Im Dialog
Sextett für Klarinette, Horn und Streichquartett
komponiert 1954
Der 1903 in der Nähe von Oxford geborene Lennox Berkeley zählt zu den wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts aus Großbritannien, wo seine Werke bis heute häufig gespielt werden. Bereits als Kind zeigte Berkeley ein außergewöhnliches musikalisches Talent, das von seiner Familie erkannt und gefördert wurde. Als Student an der University of Oxford traf er auf einflussreiche Persönlichkeiten, etwa Maurice Ravel, den Berkeley bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde als Dolmetscher begleitete. Eine besondere Freundschaft baute er zudem zu seinem Komponistenkollegen Benjamin Britten auf. Wie dieser reagierte er auf die Bestrebungen der Avantgarde nach einem radikalen Bruch mit der Tradition zurückhaltend und begab sich auf die Suche nach einer individuellen, eher neoklassizistischen Klang-sprache. Auch seine Lehrerin Nadia Boulanger bestärkte ihn, diesen Weg einzu-schlagen. Davon zeugt auch das Sextett für die ungewöhnliche Instrumentenkombination aus Klarinette, Horn und Streichquartett, das auf dem Höhepunkt seines vielfältigen Schaffens, kurz nach der umjubelten Uraufführung seiner Oper A Dinner Engagement entstand.
LENNOX BERKELEY (1948)
„Ich habe mit atonaler Musik nie viel Befriedigung gefunden. Das Fehlen einer Tonart macht Modulationen unmöglich, und das führt meiner Meinung nach zu Monotonie.“
Streichquartett Nr. 1 e-Moll
„Aus meinem Leben“
erst im April 1878 uraufgeführt (1,5 Jahre nach der geplanten Fertigstellung), da die Musiker der geplanten Uraufführung es für technisch „unaufführbar“ hielten
Bedřich Smetana betrat mit seinem Wirken in vieler Hinsicht Neuland. So war er einer der ersten Komponisten, die sich als „tschechisch“ definierten und der klassischen Musiktradition der herrschenden Habsburger ein charakteristisches Idiom entgegensetzten. Wie später Antonín Dvořák oder Josef Suk griff er immer wieder auf Motive aus der Folklore zurück und widmete zudem seiner Heimat mit der Programmsinfonie „Má vlast“ (Mein Vaterland) und der darin enthaltenen musikalischen Hommage an die Moldau eine Art inoffizielle Nationalhymne. Im Bereich der Kammermusik ist sein bedeutendstes Werk das Streichquartett „Aus meinem Leben“, in dem Smetana erstmals in kammermusikalischer Besetzung autobiografische Motive in Töne setzt. Den einzelnen Sätzen des Spätwerks ordnet er prägende Erlebnisse und Episoden seines Lebens zu – von der Unbeschwertheit der Jugend bis hin zum Leid an der krankheitsbedingten Ertaubung. Der wechselvollen Biografie entsprechend klingt die Musik teils heiter, überwiegend aber schicksalhaft dramatisch.
BEDŘICH SMETANA AM 12. APRIL 1878 AN SEINEN FREUND JOSEF SRB
„Was ich beabsichtigte war, den Verlauf meines Lebens in Tönen zu schildern.
Erster Satz: Neigung zur Kunst in meiner Jugend, romantische Stimmung, unaussprechliche Sehnsucht. Gleichzeitig melden sich schon in diesem Beginn die Warnung vor dem künftigen Unglück und der langanhaltende Ton, das viergestrichene E, aus dem Finale; es ist dies jenes verhängnisvolle Pfeifen in den höchsten Tönen, das 1874 in meinen Ohren entstand und mir die beginnende Taubheit anzeigte. Der zweite Satz: Quasi-Polka führt mich in der Erinnerung in das heitere Leben meiner Jugendzeit, in der ich meine Umwelt mit Tanzstücken überschüttete, selbst als leidenschaftlicher Tänzer bekannt war u.s.w. Der dritte Satz: Largo sostenuto erinnert mich an die Wonne der ersten Liebe zu dem jungen Mädchen, das später meine treue Frau wurde. Der vierte Satz: Die Erkenntnis der Wesensart der nationalen Musik und die Freude an den Ergebnissen des beschrittenen Weges bis zu jenem Augenblick, da sein weiterer Verlauf durch die ominöse Katastrophe jäh unterbrochen wurde: Beginn der Taubheit, Ausblick in eine freudlose Zukunft, ein kleiner Hoffnungsstrahl, dass doch noch eine Wendung zum Guten eintreten wird, aber, in Erinnerung an die ersten Etappen meiner Lebensbahn ist es doch ein schmerzliches Gefühl.“
Septett E-Dur „Aus meinem Leben“
Eine Generation nach Smetana wirkte der ebenfalls aus dem heutigen Tschechien stammende Joseph Miroslav Weber, dessen Karriere besonders durch seine Tätigkeit als Konzertmeister in namhaften Orchestern in Darmstadt, Wiesbaden und München geprägt war. Daneben hinterließ er eine eher kleine Zahl durchaus eindrucksvoller Kompositionen – überwiegend aus den früheren Lebensjahrzehnten, als Weber noch eine Karriere als Opernkomponist anstrebte. Sein „Aus meinem Leben“ untertiteltes Septett für Klarinette, zwei Hörner, Fagott und Streichtrio ist zunächst eine Hommage an die berühmte Quartettkomposition Smetanas. Auch Weber folgt der viersätzigen Anlage mit den unmittelbaren Bezügen zwischen Kopf- und Finalsatz und der musikalischen Schilderung persönlicher und professioneller Rückschläge. Andererseits ist es aber auch ein eigenständiges Werk mit einem gänzlich individuellen Charakter.