ihm gearbeitet. Ich wollte verstehen, was möglich ist und wie man diese Musik lesen kann. Danach konnte ich nach und nach meinen eigenen Weg finden.

Diese Erfahrung hat auch deine Art zu dirigieren geprägt. Du stehst heute ohne Taktstock am Pult.

Am Anfang habe ich viele Jahre mit Taktstock dirigiert. Durch die Mozart-Opern habe ich aber oft selbst gespielt, und irgendwann war der Stock für mich eher hinderlich. Seit einigen Jahren dirigiere ich ohne. Das ist eine klare Folge meiner Erfahrung mit Mozart.

Welchen Einfluss hat Jan Bosses Inszenierung auf deine musikalische Arbeit?

Was ich an der Oper besonders mag, ist der Einfluss der Inszenierung auf die Musik, zum Beispiel durch das Licht. In Bosses Inszenierung gibt es viele düstere, dunkle und mysteriöse Szenen. Das beeinflusst mein Dirigat ebenso wie die Rezitative, bei denen Mozart mir große Freiheiten lässt. Ich gestalte sie ganz anders als in meiner vorherigen Don Giovanni-Produktion in Palermo vor drei Jahren.

Kurz nacheinander dirigierst du Don Giovanni und Die Walküre. Was verbindet die beiden Opern für dich?

Ich denke, in beiden geht es um Angst, Risiko und Liebe. Die guten Dinge im Leben haben immer mit diesen drei Elementen zu tun – natürlich in unterschiedlichen Proportionen und einer anderen Balance. Liebe ohne Angst und Risiko wäre für mich ein bisschen seltsam. Das gilt für unsere Arbeit und eigentlich für alles im Leben: Wenn man etwas wirklich mit dem Herzen tut, gehören diese drei Dinge dazu.

Mich verbindet mit den Werken aber auch, dass ich lange gewartet habe, bis ich sie dirigiert habe. Don Giovanni war die letzte Mozart-Oper, die ich dirigiert habe; Die Walküre ist bislang die einzige Oper aus dem Ring, die ich dirigiere. Vor beiden hatte ich großen Respekt. Ich brauchte Zeit und Verständnis, bevor ich mich ihnen gestellt habe. Auch darin ähneln sie sich für mich ganz persönlich.

Siehst du zwischen Mozart und Wagner noch weitere Verbindungen?

Ja, viel mehr, als man denkt. Bei Wagner spricht man oft über Beethoven und die großen Strukturen. Für mich liegt eine wichtige Verbindung zu Mozart in der Melodie und darin, wie Text und Musik zusammenarbeiten. Eine Figur kann etwas sagen, während die Musik zugleich eine andere Emotion erzählt. Mozart hat diese Verbindung sehr tief entwickelt, und Wagner hat sie perfektioniert.

Die Musik begleitet bei beiden nicht einfach das Gesagte, sondern zeigt die Emotionen, ja, die Seele. Diese Verbindung zwischen Text und Musik hat für mich bei Mozart begonnen und ist bei Wagner schließlich zur Vollendung gekommen. In der Walküre lohnt es sich deshalb, genau auf die Leitmotive und ihre Veränderungen zu hören. Sie tragen Bedeutungen und Gefühle, die über das Gesagte hinausgehen.

Auch in Die Walküre sind Liebe und Risiko eng miteinander verbunden. Welche Fragen beschäftigen dich an diesem Werk besonders?

Die Liebe ist bei Wagner oft nicht unbeschwert. In der Walküre ist die Situation zwischen den Figuren kompliziert und daraus entsteht eine ethische Frage: Was bedeutet es, aus einer gemeinsamen Familie oder Kultur zu kommen? Kann man sich verändern und etwas Fremdes in eine Kultur hineinbringen? Das sind offene Fragen, die auch heute noch relevant sind.

Was möchtest du dem Publikum noch mitgeben?

Beide Opern stellen Fragen, die nicht mit dem Schlussvorhang verschwinden. Ich hoffe, dass das Publikum nach dem Abend noch darüber nachdenkt – und vielleicht auch die andere Produktion besucht. Zusammen zeigen die Werke, wie unterschiedlich Mozart und Wagner von Liebe, Angst und den Folgen unserer Entscheidungen erzählen.

 

Das Gespräch mit Omer Meir Wellber führten Laura Zenziper und Svenja Tschirner am 24. September 2026.