„Alsterspatz bleibt man ein Leben lang“
DIE ALSTERSPATZEN. Seit 1975 gibt es sie … und wer einmal dabei war, bleibt ihnen und der Musik für immer treu. Im Gespräch erzählt Priscilla Prueter mehr über den Kinder- und Jugendchor der Staatsoper, den sie seit der Spielzeit 2025/26 leitet. Und sie verrät, welche besonderen Überraschungen die Zuschauer:innen beim Jubiläumskonzert am 12. Juni erwarten.
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50 Jahre Alsterspatzen! Kannst du uns etwas zur Geschichte dieses ganz besonderen Hamburger Chores erzählen? Mit welcher Absicht wurde er Mitte der Siebzigerjahre gegründet?
Die Alsterspatzen wurden 1975 von Jürgen Luhn gegründet, aber ursprünglich als Norddeutscher Kinderchor Hamburg, der Name Alsterspatzen kam etwas später, 1981. Und erst seit 2019 gehören die Alsterspatzen zur Staatsoper Hamburg, das ist noch ganz frisch. 2019 übernahm Luiz de Godoy die Leitung. Dann kam die schwierige Zeit der Pandemie. Mit Beginn der Spielzeit 2025/26 habe ich den Chor übernommen. Es freut mich sehr, dass ich damit die erste Frau bin, die die Alsterspatzen leitet.
Dennoch waren die Alsterspatzen immer eng mit der Staatsoper verbunden. Wie kommt das?
Es war zwar zuerst ein privater Chor, aber Herr Luhn hat immer mit der Oper zusammengearbeitet und mit den Kindern und Jugendlichen ein entsprechendes Repertoire erarbeitet. Und die Oper hat immer seinen Chor für ihre Vorstellungen genutzt.
„Die Alsterspatzen haben mir in meiner Kindheit alles bedeutet. Dort konnte ich das tun, was ich liebe – singen und Musik erleben – und ich habe dort viele Freunde gefunden. Es war wie eine zweite Familie, und wir haben so viele aufregende Dinge zusammen erlebt und unzählige Stunden miteinander verbracht – oft mehr als mit der eigenen Familie. Bis heute bin ich ein Alsterspatz und fühle eine besondere Verbindung zu den Mitgliedern des Chores – ein Alsterspatz bleibt man ein Leben lang.“
Erinnerung eines ehemaligen Alsterspatzen
Wie setzt sich der Chor heute zusammen? Wie alt waren und sind die jüngsten Alsterspatzen?
Momentan sind es knapp 100 Kinder und Jugendliche. Die ältesten sind eigentlich schon erwachsen, aber sie möchten so gern bleiben, also: Psssst! [Lacht.] Die jüngsten Alsterspatzen waren immer so zwischen sechs und sieben Jahre alt. Dabei kommt es aber sehr auf die Reife des Kindes an.
Hast du selbst auch so früh mit dem Singen begonnen?
Ich komme aus dem Süden von Brasilien. Meine Mutter war im Kirchenchor, deswegen habe auch ich schon mit sechs Jahren in einem Chor gesungen und mit neun Jahren Klavier gelernt. Als ich fünfzehn war, habe ich den Kirchenchor übernommen, der immerhin aus 130 Menschen bestand, und ihn zehn Jahre lang geleitet. Dann schlug mir ein Freund vor, an der Musikhochschule Musik auf Lehramt zu studieren, um das beruflich zu machen. Ich habe ein Bachelor-Studium im Fach Operngesang absolviert, einen Master in Musik an der Universidade Federal do Paraná gemacht und auch eine Spezialisierung für Chorleitung. Seit Oktober 2022 bin ich in Hamburg. Ich liebe die Menschen, mit denen ich arbeite, das gefällt mir sehr. Im Wintersemester 2024 habe ich auch den großen Chor der Uni Hamburg übernommen. Daneben gibt es noch weitere Projekte mit Chören in Hamburg.
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Obwohl das Repertoire der Alsterspatzen sehr anspruchsvoll ist, scheint ihr viel Spaß bei euren Proben und Auftritten zu haben. Bleibt das auch deine wichtigste Motivation?
Auf jeden Fall! Die Chemie zwischen mir und den Kindern war von Anfang an enorm. Und diese Art von Verbunden-Sein ist vielleicht meine Gabe.
Was macht denn die Alsterspatzen so besonders?
Aus meiner Erfahrung als Musiklehrerin an Schulen weiß ich, dass es in Hamburg viele Kinder gibt, die überhaupt keine Verbindung zur Oper haben. So unmittelbar mit Oper in Berührung zu kommen, ist schon sehr toll. Dann sind da der Mut und die Verantwortung, in einem Kostüm auf die Bühne zu gehen, in einer Profi-Produktion, mit einem anspruchsvollen Repertoire! Die Kinder identifizieren sich richtig mit der Oper: Im Jubiläumskonzert am 12. Juni werden wir auch Lady Gaga singen. Einige der Kinder fanden: Das ist supertoll! Andere waren fast etwas enttäuscht: So etwas könne schließlich auch ein Schulchor einstudieren. Schließlich ist da noch die seltene Erfahrung, mit einem großen Orchester aufzutreten, das hier bei fast jeder Produktion dabei ist – auch das macht die Alsterspatzen so besonders.
„Bei der Opernaufführung Hänsel und Gretel hingen am Hexenhaus immer ein paar echte Lebkuchen, die nach Ende der Vorstellung von den Alsterspatzen mit nach Hause genommen und gegessen werden durften. Diese Lebkuchen waren so begehrt unter uns Spatzen! So versuchte jeder Alsterspatz so schnell wie möglich zum Hexenhaus zu rennen. Eines Abends hatten einige Alsterspatzen das Ende der Aufführung falsch eingeschätzt. Der Vorhang ging auf und die Zuschauer sahen neben dem Ensemble also auch ein paar Alsterspatzen, die bereits verbotenerweise am Hexenhaus knusperten.“
Erinnerung eines ehemaligen Alsterspatzen
Steht man als Alsterspatz denn sofort auf der großen Bühne? Auch wenn man erst ganz kurz dabei ist?
Wer bei den Alsterspatzen anfängt, kommt erst in den Vorchor. Hier passiert die Vorbereitung für den Hauptchor, in dem dann die Kinder und Jugendlichen mit Stimmbildung und Bühnenerfahrung singen. So kann man langsam in den Chor hineinwachsen.
Wie viele Auftritte mit der Staatsoper stehen denn in der kommenden Spielzeit 2026/27 bei den Alsterspatzen an?
In der nächsten Saison singen die Alsterspatzen bei fünf Produktionen mit: La Bohème, Carmen, Cavalleria Rusticana & Pagliacci, Petruschka & L’enfant et les Sortilèges und bei Störtebeker. Dazu das neue Format opera mobile: Da gehen wir mit dem Projekt Wir bauen eine neue Stadt nach Paul Hindemith in die Hamburger Schulen und werden danach auch noch ein weiteres Projekt realisieren.
„Unbeschreiblich war das Gefühl, als wir in Llangollen (Wales) den Chorwettbewerb gewannen. Wir schwebten quasi alle mehrere Meter über dem Boden.“
Erinnerung eines ehemaligen Alsterspatzen
Zum 50-jährigen Alsterspatzen-Jubiläum hast du einen Aufruf gestartet: Ehemalige Alsterspatzen sollten sich melden. Wie war die Resonanz?
Die Resonanz war super. Ich habe mehr als einhundert E-Mails bekommen! Die Ehemaligen haben im letzten Dezember ein Weihnachtskonzert als Jubiläumskonzert gemacht. Einige von ihnen wohnen nicht mehr in Hamburg, nicht mal in Deutschland. Aber zu den Konzerten ihrer zwei Chöre – One Voice Chor und Hamburger Ex-Spatzen – kommen sie zusammen und feiern ihr Opern- und Chorrepertoire aus der Vergangenheit. Ich war heimlich da – und es war richtig schön. Man konnte spüren, dass diese große Erinnerung an die Alsterspatzen in ihren Herzen sehr lebendig ist. Und ich dachte: Wir müssen etwas zusammen machen! Warum feiern wir dieses 50-jährige Alsterspatzen-Jubiläum nicht gemeinsam? Und so entstand die Idee vom Konzert am 12. Juni, das wir nun gemeinsam mit dem ehemaligen Assistenten von Jürgen Luhn, Clemens Bergemann, heute Direktor des Ehemaligen-Chors, geplant haben und bei dem es mehrere Überraschungen geben wird ….
Wieviel kannst du verraten?
Die Bühne wird zum Chorsaal – wir zeigen eine echte Alsterspatzen-Probe. Auch die Ehemaligen werden eine Herr-Luhn-Probe von damals zeigen, Clemens Bergemann wird dabei dirigieren. Das wird auch eine Überraschung für mich! [Lacht.]
„Mein allererstes Konzert fand an einem Ort statt, der symbolträchtiger für Hamburg kaum hätte sein können: im Michel. Damals hieß der Chor noch ganz schlicht Norddeutscher Kinderchor Hamburg. Wir trugen unsere typische Uniform: eine hellblaue Bluse, dazu ein blauer Rock mit Weste. Da die Kostüme von den Eltern selbst bezahlt werden mussten, kaufte man sie verständlicherweise nicht jede Saison neu. Wir wuchsen also ständig aus ihnen heraus, und so war die Weste meistens ein Stück zu eng – das gehörte einfach dazu.“
Erinnerung eines ehemaligen Alsterspatzen
Eine deiner Fragen an die Ehemaligen war: Wie haben die Alsterspatzen dein Leben beeinflusst?
Ja. Tatsächlich gibt es viele Alsterspatzen, die daraus nachher ihren Beruf gemacht haben. Sie sind Profi-Sänger:innen oder Musiker:innen geworden, arbeiten mit Musik, machen Stimmbildung, es ist richtig schön. Sogar mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, bei dem ich wegen einer Kehlkopfentzündung war, ist ein ehemaliger Alsterspatz! Fürs Jubiläum hat er mir die alten Matrosenanzüge der Alsterspatzen ausgeliehen. Was für eine kleine Welt in diesem riesigen Hamburg! Aber das begleitet mich schon seit Brasilien: diese zufälligen Treffen mit Leuten, die mit Chormusik zu tun haben – es ist so toll!
„Der Chor war mein Leben, ich habe die meiste Zeit meiner Freizeit dort verbracht und die besten und engsten Freunde dort gefunden. Musikalisch war es eine tolle Möglichkeit, die Stimme auszubilden und sich musikalisch weiterzuentwickeln. Es war ein unheimlicher Zusammenhalt unter den Kindern.“
Erinnerung eines ehemaligen Alsterspatzen
Glaubst du, da besteht eine besondere Verbundenheit?
Das Thema meiner Masterarbeit war die Chorprobe und die Tatsache, dass die Leistung des Dirigenten nicht auf der Bühne stattfindet, sondern während der Proben mit seinen Sängern. Proben ist eine Kunst: Es erfordert Pädagogik, Planung und Kreativität, insbesondere bei Kindern. Ein Chor kann weitersingen ohne Leitung. Aber eine Leitung existiert nicht ohne Chor. Menschen können sich jede Woche treffen und das Singen feiern – dafür brauchst du keine Leitung, sie sind eine Community, ein Organismus. Und die Alsterspatzen sind ein Amateurchor, den man sich eigentlich genau wie einen Profichor der Staatsoper vorstellen kann. Aber genau das ist der Trick: Alle Kinder, die jemals Teil der Alsterspatzen waren, haben es gemacht, weil sie Singen lieben. Nicht weil sie das Geld oder die Bildung brauchen. Das ist etwas, das mich wirklich fröhlich macht. Ich bin so froh, dass ich mit ihnen arbeiten darf!
Das Gespräch mit Priscilla Prueter führte Teresa Grenzmann am 15. Mai 2026.