Im Dialog

von Janina Zell

JUNGE KOMPONISTEN AUF DER SUCHE NACH AUSDRUCKSVOLLEN  STREICHERKLÄNGEN

Ernst von Dohnányi reichte als 17-Jähriger das Sextett an der Musikakademie Budapest ein und betrat neben seiner Karriere als Pianist kompositorische Wege. Johannes Brahms äußerte sich bei einer Begegnung mit dem jungen Dohnányi im Jahr 1895 lobend über dessen kompositorische Arbeiten. Dunkle, mysteriöse Klangfarben, Schubertsche Anklänge, ein Scherzo in Mendelssohnscher Leichtigkeit, mal an Schumann oder Beethoven erinnernd, zeugen von der Inspiration und Auseinandersetzung mit den kompositorischen Vorbildern und lassen seine Begabung für den eigenen Klang erkennen. 

Auch Johannes Brahms’ Sextette werden ihm Maßstab gewesen sein. Mit diesem op. 18, das zu seinen ersten veröffentlichten Werken reiner Streicherkammermusik gehört, begann der Brahms’sche Erfolg und die Publikation begründet seinen „Meistertitel der Kammermusik“. Das Werk entstand während eines ausgiebigen Sommeraufenthalts am Rhein. Das Leben ging Brahms damals, wie er selbst bekannte, „so wonnig ein wie selten“. Etwas von diesem Hochgefühl spiegelt sich in den überschwänglichen Themen wider. Joseph Joachim, der berühmte Geiger und Komponistenfreund, unterstützte ihn bei der Ausarbeitung der Streicherstimmen. Eben dieser erfahrene Künstler berief Jahre später, als Rektor der Berliner Musikhochschule, Ernst von Dohnányi als Kompositionslehrer an sein Institut.

Jörg Widmann komponierte sein Sextett als 20-Jähriger. Inspiriert von den schnellen Beats des Techno jagt es „180 beats per minute“ mit hoher Pulsfrequenz durch. „Das Werk will nicht mehr sein, als es ist – pure Lust am Rhythmus“, so der Komponist. 

BETTINA RÜHL (Viola)

Was hat dich als Jugendlicher musikalisch inspiriert? 

BOGDAN DUMITRAŞCU (VIOLINE):

Als ich acht Jahre alt war, habe ich heimlich in einer Videothek den Film Amadeus gesehen – damals noch im tiefsten Kommunismus in meinem Heimatland Rumänien. Die Videothek war eigentlich nur für Erwachsene, aber ich habe mich mit zwei Schul-freunden hineingeschlichen. Ich kann mich noch erinnern, wie mich dieser Film durch Mozarts Musik berührt hat, und an das traurige Ende. Und ich weiß, dass ich danach betrübt nach Hause gelaufen bin. Seitdem fühle ich mich der Musik Mozarts sehr verbunden – er ist bis heute einer meiner Lieblingskomponisten.

TOBIAS BLOOS (VIOLONCELLO):

Noch bevor ich ein Instrument lernte, habe ich schon als Kind viele wunderbare Momente mit Musik erlebt. Hiervon inspiriert, war das Spielen des Cellos schon bald fester und wichtiger Bestandteil meines Alltags. Im Musikerberuf profitiere ich immer noch von den zahlreichen und schönen Erinnerungen, die ich in meiner Kindheit und Jugend musikalisch erleben konnte. Daneben sind, heute wie früher, natürlich erfolgreiche Konzerte und Aufführungen immer eine große Motivation.

Ernst von Dohnányi

galt als Wunderkind und später als einer der vielseitigsten Musiker Ungarns

Streichsextett B-Dur

im Entstehungsjahr 1893 führte Neuseeland als erstes Land weltweit das Frauenwahlrecht ein

Ernst von Dohnányi prägte das ungarische Musikleben des 20. Jahrhunderts. Neben seiner internationalen Karriere als Pianist und Dirigent komponierte er und unterrichtete als Professor in Budapest, Berlin und schließlich in Florida. Seine Spuren reichen über die Generationen hinweg bis nach Hamburg, zum einen musikalisch: Sein Enkel Christoph von Dohnányi war Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper (1977–1984) und später Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Zum anderen politisch: Denn sein Enkel Klaus von Dohnányi wurde Erster Bürgermeister von Hamburg (1981–1988).

Mit seinem Streichsextett B-Dur, entstanden 1893, gelang Ernst von Dohnányi die Aufnahmeprüfung am Budapester Konservatorium. Später überarbeitete er sein Werk noch zweimal. Wir hören heute die finale Fassung von 1898. Dohnányis Lehrer Hans Koessler war ein enger Freund von Johannes Brahms und machte diesen auf den jungen Komponisten aufmerksam. Wie vertraut Dohnányi mit dem Schaffen von Brahms war, wird ihm vielfach nachgesagt und lässt sich auch im heutigen Konzert erahnen. Anders als viele ungarische Komponisten seiner Generation griff Dohnányi nur selten auf folkloristische Elemente zurück. Sein Sextett ist ein Frühwerk, das klar im 19. Jahrhundert wurzelt und zugleich voller Raffinesse bereits die kompositorische Reife des jungen Komponisten erkennen lässt, mit seinem besonderen Sinn für opulente Klangfarben.

Welche musikalischen Einflüsse in diesem Frühwerk von Dohnányi habt ihr in den Proben entdeckt und diskutiert?

SAWAKO KOSUGE (VIOLINE):

Der Stil dieses Werkes erinnert uns stark an Mendelssohns Musik. Zugleich spürt man eine gewisse Innigkeit, wie man sie von Schumann kennt, und vielleicht auch sein Interesse an Wagners Musik. Der Mittelteil des zweiten Satzes wirkt für mich fast wie ein melancholischer ungarischer Tanz von Brahms. Dieses Werk zu spielen fühlt sich an, als würde man einen Blick in das Bücherregal des jungen Dohnányi werfen.

 

Was hat euch am meisten überrascht an diesem eher unbekannten Werk?

SAWAKO KOSUGE (VIOLINE):

Dass eine so reife und überzeugende Musik als „Studienwerk“ ohne Opuszahl eingeordnet ist!

YITONG GUO (VIOLA):

Da ich zuvor bereits sein Streichtrio gespielt habe, war es für mich faszinierend zu sehen, wie konsequent Dohnányi
seinen Stil auch im Sextett fortführt. Besonders beeindruckt haben mich seine unverkennbare nationale Tonsprache und die extrem kantablen, sanglichen Melodien. Ein absolutes Highlight ist für mich zudem das für ihn so typische Unisono im Finale, das in dieser Besetzung eine ganz besondere Kraft entfaltet.

Jörg Widmann (*1973)

ist auch Dirigent, Klarinettist und spielt selbst sehr gern Kammermusik

„180 beats per minute“
für Streichsextett

im Entstehungsjahr 1993 wurde das World Wide Web offiziell für die Öffentlichkeit freigegeben

Jörg Widmann, geborener Münchner, gehört zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Musik. Mit jedem seiner Stücke verbindet er Tradition und Gegenwart aufs Neue. Über sein Werk für Streichsextett berichtet er: „‚180 beats per minute‘ entstand 1993, kurz nach meiner Schulzeit. Die damals sehr angesagten ‚Techno-Nights‘ inspirierten mich zu diesem Stück. Ein rhythmischer Drive und ein permanenter Wechsel des Pulses jagen in Höchstgeschwindigkeit (180 Schläge pro Minute) vorüber. Die Struktur verdichtet sich zu einer Studie über einen Akkord, der im Prinzip das gesamte Stück hindurch variiert, aber in seinem Tonmaterial unverändert bleibt. Bis sich schließlich das Stück verdichtet zu einem sechsstimmigen Kanon, der von der ersten Violine bis zum dritten Violoncello wandert und dabei zwischen Dur- und Moll-Terz pendelt.“

Der Komponist gestand auch: „Das Schwitzen der Virtuosen lässt mich nicht kalt. Ich möchte es sogar herausstellen“.

Was bringt dich in einer Konzertsituation zum Schwitzen? 

BETTINA RÜHL (VIOLA):

Die Energie zwischen Publikum und Musiker:innen.  

TOBIAS BLOOS (VIOLONCELLO):

Genau dieses Stück könnte mich zum Schwitzen bringen, was nicht unbedingt hilfreich ist – wer hier einen kühlen und klaren Kopf behält, ist sicherlich im Vorteil. Ich hoffe, das gelingt mir. ;)

YITONG GUO (VIOLA):

Haha, natürlich kommt man in Momenten der Nervosität ins Grübeln, und gerade bei technisch höchst anspruchsvollen Passagen bekommt man schon mal feuchte Hände. Dass ich physisch richtig geschwitzt bin, passiert bei mir eher selten – ich bin einfach kein Typ, der leicht schwitzt (lacht). Aber innerlich sieht es ganz anders aus: Da herrscht bei mir oft purer Enthusiasmus und große Leidenschaft, was mich emotional absolut ins Schwitzen bringt!

Johannes Brahms (1833–1897)

zu seinen bekanntesten Werken zählen
„Ein deutsches Requiem“ und die „Ungarischen Tänze“

Streichsextett B-Dur op. 18

während Brahms 1858–60 an diesem Werk arbeitete, legte Charles Darwin
mit „On the Origin of Species“ die Grundlagen der Evolutionstheorie dar

Brahms, der (wahrscheinlich nicht nur unter Hamburger:innen) prominenteste  Komponist dieses Programms, legte mit seinem Streichsextett in B-Dur seinen Durchbruch in der Kammermusik vor – mit 27 Jahren. Durch die Wahl der Sextettbesetzung umschiffte er geschickt die gewichtigen Gattungen Sinfonie und Streichquartett mit ihren Meilensteinen, an denen es sich stets zu messen galt, und schlug einen Weg ein, der ihm weitgehend unbeschrittene Pfade eröffnete.

Das Sextett lebt von Kontrasten: lyrische Melodien, Variationssätze mit barocken und volksmusikalischen Anklängen, lebendige Dialoge zwischen Instrumenten und überraschende Wendungen im Scherzo. Schon hier zeigt sich Brahms’ Fähigkeit, kleinste Motive zu entwickeln, zu verschränken und immer wieder neu zu beleuchten. Trotz der formalen Disziplin sprüht die Musik vor Energie und Sinn für Klangfarben. Ein besonderes Detail geht vermutlich auf die Idee seines Freundes Joseph Joachim zurück: das erste Thema vom Cello eröffnen zu lassen – ein Moment, der die charakteristische Stimmung des Werkes zwischen Intimität und geradezu orchestraler Balance und Kraft widerspiegelt. 

Was macht mit deinem Instrument besondere Freude beim Spielen dieser Komposition und in der Sextett-Besetzung? 

BETTINA RÜHL (VIOLA):

Brahms hat einen unvergleichlich warmen Gesamtklang geschaffen. Den Soli der anderen Instrumente mit bewegten Achtelketten den Boden zu bereiten, ist für mich ebenso inspirierend wie der Beginn des zweiten Satzes, wo die erste Viola das Thema der barocken „Folia“ vorstellt. 

SAWAKO KOSUGE (VIOLINE):

Je mehr Stimmen, desto mehr Austausch – und gerade als Mittelstimme macht mir das besonders Spaß. Außerdem ist es eine große Freude, dieses in Hamburg entstandene Werk hier spielen zu dürfen.

 

Welche Anregung oder Frage möchtet ihr eurem Publikum mit auf den Weg geben?

YITONG GUO (VIOLA): 

Ich hoffe, dass das Publikum durch dieses Konzert die ganz eigene Magie und den besonderen Charme des Streichsextetts für sich entdeckt. Es ist eine so dichte und farbenreiche Gattung, die hoffentlich  noch lange nachklingt.

BOGDAN DUMITRAŞCU (VIOLINE): 

Ein Konzert endet mit dem letzten Takt – doch die Bilder im Kopf bleiben. Welche Geschichte hat die Musik unseres heutigen Programms in Ihrer Fantasie erzählt?